Das alte Stundenglas

Ich hatte es lange Zeit vergessen, das alte Stundenglas, das für meine Großmutter von so enormer Wichtigkeit wahr. Sie pflegte es, wie ihren eigenen Augapfel. Es wurde ihr ständiger Begleiter. Ob sie in ihrem Arbeitszimmer saß, um Zigarren einzurollen oder in der Küche am Kohlenherd stand, um einen Kuchen zu backen. Überall konnte sie unabhängig von der Tageszeit entscheiden, ab wann für sie der Ablauf einer Stunde begann und wann er endete.Die reale Uhrzeit war für sie zweitrangig. Nun muss man wissen, dass damals in den Fünfziger Jahren, meine Oma nur eine mechanische Wanduhr in ihrer Wohnung besaß. Und diese Wanduhr hing im Wohnzimmer. Sie schlug zur halben Stunde einmal und zur vollen Stunde zweimal. Jeden Abend wurde die Uhr von Hand mit einem Schlüssel aufgezogen. Genau drei Umdrehungen. Manchmal, wenn ich Ferien hatte und auch abends bei meiner Oma sein konnte, durfte ich die drei Umdrehungen mit Stolz selbst ausführen. Oma beobachtete mich dabei natürlich genau. Nur mit dem alten Stundenglas war sie eigen. Sie trug es immer selbst, und sie ermahnte mich mehr als zweimal aufzupassen, damit es nicht vom Tisch oder der Anrichte oder der Fensterbank fiel, auf die sie es selbst gestellt hatte. Irgendwann geriet das Stundenglas für mich in Vergessenheit. Als Oma starb, ging es in den Besitz meiner Mutter über.

Ich kann mich jedoch nicht erinnern, dass es in Mutters Haushalt einmal in Gebrauch war. Es stand lange Zeit im Küchenschrank. Doch benutzt wurde es während meiner Anwesenheit nicht. Da gab es eben eine mechanische Uhr im Elektroherd mit Laufzeiten bis zu zwei Stunden. Da wurde Omas Stundenglas, Mutter bezeichnete es manchmal als Sanduhr, überflüssig. Ich vermisste es auch nicht und eine Zeitlang war es aus meiner Erinnerung entschwunden. Nur einmal, ich hatte mich mit der Literatur Ernest Hemingways beschäftigt und seinen Roman „ Wem die Stunde schlägt“ gelesen, da sah ich es bildlich vor meinen Augen.

-Die beiden Buchenholzscheiben als Boden und Deckel. Die drei Buchenholzstangen, die in Boden und Deckel eingeschraubt sind. Die beiden tropfenförmigen Gläser, die gegenläufig übereinander liegen und zwischen Boden und Deckel eingeklemmt sind. Ich sah den Sand rieseln, wie sich das obere Glas leerte während sich das untere Glas füllte. Und als sich der gesamte Sand im unteren Glas gesammelt hatte, war eine Stunde vergangen – .

Beim nächsten Besuch meiner Mutter fragte ich sie nach dem Stundenglas. Doch es war nicht mehr zu finden. Mutter hatte zwischenzeitlich eine neue Küche gekauft und sie konnte sich an den Verbleib nicht genau erinnern. Über dreißig Jahre sind seit der Zeit verstrichen. Vor ein paar Jahren, meine Mutter bat mich ihren Keller zu entrümpeln, entdeckte ich es in einem Maurereimer, der mit einem Metallblech abgedeckt war. Omas altes Stundenglas. Ich nahm es behutsam in die Hand und es war, als hörte ich ihre Stimme: – Kind pass auf. Lass es nicht fallen- . Ich musste mich zusammenreißen um nicht – Ja, Oma ich bin ganz vorsichtig-, zu sagen. Und doch, ich war vorsichtig. Langsam drehte ich es und wartete gespannt darauf, dass der Sand im oberen Glas zu rieseln begann. Und tatsächlich, der Sand rieselte wie vor Jahrzehnten. Ich stellte das Glas auf ein Regalbrett und schaute den fallenden Sandkörnern zu. Ich wollte nicht eine Stunde warten bis das untere Glas den gesamten Sand aufnahm, sondern den Keller entrümpeln. Ich sah auf meine Armanduhr und nahm mir vor, nach fünfzig Minuten, die Funktion wieder zu überprüfen. Und nach fünfzig Minuten rieselte der Sand durch die schmale Öffnung zwischen dem oberen und dem unteren Glas noch mit der gleichen Geschwindigkeit wie zu Beginn. Ich staunte über die Viskosität des immer noch weißen Sandes. Es musste sehr guter Sand sein. Schlechtes Material hätte in den Jahrzehnten zum Verkleben geführt und damit zur Unbrauchbarkeit des Stundenglases. Die restlichen Minuten bis zur vollständigen Leerung des oberen Glases wartete ich mit Spannung ab. Der zeitliche Unterschied oder die Differenz zwischen meiner mechanischen Armbanduhr und dem Stundenglas betrug drei Minuten. Darüber war ich mehr als erstaunt. Doch etwas Anderes versetzte mich in Freude. Während der Sand aus dem oberen Glas rieselte, beobachtet ich, wie die Höhe des noch vorhandenen Sandes immer schneller abnahm, wobei die Menge des nach unten fallenden Sandes gleich blieb. Ich fand eine Darstellung, wonach ich lange gesucht hatte. Eine Darstellung für das, was meistens nur ältere Menschen empfinden: Das Gefühl, dass die Zeit, je älter man wird, immer schneller läuft. Und so steht die Höhe des Sandes im oberen Glas für die Zeit unseres Lebens. Zuerst scheint sie langsam zu laufen, doch je älter wir werden, desto schneller entschwindet sie für uns. Meine Mutter war die erste, mit der ich meine Gedanken über die Lebenszeit besprach. Da nach ihrem Gefühl, die Zeit ebenfalls viel zu schnell läuft, verstand sie es sofort. Ob meine neunjährige Enkeltochter es heute verstehen würde, glaube ich nicht. Junge Menschen haben ja meistens die umgekehrte Zeitempfindung. Da dauert es oft viel zu lange bis zum nächsten Geburtstag, bis zum nächsten Weihnachtsfest oder bis zu den nächsten Ferien. Mutter hatte nichts dagegen, dass ich das alte Stundenglas mit zu mir nahm und dort stand es bis vor einigen Wochen in meinem Büro. Als meine Tochter mich fragte, ob sie es in ihre antike Anrichte stellen dürfte, habe ich mit Freude zugesagt. So bleibt mir das alte Stundenglas nach einer Zeit des Gebrauches, nach einer Zeit des Verstecktseins, ein Stück kostbare Erinnerung.

Hans-Günter Spieshöfer