Diese  Erzählung einer Zeitzeugin beginnt 1945, sie ist  13 Jahre.

Kleiner Mensch was nun??

Plötzlich ist alles ganz anders - Winter 1945.

Wo sind die Menschen geblieben, die ich kannte? Der Winter war sehr kalt. Die Trecks aus Ostpreußen kamen nur noch vereinzelt, dann aber viele Soldaten. Überall in den Höfen, und auch in den Wohnungen wurden Soldaten einquartiert, Brot gab es kaum noch zu kaufen und andere Lebensmittel waren auch nicht mehr zu haben. Ich weiß noch, ein Bäcker hatte im Hinterhof einen Laden geöffnet. Da stand ich dann stundenlang Schlange und war glücklich, wenn ich ein Brot bekam. Das Brot war oft noch ganz warm. Ich wurde auch noch krank, bekam eine starke Grippe. Ende Februar, (und jetzt, 60 Jahre danach, ist wieder Februar!) wurde es immer unheimlicher. Sollten wir die Stadt verlassen, aber wohin? Die Nächte vom lauten Donnergroll der Granaten erfüllt, waren unheimlich. Mein Bruder Ray und ich sind auf den Dachboden gestiegen und haben von dort aus, in Richtung Danzig, den Himmel hell erleuchtet gesehen. Meine Mutter wusste nicht, was wir machen sollten. Unser Fotoatelier in der Bahn- hofstrasse hatten wir verbarrikadiert, Fotoapparate und Sonstiges versteckt. Auch in unserer Wohnung hatten wir Einiges auf den Dachboden gebracht. Aber wozu sollte das gut sein?

In unserer Straße traf ich Boy Thomsen, den Bruder meines Klassenkameraden Uwe. Die Familie war im Krieg aus Flensburg nach Berent  - Westpreußen gezogen. Nun stand er da, mit einer Handgranate im Gürtel und unschlüssig wohin zu gehen! Er war 15 Jahre alt! Das war eigentlich das letzte Mal dass ich Jemanden aus meiner vertrauten Umgebung gesehen habe.

Dann, am 9.März, kamen die Russen. Es war ein Horror! Sie stürmten unsere Wohnung! Meine  Cousine Edith war mir ihren beiden Kindern zu uns gekommen, um alle beisammen zu sein. Nachts schliefen wir alle auf dem Fußboden, denn unsere Betten hatten sie auseinander  genommen. Ich war, wie schon gesagt, 13 Jahre: ein hochaufgeschossenes Mädchen mit langen blonden Zöpfen. (Ich bin danach eigentlich nicht mehr gewachsen). Die Soldaten durchsuchten alles immer wieder und wollten noch mehr als die Fotokameras, aber es war nichts mehr da! Tausende von Reichsmark und Sparbücher wurden verbrannt. Meinen Bruder Ray würgten sie. Auch Silbergeld hatten wir noch in der Wohnung. Aber was ist schon "Hab und Gut"! Nun kamen die Menschen an die Reihe! Meine Mutter wurde verhaftet. Die Tragik konnte nicht größer sein!

