Mitten im Flüchtlingsdrama

Schon seit einiger Zeit habe ich mein Herz an Ungarn verloren, genauer gesagt an Budapest, denn viel mehr war mir noch nicht beschieden, von dem Land meiner Träume zu sehen.
Bei meiner dritten Fahrt war das grundlegend anders.

Zunächst verlief alles wie immer. Nach einem ausgiebigen Frühstück in Bad Schandau habe ich dort den Euro-Zug bestiegen. Wie immer gab es viel zu bestaunen auf der Fahrt durch die Sächsische Schweiz, hinweg durch Prag über Bratislava, um dann letztendlich in Budapest anzukommen. Und nicht nur irgendwo in Budapest anzukommen, sondern auf dem großen Ostbahnhof Keleti.
In diesem Bahnhof gibt es sogar einen kleinen Saal mit Marmorsäulen und Gemälden an der Wand. Genau wie in einem Schloss; es war sicherlich einmal der Wartesaal für den Zaren oder den Sultan, oder wie auch immer die Herrscher des Ostens heißen. Schon bei meinem ersten Besuch war ich von dem regen Treiben auf dem Keleti-Bahnhof, der sich über zwei Ebenen erstreckt, vollkommen beeindruckt. Doch diesmal war alles anders… Ich eile, nach über 24 Stunden Fahrt, die Treppe hinunter, um mir ein Ticket für die U-Bahn zu besorgen und erstarre in der Bewegung. Ich traue meinen Augen kaum: vor mir türmt sich ein großes Gitter auf, und dahinter liegen zahlreiche Menschen auf irgendwelchen Decken, und Polizisten und andere Menschen schieben Wasserflaschen durch das Gitter. Es ist das Gitter zum Hauptausgang, und die Menschen auf ihren Decken sind nicht etwa eingesperrt, sondern im Gegenteil, ihnen ist der Zugang zum Keleti-Bahnhof versperrt. Nur langsam registriere ich, dass dies die Flüchtlinge sein müssen, von denen ich schon so viel gehört hatte.Diese Situation hatte mich dazu bewogen, vorsichtshalber schon in Deutschland eine Reservierung für die Rückfahrt zu sichern.
Nachdem ich mir von den Polizisten erst einmal habe erklären lassen, wo ich denn einen Ausgang finde, wurde mir angesichts dieser Menschenmassen doch etwas mulmig zumute. Ich brauchte ja auch noch mein Ticket für die U-Bahn, was gar so leicht zu organisieren war, weil die Schalter alle geschlossen waren. Und einen Ticketautomaten zu bedienen, wenn man die Sprache nicht versteht und dabei obendrein über unendlich viele Menschen hinwegzusteigen, ist eine Kunst für sich. Ich war froh, als ich dem Keleti-Treiben entronnen war, und meine Hauswirtin mich in Empfang nahm.
Noch dachte ich mir nichts Böses! Bis ich am nächsten Morgen den Fernseher eingeschaltet habe. Dort berichtete gerade das ZDF von den Geschehnissen am Budapester Ostbahnhof. Man habe die Flüchtlinge ausgesperrt, um zu verhindern, dass sie Züge belagerten oder stürmten. Sie wollen alle in Richtung Westen, nach Österreich oder Deutschland. Aber nun habe man das Eingangstor wieder geöffnet, so hieß es, man ließe die Flüchtlinge in den Bahnhof hinein und auch die Polizei wolle man abziehen. Dafür allerdings, mir stockte der Atem, werde der komplette Zugverkehr ins westliche Ausland eingestellt. Ich kann nicht leugnen, dass in diesem Moment Panik in mir hoch stieg. Denn was sollte ich mit meinem Rückfahrticket nebst Platzreservierung anfangen, wenn gar kein Zug verkehren würde? Vor meinem geistigen Auge spielten sich die schlimmsten Szenen ab. Sollte ich zur Botschaft gehen – zusätzliche Übernachtungen hätten Geld gekostet, welches ich aber nicht zur Verfügung hatte, – oder sollte ich mit dem Zug nach Szob fahren, an die slowakische Grenze, und dort riskieren, womöglich selbst über die grüne Grenze zu müssen, um dann in der Slowakei meinen Euro-Zug zu erreichen?
