Ein Märchen von Brigitte Lohan, 2017

Der Feuerball stand schon auf der Horizontlinie und warf goldene Strahlen über das türkisfarbene Mittelmeer als der Burgherr Angelo von Giglio dem allmorgendlichen Naturschauspiel durch die Zinnen seiner Burg zusah. Dafür, dass sie das ganze Jahr von der Sonne liebkost wurde, bedankte sich die Insel mit einer üppigen Flora und Fauna. Von Norden her konnten die Schiffe in den Hafen gelangen und im Süden lag eine wundervolle Bucht mit Sandstrand, dahinter ein kleines Fischerdorf. Der Burgherr dachte an seine geliebte Frau Isabella, die vor fünf Jahren gestorben war und daran, dass er heute zum 16. Geburtstag seiner einzigen Tochter ein großes Fest ausrichten würde. Dazu waren die Gigliesen und die Bewohner der Nachbarinseln geladen. Die einen konnten zu Fuß die Insel hinauf zur Burg steigen. Die anderen kamen mit ihren Schiffen über das Meer gesegelt. Die Burgherren und ihre Frauen erschienen in Samt und Seide und die Fischer trugen ihre Festtagskleider. Am frühen Abend waren alle Gäste im Saal um die große Tafel versammelt, wo sie mit den Köstlichkeiten der Mittelmeerküche verwöhnt wurden. Zum Ende des Mahles erhob der Burgherr Giglio seinen mit italienischem Rotwein gefüllten Becher und sprach mit lauter Stimme: „Salve – meine lieben Gäste, Verwandte, Freunde. Der Tag ist gekommen, an dem ich bekannt gebe, wer meine Tochter in einem Jahr heiraten wird. Sie ist meinem Neffen Antonio von der Nachbarinsel Monte Christo versprochen und hiermit gebe ich ihre Verlobung bekannt. Höret nun Cordelias wunderbare Stimme, wenn sie uns zur Laute einige Canzoni singen wird. Danach mag ein jeder von euch tanzen oder in der lauen Abendluft lustwandeln und den Geruch des Meeres genießen.“

Claudio, der Fischersohn, war wie betäubt von der Mitteilung des Burgherrn und hoffte auf eine günstige Gelegenheit, mit Cordelia allein zu sprechen. Als sie in ihrem himmelblauen Seidenkleid an ihm vorüberrauschte, trat er auf sie zu und fragte: „Warum trägst du mein Geschmeide um den Hals, wenn du dich heute mit einem anderen verlobst?“ „Oh, Claudio, mein Liebster, ich bin furchtbar erschrocken, denn ich ahnte nichts von der Absicht meines Vaters. Gerade Antonio, diesen arroganten Mann, der besonderen Wert auf seine äußere Erscheinung legt, soll ich heiraten! Wenn ich nur daran denke, dass Antonio womöglich eines Tages der neue Burgherr auf Giglio sein könnte. Wie kann mein Vater mir das nur antun!“, sagte Cordelia in großer Verzweiflung. Claudio war traurig weiter gegangen. Da setzte sich Antonio neben Cordelia auf die Bank, schaute ihr in die Augen, nahm  ihre Hand, küsste sie und sprach: „Cordelia, wie schön du bist. Ich muss dich ständig ansehen. Das türkisfarbene Meer spiegelt sich in deinen Augen, und was deine Anmut umso mehr hervorhebt, ist dieses wunderbare Geschmeide an deinem Hals. Hast du es von deiner Mutter geerbt?“

„Nein, es war Claudio der Fischersohn, der es mir heute zum Geburtstag geschenkt hat“, antwortete sie. Antonio sah sich nach Claudio um und dachte: „Woher hat denn ein Fischerbursche ein solches Schmuckstück?“ und stand abrupt von der Bank auf: „Bitte verzeih, Cordelia, aber dort steht mein Freund von der Insel Giannutri. Ich habe ihn lange nicht gesehen und möchte gern ein Wort mit ihm wechseln“, und verschwand. Aber statt seinen Freund zu suchen, machte er sich an Claudio heran und wollte mit allen Mitteln herausfinden, wie er es angestellt hatte, Cordelia ein solches Geschmeide zu schenken und sagte: „Claudio, niemand sonst hat Cordelia ein so wertvolles Geschenk gemacht.“ Als Claudio sich abwendete ohne zu antworten, ging Antonio ihm nach und versuchte, ihn für sich einzunehmen: „Wenn Du mir sagst, wo du das Schmuckstück gefunden hast, verspreche ich Dir ein neues großes Fischerboot. Und ich lade dich ein, mich auf meiner Burg in Monte Christo zu besuchen.“ Da das alte Boot von Claudios Vater dringend ersetzt werden  musste, verriet Claudio schließlich dem nichtsnutzigen Antonio: „Ich habe an die alten Legenden von den gesunkenen Schiffen mit ihrer wertvollen Fracht geglaubt und bin von Zeit zu Zeit ins Meer hinab getaucht und habe den Friedhof der Schiffswracks gefunden. Aber es ist sehr gefährlich, tief hinunter zu tauchen, Antonio, versuche es besser niemals.“