Die Russen verwalten uns

Oben am Landratsamt, eine gut erhaltene Burg, wo Großvater bis zu seinem Tode Stallmeister war. (er starb viele Jahre vor meiner Geburt). Also oben am Landratsamt, in einem schönen Häuschen, wo damals die Familie lebte, wo auch meine Mutter geboren ist, wurde sie von den Russen eingesperrt. Dann wurde auch mein Bruder Ray abgeholt, gerade erst 15 Jahre alt. Ich habe ihn nicht mehr gesehen. Die nächsten Tage versuchte ich meine Mutter zu sehen, aber vergeblich. Ein russischer Offizier sagte ich sollte weggehen, aber ich wollte doch mit. Ich hatte noch ein Päckchen Margarine (ein Würfel), die ich ihr geben wollte. In der folgenden Nacht wurden alle Zivilgefangene mit Lastwagen abtransportiert! Nach Russland in den Ural. Auf dem Transport nach Russland wurde meine Mutter krank. In dem Güterwagen hatten sie einen eisernen Peter (Ofen). Mit heißem Wasser, die Margarine wurde darin aufgelöst, das hat Mutter getrunken und es hat ihr sehr geholfen! Später als wir, wie durch ein Wunder, bei meinem Großvater alle wieder beisammen waren, erzählte sie davon und dass sie und Ray, an einem Stopp der Züge vor Moskau, sich gesehen haben. Ich glaube, ich hatte meine Blockflöte immer bei mir und bin weinend durch unsere Straßen gegangen. Ich war nun alleine, fast auf mich selbst gestellt!
In den geplünderten Geschäften fand ich noch ein paar Tüten Dr. Oettker Puddingpulver, dieses im Wasser gekocht, ohne Zucker, war in den nächsten Tagen meine einzige Nahrung.
Einmal traf ich zwei Mädchen, die auch mal in meine Klasse gingen und mir plötzlich nachriefen: "Germanska"! Ich war so geschockt, dass ich nicht mehr sprechen konnte! Die russischen Soldaten warfen uns streunenden Kindern Brot auf den verschneiten, gefrorenen Boden! Direkt unter einen Galgen! Auf unseren Marktplatz waren zwei aufgestellt. Diese stammten aber noch von den Deutschen Soldaten! Die toten Körper hingen noch daran. Mit einem Schild, auf dem stand geschrieben; "Du sollst nicht plündern!" Also dieses Brot, Kommissbrot, lag nun da im Schnee, aber ich konnte es nicht aufheben. Ich weiß, nicht warum!
Nachts sind tausende Kriegsgefangene durch unsere Straßen getrieben worden. Ich habe am Fenster gestanden und sie gesehen! Ihre Füße waren in Lumpen gewickelt, und sie waren entkräftet! Der Winter 1945 war sehr kalt.

Der Frühling kommt

Mittlerweile ging es auf den April zu - es wurde Frühling! Mein Großvater, der Vater meines Vaters, kam aus Schöneck. In Schöneck hatte mein Großvater ein Häuschen mit Garten und eine Schuhwerkstatt, denn er war Schumacher. (Auch eine weiße Ziege war im Stall, die wir später notschlachten mussten. Aber davon später.) Irgendwie hatte er erfahren, was mit uns geschehen war, und dass ich alleine in der Stadt war. Mein Vater war irgendwo in Gefangen-schaft. Ebenso mein älterer Bruder Heini.

Im Mai sind wir dann mit dem Rest von "Hab und Gut", alles verstaut in einem alten Kinderwagen, nach Schöneck gezogen. Den Wagen hatten wir irgendwo aufgestöbert. Dieser sollte uns noch sehr auf dem 28-Kilometer langen Weg beschäftigen. Also jetzt bekommt dieser Abschnitt in meinem Leben die Bezeichnung "Großvater und Ich"!

So sind wir dann die alte Landstraße entlang marschiert. Großvater trug einen grauen Hut und eine lederne Schutzschürze, und er ging am Stock. Ich mit meinem kurze Kleidchen und nackten langen Beinen. Es war Gott sei Dank warm geworden, es war ja Mai. Der Weg war beschwerlich! Großvater war ja auch schon 73 Jahre alt. Da ich diese Erzählung nach genau 60 Jahren niederschreibe, bin ich exakt im selben Alter! Die Räder des alten Kinderwagens fielen immer ab. Wir kamen nur mühsam voran. An einem Tag konnten wir diese Strecke nicht mehr schaffen. Bei einem Bauern konnten wir in der Scheune übernachten. Ich erinnere mich, ich hatte mir einen Beutel um den Hals gebunden, den ich mir vorher noch mit der Hand genäht hatte. In dem Beutel hatte ich Papiere meiner Eltern; u.a. Trauschein und Bilder, die ich aus Fotoalben gerissen habe, denn die Bilder waren alle angeklebt!

Zwei Bilder, die ich auch hier in die Geschichte einbringe, sind aus diesen Alben:

"Baby-5-Monate" 1944 Baby 1932 "Sommer Jahre".Helene Lück 8Jahre

Das dritte Bild ist im Oktober 1946 in Oliva aufgenommen.

