Japan: eine Fahrt nach Nara - ein besonderer Ort.

Schweigen umgibt mich. Das absolut Fremde, Exotische, im Zug von Osaka nach Nara in Japan. Die geräuscharme schnelle Bahn jagt aus dem Häusermeer der Stadt hinaus in ein ebenes, kaum besiedeltes Land; vereinzelte Reisfelder zu beiden Seiten der Strecke.Die Mitreisenden verborgen hinter ihren Gesichtsmasken, unnahbar, die Augen niemals neugierig auf mich gerichtet, Smartphones nehmen ihre ganze Aufmerksamkeit. Die Abteiltür wird geöffnet – herein tritt der Schaffner im
Dienstanzug, blau mit roten Tressen, verbeugt sich zum Ko-tau –schreitet gemessen durch das Abteil dreht sich zu den Reisenden – verbeugt sich zum Ko-tau, öffnet die Tür zum nächsten Abteil – und so weiter und so weiter . . . nicht etwa um die Fahrkarten zu kontrollieren, die man vorher an einem Automaten ziehen musste.In öffentlichen Verkehrsmitteln sprechen sie nicht, nicht in ihre Smartphones und nicht miteinander. Doch dann, ein älterer Japaner auf dem Platz gegenüber spricht mich auf Englisch an; fragt, aus welchem Land ich komme, ob ich den Todai-ji-Tempel besichtigen will, macht mich auf eine weit entfernt zu sehende Pagode aufmerksam – erkundigt sich wie ich Japan finde, wie das Essen, wie die Menschen. Seine Fragen werden immer provokativer. Er versucht seine Kenntnisse über das 3. Reich in Deutschland gegenzuchecken, will wissen, was ich dazu zu sagen habe. Hat er Erfahrungen mit Deutschland im 2. Weltkrieg gemacht? Mehrmals hintereinander wiederholt er den Satz: “Ich bin jetzt 82 Jahre alt und war noch niemals weg aus Japan.”Woher, frage ich naiv zurück, woher er denn so gut Englisch könne? Er sagt: aus Büchern. Spätestens jetzt antworte ich nicht mehr; das kann ich nicht diskutieren mit jemandem, der zu Zeiten des 3. Reiches ein Kind in Japan war. `Immer wieder`, denke ich: `ob in London, Paris oder Florenz, sobald ich erkläre, woher ich komme, fragen sie mit verächtlichen Gesichtern, warum wir Deutschen den Krieg angefangen haben. Und es hilft mir gar nichts, dass ich dann sage: “Ich bin nach Ende des Krieges geboren.” Sie machen keinen Unterschied: “Deutsch bleibt Deutsch und man muss auf der Hut sein.” Der unbekannte Mann sagt noch “good bye”, steigt wie ich in Nara aus dem Zug und auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig wieder ein, fährt zurück nach Osaka.Eine blasse Wintersonne scheint, es ist kalt und windig.Auf dem Weg zum Tempel begegne ich unzähligen zahmen, “angefütterten” Rehen neben der Straße. Rehe, die einem nahekommen, die Boten der Shinto-Götter sind, um Futter betteln. Ich betrete das Tempelgelände durch ein rotes Shinto-Holztor. In den Andenkenkiosken rechts vom Weg drängen sich japanische Besucher. Ein schnurgerader gepflasterter Weg läuft durch einen großartig angelegten Park mit seltenen Bäumen und einem Koi-Teich auf ein weiteres reich verziertes riesengroßes dunkles Holztor hin, das nur über große breite Treppen zu überwinden ist. Dieses Tor durchschritten blicke ich geradeaus auf den Buddhatempel aus geschwärztem massivem Holz mit hellen rechteckigen Wandverkleidungen und zwei übereinander angelegten Dächern für zwei Etagen, die Ausläufer der Dächer in sanftem Bogen gen Himmel gerichtet mit goldenen halbrunden Hörnern zu beiden Firstenden. Die Rehe begleiten mich zum Tempel, bedrängen mich, betteln um Nahrung. Eine breite Holztreppe führt mich hinauf zu den offenen Portalen. Überdimensional der Buddha dessen Größe ich nicht mit einem Blick erfassen kann, der goldbronze leuchtend einen Strahlenkranz um den Kopf trägt. In die auf seinem Schenkel liegende Hand sollen fünf Mönche passen. Zu beiden Seiten der im Lotussitz nach außen zeigenden Knie sitzen zwei schöne Frauen, reich geschmückt; auch ihn umrahmend sind acht schöne Frauen zu sehen. Seine “Begleiter oder Beschützer” in der Nebennische sind fast von der gleichen Größe wie der Buddha und zum Fürchten wie Krieger ausgestattet. Damit hatte ich nicht gerechnet, einer Buddha-Statue so nahe zu kommen, dass sie durch ihre Größe und Wucht derart erdrückend wirkt. Mein Selbstbild gerät ins Wanken; ich fühle mich winzig, unbedeutend angesichts solcher Dimensionen, werde berührt von fremder, unbekannter Religion. Nicht lange zuvor hatte ich mich mit dem Gedanken befasst, dem Buddhismus näher zu treten. Doch jetzt spüre ich eine tiefe Fremdheit, ein Nicht-Verstehen, eine nahezu Existenz bedrohende Verzagtheit, dass ich es mit der Angst bekomme. In unseren Breiten bauen sie die Kathedralen und Kirchen zuerst und füllen sie dann mit all den christlichen Artefakten wie Kreuzen, Statuen und Altären. Und hier nun – hier ist es genau umgekehrt. Der Tempel ist um den Buddha herum aufgebaut.

Brigitte Lohan. März 2017