In Japan ist Rot ist die Farbe der Frauennanas-10c-2006-045

 

Yutaka war heute morgen wie üblich aus dem Haus gelaufen. Die  papierne Schutzmaske vor Nase und Mund saß er nun mit all den anderen in schwarze Anzüge und Mäntel  gekleideten Männern  in der U-Bahn, um die vier Stationen in die Innenstadt von Osaka zu fahren.  Er dachte an seine schöne Frau Michiko und die beiden Kinder. Wie schnell doch die Zeit verging.  Jetzt waren sie schon seit fünf Jahren verheiratet, und er sah sie noch immer vor sich – seine Michiko – in dem kostbaren roten Seidenkimono, bedruckt mit goldenen Chrysanthemen. Sie wohnten in einer Mietwohnung  in dem noblen Bezirk Nakanoshima der Präfektur Osaka. Bis vor kurzem arbeitete Yutaka ohne Unterlass in einer Firma als Finanzmanager. Doch nun hatte das Unternehmen auf seine Mitarbeit verzichtet. U n z u v e r l ä s s i g  schrieben sie ihm ins Zeugnis –  die Firma brauchte einen Mann, der pünktlich, fleißig und diszipliniert war und dem Unternehmen voll und ganz zur Verfügung stand, jeden Tag der Woche.  Auch daran dachte er,  mit höchst unangenehmen Gefühlen.  Als er von seinem Sitz aufstand,  schlappte er ein wenig aus den schwarzen Schuhen heraus, wäre beinah gestolpert. Er trug, wie alle hier Schuhe, die mindestens eine Nummer zu groß waren, da man vor jeder Tür in irgendwelchen Gebäuden die Schuhe auszog und gegen ein Paar Hausschuhe tauschte.

Seit seiner Entlassung ging Yutaka immer häufiger in die städtische Zone der Patschinko-Spielhallen.  Inzwischen war er sogar soweit, dass er sich mit all den anderen Spielern vor den Spielhallen aufstellte, wo er in von Holzbarrieren abgetrennten Abteilungen von 25 Spielern mit hunderten anderen Männern in aller Öffentlichkeit kontrolliert darauf wartete, eingelassen zu werden. Heute, heute würde er Glück haben! Könnte mit dem sicher gewonnenen Geld seine Familie bestens ernähren. Die Spannung vor der Spielhalle,  oder sagt man besser Spielhölle, war dermaßen gestiegen, dass er sich sofort nach dem Einlass auf einen der Spielautomaten stürzte, rücksichtslos, ganz gegen seine Natur,  denn er war eigentlich zurückhaltend und aufmerksam . Aber hier, hier konnte er die Sucht nicht länger unterdrücken, warf die Münzen ein, wartete gespannt darauf,  wann und wie die routierenden Räder anhielten, blickte auf das Ergebnis: Nichts! Keine Übereinstimmung der Symbole! Hektisch steckte er die nächsten Münzen in den Automaten, wartete auf das Ergebnis. Wieder nichts! Er hatte den letzten Rest des Geldes, das seine Frau sorgfältig in der verborgenen Ärmeltasche  ihres roten Seidenkimonos aufbewahrte, an sich genommen. Doch schon nach einer halben Stunde war das gesamte Geld verspielt. Bis  zum Abend  trieb er sich in der Stadt herum, und dann tat er so, als käme er von der Arbeit nach hause.

“Yutaka, ich habe heute in meinem Kimono nachgesehen, brauchte Geld für den Einkauf. Aber  ich habe nichts gefunden. Hast du es genommen?” “Nein, das wüsste ich. Wer auch immer das Geld genommen hat, ich bestimmt nicht.” “Nun, dann müssen wir bis zum Ende des Monats von Reis und Suppe leben. Ich kann nichts mehr einkaufen.”