Doch Antonio dachte bei sich: Was dieser Claudio kann, das werde ich wohl auch können. Einige Tage später fuhr Claudio mit dem alten Kahn seines Vaters hinüber zur Insel Monte Christo, um das versprochene neue Boot abzuholen. Antonio empfing Claudio freundschaftlich und lud ihn ein mit ihm zu speisen. Das Mahl war köstlich und die Stimmung ausgelassen. Doch plötzlich wendete sich das Blatt. Zum Ende des Mahles brach Antonio einen Streit vom Zaume. Der Streit endete damit, dass er Claudio in das Burgverlies bringen ließ. Nun wartete er ungeduldig ab; und tatsächlich, nach drei Tagen des Hungerns und Durstens begann Claudio zu fantasieren. In seinem Fieberwahn rief er sehnsüchtig nach Cordelia. Antonio hatte seinen Gefangenen endlich soweit: Claudio verriet ihm, wo er seinen großen Schatz versteckt hatte. ‚Oha, da ist es ja gar nicht nötig, dass ich ins Meer hinab tauche, wenn dieser dumme Fischersohn bereits alles herauf geholt hat.‘ Sofort ließ Antonio sein Segelboot klarmachen und fuhr mit zwei seiner Gefährten zur besagten Felsengrotte auf Giglio. Die Schatzkisten und Amphoren ließ er in die Schatzkammer seiner Burg auf Monte Christo transportieren. Nach einer Woche entließ er Claudio aus dem Verließ und schickte ihn, natürlich ohne das versprochene neue Fischerboot, zurück nach Giglio. Es dauerte einige Zeit, ehe Claudio sich von Antonios übler Behandlung erholt hatte. Böses ahnend segelte er wenig später wieder hinaus zur Felsengrotte, und wie unermesslich war seine Enttäuschung, als er den von ihm über so lange Zeit zusammengetragenen Schatz nicht mehr fand. Er verfluchte den Antonio bis in alle Ewigkeit. Claudio verließ die Insel Giglio, suchte sein Glück auf dem italienischen Festland und fand Arbeit als Kapitän einer Fähre, die alle vier Tage vom Festland nach Sardinien übersetzte. Er sparte seinen Verdienst und häufte über viele Jahre ein Vermögen an. Damit kaufte er sich ein neues großes Schiff und segelte zurück nach Giglio. Sein erster Weg führte ihn hinauf zur Burg. Cordelia war überglücklich über Claudios Rückkehr, denn sie hatte inzwischen erfahren, was Antonio ihm damals mit seiner Räuberbande angetan hatte: Nachdem Claudio fortgesegelt war, hatte sie schließlich Antonio geheiratet. Doch seit dem Tage ihrer Hochzeit war sie die unglücklichste Frau der Welt. Es stellte sich bald heraus, dass Antonio nur seinen Reichtum vermehren wollte, an Cordelia jedoch nicht im Geringsten interessiert war. Sie betete deshalb täglich zu den Göttern der Inselwelt und des Meeres. Antonio seinerseits konnte nicht genug Schätze aus dem Meer bekommen. Eines Tages hatte er sich vorgenommen, einen Tauchgang zu machen, um noch mehr Schätze zu heben. Doch heute machte das Meer einen unfreundlichen – ja gefährlichen Eindruck. Es veränderte seine Farbe von türkisblau hin zu grau grün und die Wellen stiegen bis zu drei Meter hoch. Dunkle Wolken  waren aufgezogen und es fielen einige Regentropfen. Die Möwen schwammen in der Ferne auf den aufgewühlten Schaumkronen des Meeres – verschwanden – tauchten wieder auf. Bei dem Wellengang traute sich niemand mit dem Boot hinaus. Antonio aber dachte: ` Bei dem Wetter werde ich ganz sicher nicht dabei beobachtet, wenn ich einen Tauchgang zu den Schiffswracks unternehme.`  Er bestieg sein Schiff und segelte, von den hohen Wellen hin- und hergeworfen, in die Nähe der Insel Giglio. Dorthin, wo Claudio seine Schätze im Meer gefunden hatte. Blind vor Eifer und dem unbedingten Willen stürzte er sich in die Fluten und tauchte hinab zu den versunkenen Schiffen der Etrusker und Römer. Zunächst ging auch alles gut. Er fand ein Wrack, in dem er durch die Luken viele Kisten und Kästen sehen konnte und brachte mehrere Kisten hinauf. Doch er hatte Claudios Warnung vergessen, denn fünf Muränen, die Wächter der Schätze am Meeresgrund, stürzten sich auf Antonio und bissen ihn zu Tode. Eine Zeit lang hatte Cordelia vom Turm der Burg Ausschau nach ihrem Ehemann gehalten. Als jedoch sein Segelschiff am nächsten Morgen herrenlos an den Strand gespült wurde, waren ihre Gebete an den Meeresgott Poseidon erhört worden. Antonio würde nie wieder aus dem Meer auftauchen. Claudio, der nun wieder täglich mit seinem neuen Fischerboot hinausgefahren war, hatte Antonios Schiff zerschellt am Strand gefunden. Er lief schnell nach Hause, wusch sich, zog seine feinsten Kleider an und stieg hinauf zur Burg. Dort erwartete ihn Cordelia voller Sehnsucht. Claudio war jetzt ein reicher Mann. Er konnte Cordelias Vater um die Hand seiner Tochter bitten. Nachdem die gebotene Trauerzeit vorüber war, hielten sie in aller Stille Hochzeit, bekamen drei zauberhafte Kinder und lebten fortan glücklich auf der Burg und Insel Giglio.