Helene Lück 12 Jahre alt. ten

Den Trauschein meiner Eltern habe ich auf dem Weg von Berent nach Schöneck verloren. (Getraut wurden sie 1924 in der Königskapelle, die an der Marienkirche angebaut wurde.)

Am nächsten Morgen sind wir dann ohne unsere Sachen den Rest des Weges nach Schöneck. Mein Großvater hatte einen Bollerwagen. Mit dem sind wir dann am nächsten Tage wieder aufgebrochen um unsere Sachen zu holen. Meinen Großvater habe ich teilweise in den Bollerwagen gesetzt und dann gezogen, denn er war nicht besonders gut zu Fuß. So sind wir dann in Schöneck angekommen. In den nächsten Tagen haben wir uns dann in dem Häuschen eingerichtet. Ein paar Tage später, sicher in Folge der Strapazen, bekam ich an den ganzen Beinen dunkle blaue Beulen! Meine Beine taten mir sehr weh. Am Morgen konnte ich vor Schmerzen nicht auf den Beinen stehen! Mein Großvater war ratlos. Was sollte er tun? In seiner Not holte er aus der Kirche das Birkenlaub der aufgestellten Birken, denn es war inzwischen Pfingsten. Mit diesem Laub machte er mir, das nasse Laub in Tücher gewickelt, Umschläge. Ich hatte noch sehr lange starke Schmerzen.
In der nächsten Zeit haben wir dann im Garten gearbeitet. Im Sommer hatten wir das schöne Gemüse und auch Kartoffeln zu essen. Die Ziege musste Großvater dann notschlachten. Sie hatte sich bei einem Gewitter auf der Wiese die Beine gebrochen. War das furchtbar! Eine ganze Wanne und eine Tonne voll Fleisch, dass wir einsalzen mussten, damit es nicht verdarb.
Nun bahnte sich ein anderes Kapitel an. Ich unterlag noch der Schulpflicht, denn ich musste ja nun "Polnisch" lernen! Es ist schon kurios. Als 1939 der Krieg ausbrach, sollte ich ja im Herbst eingeschult werden. Damals mit 7 Jahren! (Am ersten September 1939 brach der 2.Weltkrieg aus. Auch daran erinnere ich mich noch ganz genau.) 1940 wurde ich dann eingeschult. Es war Februar. Provisorisch wurde in unserem Pfarrhaus eine Schule eingerichtet. Mittlerweile war ich schon 8 Jahre. Ein bisschen Schreiben und Lesen konnte ich aber schon. Meine Mutter hatte mir schon Einiges beigebracht. Die Schrift war damals noch in Sütterlin geschrieben, die noch bis 1941 verwendet wurde. So, nun war ich wie gesagt schon 8 Jahre alt. Wie sollte das gehen? Also habe ich die Klassen dann nach einem halben Jahr übersprungen. Mit 11 Jahren kam ich dann in die Oberschule. Nach dem Sommer 1944 war ich dann in der zweiten Oberschulklasse . Wir hatten im Herbst schon keinen Unterricht mehr, denn nun kamen die Trecks aus dem Osten!

Schöneck

So, nun geht es mit Schöneck weiter. Ich musste nun Polnisch lernen. Ich kam in die 6. Klasse. Das war Ende Mai, kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Mit Sicht auf die heutige Zeit bin ich noch im nach hinein positiv erstaunt wie gut das Schulsystem damals in dieser doch recht kleinen Stadt organisiert war. Ein winziger Anteil der Schüler war nur aus der Region übrig geblieben. Die meisten kamen aus dem südlichen Polen, Kongress-Polen. Die Schüler konnten also alle Polnisch! Wir hatten in dieser 6. Klasse der Volksschule (aber nicht nur jetzt für mich) diese Sprache zu lernen, sondern auch Englisch und Französisch. Das muss man sich in dieser heutigen Zeit mal vorstellen! Ich hatte also drei Sprachen zu lernen! Englisch hatte ich, wie gesagt, davor schon gelernt. Es war für mich trotz allem Elend eine aufregende Zeit. In nur einem halben Jahr konnte ich schon fehlerfrei Diktate in Polnisch schreiben! In der Sprache waren ganz schöne Zungenbrecher dabei.