Am nächsten Vormittag  ging Yutaka wieder in die Stadt, stellte sich in die Reihe der Patschinko-Spieler, sah sich um. Viele seiner Spielergenossen trugen abgerissene Kleidung, waren aggressiv. Hatten dunkle Ränder unter den Augen, eingefallene Gesichter und die schützenden Papiermasken an. In aller Heimlichkeit  hatte Yutaka den teuren roten Seidenkimono seiner Frau in eine Tasche gesteckt und zu einem Pfandleiher gebracht. Mit diesem Geld würde  er das Glück aufs Neue herausfordern. Er wollte unbedingt gewinnen. Er würde gewinnen, und dann würde er den Kimono wieder auslösen,  oder noch besser: Er würde seiner Frau einen neuen, noch wertvolleren roten Kimono kaufen. Yutaka war in seinem Element! Gleich der erste Einsatz war tatsächlich vom Gewinn gekrönt. “Ich wusste es doch” ,murmelte er, warf wieder und wieder die Münzen ein. Seine Glückssträhne hielt einige Runden an. Endlich konnte er auf sein Glück vertrauen.  Doch dann: Nicht ein einziger Treffer mehr! So schnell wie das Glück gekommen war, so schnell war es wieder verschwunden . Nach zwei Stunden war alles verspielt. alles, bis auf den letzten Yen. Er war aggressiv und unglücklich, hatte wie so oft in der letzten Zeit vor lauter Spielsucht das Frühstück vergessen. Ging wütend in ein Kimono-Geschäft in der Einkaufsmeile von Osaka.  Hier ließ er sich etliche teure Kimono-Modelle zeigen. Den roten Seidenkimono, der inzwischen von der Verkäuferin wieder sorgfältig zusammengelegt worden war, ließ Yutaka unter dem Mantel verschwinden – verließ das Geschäft, ohne etwas gekauft zu haben. Am gleichen Abend schenkte er seiner Frau Michiko den gestohlenen Kimono. Und kurz danach stand die Polizei vor der Haustür.

“Das hier ist  kein Auto der Polizei!”, der Rückspiegel zeigte Yutaka blass, die Haare unfrisiert, die Augenlider geschwollen und gerötet, die Augen unnatürlich glänzend. Schnell zog er seine Maske aus der Tasche und setzte sie vor Nase und Mund. Nicht auszudenken, sähe jemand  die große Angst in seinem Gesicht. Als der Fahrer das Auto startete wandte der Beifahrer sich zu ihm um. “Nein,  Sie haben Recht. Es liegt uns fern, Ihre wahre Identität aufzudecken. Da war der Diebstahl des Kimonos für uns der perfekte Anlass, Sie abzuholen und begründet länger von Ihrer Familie fernzuhalten. Uns war das nur recht, dass Sie diesen Fehler gemacht haben. Wie hoch die Strafe für Diebstahl ist, wissen Sie ja. Wir haben diese Gelegenheit genutzt, da Sie dringend für eine Mission gebraucht werden.” “Für eine Mission? Bei welcher Sache sollte ich Ihnen helfen können?” er war die Höflichkeit in Person, wiewohl vollkommen überrumpelt. “Über alles Weitere werden Sie gleich instruiert. Wir bleiben hier in Osaka.”

Gekleidet in Polizeiuniformen begleiteten die beiden Männer Yutaka über die Straße.  Der Bewegungsmelder an der Fußgängerampel ließ eine Amsel zwitschern, aus Sicherheitsgründen auch für blinde Fußgänger. Auf der anderen Straßenseite wandten sie sich nach links und strebten jetzt zügig auf ein riesiges Einkaufszentrum zu, einen Glaspalast. In der Dunkelheit von außen sichtbar endlose Rolltreppen in die zehnte Etage,  ein Gebäude von ungeheurer Dimension. Seine Begleiter leiteten ihn die Rolltreppen hinauf bis in die oberste Etage, wo sie ihn zum Ende eines langen Flures vor eine unscheinbare Tür brachten. Yutaka zog seine Schuhe aus und schlüpfte in die bereitstehenden Hausschuhe, bevor er eintrat: allein, denn die beiden Begleiter hatten sich verabschiedet. “Sei mir gegrüßt”,  Ko-Tau von Takeshi, Yutakas geschätztem Studienfreund. “Ich bitte dich um Verzeihung dafür, dass ich dich habe auf diese Weise herführen lassen.” “Was genau kann so wichtig sein, das ein solches Vorgehen rechtfertigt, Takeshi,  aber sei ebenfalls gegrüßt.” Yutaka blieb höflich, wiewohl noch immer erbost über die Art und Weise, wie man ihn hierher gebracht hatte.  “Dürfen wir Tee servieren?” “Grünen Tee bitte.” “Yutaka, ich komme gleich zur Sache, da uns nicht viel Zeit bleibt. Wir möchten gern deine Hilfe bei der Dechiffrierung einer militärischen Meldung.” “Dazu musstet ihr mich abführen?” “Ja, es handelt sich um geheimdienstliche Informationen.” “Ist das so eine ähnliche Einrichtung wie Bletchley-Park in Oxford während des 2. Weltskriegs?” “Ja, so in der Art.” “Bin ich der Einzige, der helfen soll, oder habt Ihr noch mehr Leute verpflichtet?” “Es ist ein Team von mehreren Wissenschaftlern. Du wirst sie kennen lernen im Falle du ziehst eine Zeitlang in unsere Zentrale um. Für deine Unterkunft und Verpflegung wäre gesorgt; für die finanzielle Absicherung deiner Familie ebenfalls.” “Dann war mein erster Gedanke, die Entlassung als Finanzmanager sei auf euer Eingreifen hin geschehen, doch richtig. Und Michiko soll weiterhin nicht über meine besonderen Einsätze informiert werden, stimmts? Jaaaa,  ist wahrscheinlich auch zu gefährlich. Kann ich verstehen.” “Gut, wenn du einverstanden bist Yutaka, werde ich Bescheid geben und du wirst gleich mit dem Helikopter nach Nara geflogen. “Habe ich eine Wahl? Ich muss wohl einverstanden sein.” Nach dem langen, ereignisreichen Tag wurde Yutaka plötzlich von einer unwiderstehlichen Müdigkeit übermannt und konnte nur mit größter Mühe seine Augen offen halten. “Wir werden dich sofort nach Nara in unser Hauptquartier fliegen lassen. Dort kannst du ausruhen. Wir sehen uns , Yutaka. Ich verabschiede mich.”