Was, wenn ich auf dem kilometerlangen Weg über die Grenze ausgeraubt würde, und wie sollte ich mein Gepäck transportiert bekommen. Oder einfach abwarten, was passiert? Aber was, wenn das Geld aufgebraucht ist, wenn die Züge wieder fahren. In dem Fall hätte ich mich gleich zu den Flüchtlingen legen können… Ich beschloss erst einmal, die Ruhe zu bewahren und mir selbst ein Bild vom Keleti Bahnhof zu machen.
Gesagt, getan…
Auf dem Bahnhof herrschte nach wie vor dichtes Gedränge. Ich habe den Fehler gemacht, mit der U-Bahn direkt dorthin zu fahren. Kaum war ich die Rolltreppe oben, musste ich wieder über die vielen Menschen hinwegsteigen. Und nicht nur das, inzwischen lag ein unangenehmer Geruch über den beiden Bahnhofsplattformen. Urin, wie er in der Presse oft beschrieben wurde, war es nicht. Es war ganz einfach nur ein Geruch nach Mensch. Möchte gar nicht wissen, wie es auf den Sklavenschiffen gewesen sein muss…
Prompt standen zwei bedrohlich aussehende, junge Männer vor mir, mit einem Packen Glanz-Bilderbögen im Arm. Einer gab mir zu verstehen, dass er Euro haben wollte. Ich zeigte ihm, dass ich nur Forint habe, da verlangte er 3000 Forint für einen Bogen. Für 3000 Forint kann ich mich in Budapest, wenn ich sparsam bin, im Aldi für ein paar Tage an Lebensmitteln eindecken. Aber, weil ich auch mal nett sein wollte, gab ich ihm die gewünschten Forint. Aber mein Gönnergefühl hielt nicht lange an, denn nun verlangte der zweite 2000 Forint für seinen Bogen. Das habe ich aber entschieden, wenn auch mit zittrigen Knien, abgelehnt. Allerdings muss ich jetzt hierzu sagen, dass ich nicht weiß, ob es sich bei den Männern um Flüchtlinge oder um Sintis gehandelt hat, da diese den Bahnhof so oder so ständig belagern. Nun also, 3000 Forint ärmer, kam ich endlich zum Info-Schalter durch. Die Antwort, die ich dort bekam, war wenig zufriedenstellend. Auch die Beamten dort bekämen immer nur eine Prognose für die nächsten zwei Tage über die Weiterfahrt der Züge…
Nachdem ich nun schon drei Tage lang Blut und Wasser geschwitzt hatte, kam dann am Samstag endlich die erlösende Nachricht. Ministerpräsident Orban hatte in der Nacht 100 Busse vorbeigeschickt, um die Flüchtlinge vom Keleti-Bahnhof an die Grenze zu Österreich zu transportieren. Hoffnung keimte in mir auf: sollte ich doch Deutschland noch mal wiedersehen? Ich machte mich sofort auf den Weg zum Ostbahnhof. Wieder fragte ich die Dame an der Information, ob die Züge denn wieder Richtung Deutschland abgingen. Dieses Mal bejahte sie. Doch ich war noch so ungläubig, dass ich sie nochmals gefragt habe, ob ich mich denn wirklich darauf verlassen kann, dass sie am Dienstag nach DEUTSCHLAND fahren. Da hat sie wohl gedacht, ich sei auch eine von den Flüchtlingen. Jedenfalls erklärte sie in ihrem netten Englisch, dass ich doch aber „Willkommen“ sei. Ich war so perplex, dass mir keine Antwort einfiel außer „Danke“. Sonst hätte ich ja noch hinzugefügt, dass ich sofort zur Polizei gehe, um mich dort registrieren zu lassen. Ja, so wusste ich also, dass Hoffnung bestand, doch noch einmal deutschen Boden zu betreten. Ganz ehrlich, hätte ich zu Hause keine Verpflichtungen, mehr Geld als Startkapital und wäre der ungarischen Sprache mächtig, wer weiß, vielleicht wäre ich dann glatt dageblieben..