In unserer Umgebung wurde noch viel Munition aus dem Krieg gefunden. Mir flogen manchmal, wenn ich im Garten war, Splitter ganz dicht am Kopf vorbei. Ich hatte Glück, dass ich nicht ge- troffen wurde! Weniger Glück hatten Kinder, als sie an einem Holzstapel spielten. Sie sind auf Minen getreten. Es gab eine furchtbare Detonation! Ich habe es gehört - ihre Körper wurden zerfetzt!

Die Tage gingen dahin. Ich bin in die Schule gegangen, habe den Haushalt gemacht, gekocht und gewaschen. Wir haben sogar mein Zimmer gestrichen! Ich erinnere mich noch, es war eine hellgrüne Farbe. Als Abschluss habe ich aus Pappe eine Schablone mit Rosen-Motiven ange- fertigt! (Wer mich kennt, weiß dass ich auch heute gerne kreativ bin.)

Wir beide, Großvater und ich, waren schon ein Gespann! Im Wald haben wir Pilze gesammelt. Ich glaube es waren Gelblinge! In dem Bollerwagen haben wir Reisig gesammelt, das ich dann auf einem Holzklotz im Hof für unseren eisernen Herd in der Küche hackte! Auf dem Rückweg sind wir dann zu einer Mühle gegangen und haben uns da den Abfall vom Mahlgut erbettelt! Wir haben uns daraus allerlei gezaubert. Auf der eisernen, heißen Herdplatte habe ich Fladen aus groben Mehl gebacken. Eines Tages ist mein Vater aus der Gefangenschaft gekommen. Es war ein trauriges, freudiges Wiedersehen! Aus Bayern, aus der Gefangenschaft entlassen, war er nach Berent getrampt, in der Hoffnung uns dort zu finden. Dort erfuhr er, dass nur noch ich übrig geblieben war und von meinem Großvater, seinem Vater,nach Schöneck abgeholt worden war. So machte sich mein Vater auf den Weg nach Schöneck. Ja, es war schon ein trauriges Wiedersehen! Mutter und Ray irgendwo in Russland, mein Bruder Heini irgendwo in Frank- reich! Körperlich war mein Vater sehr angeschlagen. Dann bekam er Typhus. Ich pflegte ihn so gut ich konnte, denn Ärzte gab es damals nicht. Ich habe ihn gefüttert, gewaschen, rasiert und auf den Topf geführt. Ja, das war schon eine Zeit! Die Wäsche habe ich im nahe gelegenen Fluss gewaschen. Dann, es waren Sommerferien, bekam auch ich Typhus! Es war schlimm! Einen Arzt gab es nicht. Ich sehe meinen Großvater noch in der Türe stehend und den Kopf schüttelnd murmeln: "Das wird nichts mehr". Einige Wochen dämmerte ich mit hohem Fieber so dahin. Ich war völlig verlaust. Die Läuse liefen mir sogar übers Gesicht! Ich hatte Albträume. An einen Traum kann ich mich noch erinnern: Ich lag bei unserem Fleischer am Marktplatz in Berent auf dem Marmortresen und wollte mich immer mit dem Pergamentpapier, das dort immer in großen Bögen lag, zudecken! Ich hatte Schüttelfrost! Ob ich in den Wochen, ich glaube es waren ganze vier, überhaupt etwas gegessen habe, weiß ich nicht!

Die FamilienMitglieder finden sich wieder ein

Dann eines Tages saß meine Mutter an meinem Bett! Sie war aus Russland zurückgekommen. Dieser freudige Schock hat meine Krankheit dann umgekehrt! Langsam kam ich wieder zu mir, aber noch nicht zu Kräften. Eine Schulfreundin stellte mir einige Male ein Körbchen mit Butter, Eiern und sonstigen guten Dingen vor die Tür. Besuchen durfte sie mich wegen der  Ansteck- ung nicht. Sie hieß Gertrud und kam aus der Nähe von Warschau nach Schöneck. In der Schul- zeit lernten wir manchmal zusammen. Ich musste erst mal laufen lernen, denn ich war bis auf die Knochen abgemagert. Ich weiß noch, meine Beine waren wie zwei Stöcke! Im Laufe der nächsten Zeit begannen meine Haare auszufallen - samt der Läuse! Meine schönen langen blonden Zöpfe. Spät im Herbst versuchte mein Vater Birken anzuzapfen. (Immer sind es bei mir die Birken, die mir helfen sollten!) Mit dem Saft sollte meine Mutter mir die Kopfhaut einreiben, damit die Haare wieder wuchsen. Aber es kam kein Saft aus den Bäumen, denn es war schon zu kalt!