In diesem Moment traten die beiden Begleiter wieder auf und nahmen Yutaka mit auf das Dach des Gebäudes. Unterhalb der Rotoren des Helikopters stand die Einstiegsklappe offen. Und der Heli startete sofort. Osaka in der Dunkelheit aus der Luft gesehen: Eine moderne Stadt,  beleuchtete  Glas und Beton-Hochhäuser, dicht an dicht gebaut; das silberne Band eines Flusses mitten durch die Stadt reichte bis zum Atlantik. Der kurze Flug endete auf einem riesigen asphaltierten Platz. Eisiger Wind  fegte über den  Platz und ließ Yutaka in seinem Anzug zittern, während er hinüber zu der wartenden Limousine ging. Er befand sich hier inmitten eines Industriegebietes. Kurze Zeit später waren sie am Ziel; einem langgestreckten flachen Firmenkomplex. Yutaka stieg aus dem Auto,  konnte sich vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen halten. Doch beim Anblick der feinen Geisha, die ihn an der Tür empfing und umgehend zu seinem Schlafraum geleitete, nahm er sich noch einmal zusammen.  Vor der Tür ließ er seine Schuhe stehen und schlüpfte in die bereit stehenden Frottee-Badeschuhe.  Im weißen baumwollenen Kimono ging er kurz ins Bad um danach endlich, endlich ins Bett zu fallen. Das reichhaltige  japanische Frühstück am nächsten Morgen ließ ihn die Ungeheuer der nächtlichen Träume vergessen. Da wurde Yutaka von der  feinen Geisha auch schon abgeholt und zu einem Konferenzraum geführt.

Erfreut über das Wiedersehen, begrüßte er seine drei japanischen Kollegen. Yutaka war der geschätzte Kollege, der mit Zahlen- und Buchstabenkombinationen umgehen konnte,  der sich mit den bedeutendsten Weltsprachen und -Schriftarten auskannte, Morse und alle neuen Codes. Der  seine Doktorarbeit  zur Verschriftlichung bisher nur gesprochener afrikanischer Sprachen und Dialekte verfasst hatte.  Sein letzter Aufsatz handelte vom Aussterben und der Neubildung von Sprachen.  Auch die ENIGMA-Dekodiermaschine hatte er früh kennengelernt und deren Weiterentwicklung  stets verfolgt.

Yutaka setzte sich  an den Computerarbeitsplatz und öffnete den File auf dem Screen vor sich. Das Zugangspassword zum geheimen Projekt lautete “Kimono”. Konnte er seinen Augen trauen?   Alle gängigen Weltsprachen, sogar Esperanto, waren ihm geläufig aber dieser Code, den er da gerade auf dem Bildschirm vorfand war nicht von dieser Welt. Manche der Schriftzeichen erinnerten an ägyptische Hieroglyphen, oder Kyrillisch oder die arabische Schrift, auch an Chinesische oder japanische Schriftzeichen , dann wieder die lateinische Schrift, ebenso wie mathematische Formeln, Zahlenreihen. Nein! Das alles nicht!  Wenn überhaupt eine wirre Kombination all dieser Schriftsprachen. Die Dechiffrierung wird viel Zeit kosten. “Sortiere die diversen Schriften nach Sprachen und filtere heraus, was nicht zu dem bisher Bekannten gehören kann”, beauftragte er das PC-Programm. `Vielleicht ist da was übrig bleibt, das sich nicht zuordnen lässt, der Code, den es zu knacken galt.` Arbeit für viele Wochen. Yutaka entwickelte ein Computer-Programm, um die bekannten Sprachen auszusortieren und zuzuordnen. Endlich nach endlosen Rechenschritten waren die bisher unbekannten Zeichen zurück geblieben.  Die Gewissheit, dass er hier seine  soliden Kenntnisse einsetzen konnte im Gegensatz zu dem Glücksspiel Patschinko beruhigte ihn. Doch vor ihm lag eine große  Aufgabe. Nämlich die Dechiffrierung der geheimen Botschaft.

 

 

Brigitte Lohan