Aber so war die Planung nun mal, am Dienstag mit dem Euro-Zug nach Dresden zu fahren. Ich gebe zu, ich habe der Sache nicht getraut und bin jeden Tag zum Bahnhof, um die Lage im Auge zu behalten. Und in der Tat zeichnete es sich immer mehr ab, dass das Bahnhofsgelände sich wieder mehr und mehr füllte.
Bis zum Moment der Abreise habe ich schwarz gesehen. Doch dann war es soweit, und die Züge fuhren tatsächlich. Und dennoch gab es auch hier noch ein Problem. Nämlich der Zug nach Wien und München fuhr von Gleis 8 ab, der Zug nach Hamburg über Dresden, also meiner, von Gleis 7, und beide Gleise waren auf der gleichen Plattform. Der Zug nach München um 7.10 h, der nach Hamburg um 7.25 h. Jetzt tat sich an der Polizeiabsperrung zu den beiden Gleisen ein riesig großer Menschentumult auf. Leute wedelten mit ihren Fahrkarten und begriffen nicht, dass die Ansage alle 10 Minuten erzählte, dass für Züge ins Ausland Reservierungen nötig seien.
Eine Rückfahrt mit Hindernissen
So standen da auch noch unzählige Menschen, als der Zug nach München endlich abrauschte. Ich bekam schon wieder leichte Panik, ob ich überhaupt den Hauch einer Chance haben würde, dort durch den Pulk hindurch zu kommen. Doch ich muss sagen, die Leute haben sofort anstandslos Platz gemacht und mich durch die Polizeiabsperrung gelassen. Ein bisschen verwundert war ich allerdings schon,denn mein Zug war gähnend leer. Die Züge Richtung Wien und München hingegen platzten aus allen Nähten. Ich vermute, dass es daran lag, dass die Flüchtlinge von den Erstaufnahmelagern mussten. Vielleicht war es ihnen aber auch zu riskant, noch einmal über zwei weitere sichere Länder wie die Slowakei und Tschechien zu fahren. Das zu beurteilen, liegt allerdings außerhalb meines Kenntnisstandes.
Doch bei dieser Gelegenheit ist es mir wichtig zu berichten, dass die Flüchtlinge vom Keleti-Bahnhof zu keiner Zeit schlecht behandelt wurden. Ich habe nichts Derartiges beobachten können: niemand wurde geschlagen oder schikaniert. Im Gegenteil, auch hier wurden die Menschen mit Hilfsgütern versorgt. Sicher, hierfür war nicht die Regierung verantwortlich, aber die Budapester haben ihre ganze Herzensgüte aufgebracht und alles zusammengetragen, was erforderlich war. Bevor die 100 Busse abfuhren, herrschte Chaos und man konnte nicht viel sehen davon. Aber danach sah es aus wie auf einem Wochenmarkt. Budapester Bürger haben mit den Kindern Ball gespielt, und ich habe sogar Autos aus Bulgarien und der Slowakei gesehen, die Hilfsgüter brachten. Ungarn ist selbst kein armes, aber ganz bestimmt kein reiches Land. Umso erschreckender war es da für mich, ein Video anschauen zu müssen (hochgeladen bei You Tube), in dem die Flüchtlinge Hilfsgüter nicht annehmen, sondern diese sogar auf die Schienen warfen. Das waren ganze Six-Packs mit 1,5-l-Flaschen Wasser, und das alles nur, weil sie weiter nach Deutschland wollten. Auch zu Herrn Orban möchte ich ein paar Worte sagen. Dieser angeblich böse Herr hat gar nicht anders handeln können. Ungarn hat eine hohe Anzahl der Jobbik-Parteianhänger. Die Jobbik-Partei ist die Rechts-Partei in Ungarn und ist zur Zeit die zweigrößte Partei im Land. Würde Ministerpräsident Orban jetzt nicht so hart durchgreifen, kann man sich ausrechnen, was passieren wird. Und das wären Zustände, die nun wirklich niemand haben möchte. Herr Orban nicht, und wir in Deutschland doch ganz sicherlich auch nicht. Ich für mein Teil habe in jedem Fall entschieden, was auch immer kommen mag, es war sicherlich nicht mein letzter Besuch in Ungarn und Budapest. Und den Keleti Ostbahnhof werde ich mit Sicherheit auch noch mal wiedersehen.

Text und Bilder: Angela Antrop