Mitten im Sommer über Sterbebegleitung zu schreiben, mag auf den ersten Blick vielleicht unpassend erscheinen, da wir gewohnt sind, solche Themen eher im grauen Dunkel des Novembers anzutreffen. Gerade deshalb möchte ich die Zeit der Sommer-Sonnenwende nutzen, um den Tod ans Licht zu holen.

100_3861 (3)Während meines späten Studiums hier an der Uni Bielefeld jobbte ich bei einem lokalen Pflegedienst. Die Leitung legte Wert darauf, dass alle Mitarbeiter einmal jährlich an einer frei gewählten Fortbildung teilnahmen. Unter diversen Angeboten entschied ich mich damals für ein Wochenend-Seminar über Hospizarbeit und Sterbebegleitung. Wie den meisten Menschen war mir dieses Thema fremd und fern vom lebendigen Alltag in der Uni. Dennoch war mir mit Anfang 50 bewusst, wie schnell es passieren könnte, mich privat oder beruflich auch mit dem Tod konfrontieren zu müssen. Meine Eltern waren damals beide über 80 und auch im Pflegedienst gehörte diese Thematik zu meinem Arbeitsalltag. Das Wochenendseminar inspirierte mich so sehr, dass ich mich anschließend entschloss, an einer Jahresausbildung zur ehrenamtlichen Hospizdienst-Mitarbeiterin teilzunehmen.100_5471 (2)

Alle Interessenten wurden von den leitenden Mentoren zunächst zu persönlichen Einzelgesprächen gebeten, um Klarheit über Eignung und Motivation zu gewinnen. Es bildete sich eine Gruppe von 14 Personen unterschiedlichen Alters und beruflicher Hintergründe. Das erste Halbjahr dieser Weiterbildung bestand aus einem theore- tischen Teil, in dem wir viel über Palliativmedizin, Gesprächsführung und rechtliche Angelegenheiten- wie Patientenverfügung etc. lernten. Dazu trafen wir uns einmal wöchentlich in einem geschützten Raum, wo wir auch als Gruppe bald ein Gefühl von Vertrauen entwickelten. Die eigentliche Herausforderung war für alle Teilnehmer die Frage um die eigene Endlichkeit…wie wir uns das eigene Sterben wünschen, was wir mit dem Tod verbinden. Daran arbeiteten wir in Stille, Meditation, aber auch in vielen tiefgründigen Gesprächen. Nach und nach verlor der Tod seinen Schrecken, und es wurde uns immer bewusster, dass wir mit unserer Endlichkeit umgehen lernten. Im 2. Halbjahr dieser Fortbildung begann der praktische Teil, den wir mit einer eifrigen Spannung erwarteten…der Einsatz am Krankenbett, im Altenheim oder auf einer Palliativstation. Hierbei wurden wir achtsam und unterstützend von unseren Mentoren vorbereitet und begleitet. Dennoch ist die Konfrontation mit der Wirklichkeit eine ganz neue und besondere Erfahrung, die sich nicht 1:1 aus dem theoretischen Wissen umsetzen lässt. Wir lernten vor allem unsere eigenen Grenzen kennen. Grenzen im Umgang mit anderen Menschen und Schicksalen, Leiden, Schmerz und Trauer…aber auch mit Forderungen, Ablehnung oder der eigenen Hilflosigkeit. Ein Prozess tiefer Selbsterfahrung, der jeden Teilnehmer persönlich erfahrener und reifer werden lässt. Etwas, das wir anfangs nie vermutet hätten, erfahren wir auch fast täglich im Einsatz von Sterbebegleitung … Humor und Freude! In vielen Gesprächen, die ich und meine Teamkollegen führen, wird herzlich gelacht. Nicht makabre Sprüche oder „Schwarzer Humor“, sondern Lebensgeschichten und Anek- doten sind es, die uns gemeinsam mit Sterbenden Spaß haben lassen. Lachen und Freude gehören auch zum Lebensende…wie der Tod zum Leben gehört. 100_5374 (2)

Bei dieser freiwilligen Aufgabe geben wir unsere Zeit, unser Ohr und unser Mitgefühl… empfangen oft ehrliche, dankbare Freude über unser Dasein. Das sind wahrhaftige Geschenke, die wir mit den Sterbenden teilen. Deshalb empfinde ich es immer wieder als Ehre, wenn mich ein Mensch so nah an dem tiefsten – oder höchsten Punkt seines Lebens teilhaben lässt. Und ich danke jedem Sterben- den, der mir durch diese Begleitung meine eigenen Ängste nimmt…mir zeigt, das Lachen und Weinen – Leben und Sterben- nur zwei Seiten einer Münze sind. Eine Kollegin hat es mal so formuliert: „ Der Tod ist ein Leichtes, aber der Weg dorthin ist schwer“. Diesen letzten Abschnitt des Weges zu begleiten, heißt für mich einen Menschen wahrzunehmen, als Person – nicht als Patient, Klient oder Sterbenden.

Das Schlimmste, das jeden von uns treffen kann, ist nicht das Sterben, sondern der Soziale Tod. Deshalb möchte ich allen Interessierten Mut machen, sich für diese wunderbare Aufgabe zu öffnen… ein Ehrenamt, das jedes Leben tief bereichert.

Gabriele Richter