Das Schicksal nahm ständig seinen Lauf. Nun bekam meine Mutter Typhus! Sie hatte sich wiederum bei mir angesteckt. Mein Großvater wurde von den Krankheiten verschont. Durch die Odyssee der Gefangenschaft im Ural war ihr Körper geschwächt. In ihrem Fieber rief sie immer nach den Toten und Lebenden. (Sie rief immer; "Hört ihr nicht, wie sie mich rufen?".) Dann saß sie im Bett und verdrehte die Augen so, dass man nur noch das Weiße darin sehen konnte! Wir konnten sie nicht mehr bändigen! Mein Vater und ein anderer Mann brachten meine Mutter mit einem Leiterwagen nach Stargard. Dort gab es ein Krankenhaus. Als wir sie dann besuch- ten, wir durften sie nur von außen am Fenster sehen.Sie  freute sich, aber benahm sich, für mich gesehen, recht merkwürdig! Mein Vater sah mein ungläubiges Gesicht (ich weiß es noch wie Heute) und meinte, das wird sich wieder geben! Nun ging es wieder zurück. Zu Fuß und mal von irgend jemand auf einem Leiterwagen mitgenommen. Wir waren ja selbst noch sehr, sehr schwach.

Und dann kam auch Ray aus Russland zurück! Plötzlich stand er vor der Tür mit einer rus- sischen Steppjacke und dieser Mütze! Er war inzwischen 16 Jahre alt! Er erzählte, russische Soldaten hätten ihm zur Flucht verholfen. Sie mochten ihn! Er hatte es eigentlich gut bei den Russen. Ray hatte ja ein großes Talent zum Malen und zum Schnitzen! Dies hat ihm sehr geholfen und ihnen sehr gefallen.

Dann im Winter, als Alle wieder einigermaßen gesund waren (es war kurz vor Weihnachten) erzählte meine Mutter, wie sie sich mit Ray vor Moskau gesehen haben. Was für eine Tragödie! Was war das für eine Zeit!

Im Osten keine Zukunft

Nun da wir fast alle wieder beisammen waren, stellte sich die Frage was für die Zukunft zu tun wäre. Bei Großvater, in diesem kleinen Haus und Ort, wollten meine Eltern auf Dauer nicht bleiben. Mein Vater sagte, wir müssten in den Westen! Da er ja schon in Bayern war, sah er schon den Unterschied zum Osten! Im April 1946 machten wir uns auf den Weg zu Fuß nach Danzig. Ich weiß nicht wie weit es von Schöneck nach Danzig war, aber 90 Kilometer waren es bestimmt, denn Schöneck lag südlich von Berent entfernt und von dort waren es über 60 Kilo- meter. Wie lange wir unterwegs waren weiß ich nicht. Irgendwann kamen wir in einen Vorort von Danzig, der Schidlitz hieß, an. Spät am Abend haben wir uns durchgefragt, wo wir vielleicht übernachten könnten! In einem Haus, das schon von vielen Menschen belagert war, fanden wir erst mal Unterschlupf. Kaum hatten wir uns in einer Ecke auf dem Fußboden völlig erschöpft hingelegt, kamen lärmend betrunkene, russische Soldaten und schrien: Frau komm raus! Ein paar junge Frauen haben sie mitgenommen. Wir hatten Glück!

Am nächsten Morgen sind wir ganz schnell nach Danzig gegangen. Vom Hauptbahnhof konnten wir mit der Straßenbahn fahren. Endlich in Richtung Langfuhr, früher unsere zweite Heimat! Unsere Verwandten gab es aber dort nicht mehr! Wir erfuhren, dass sie mit dem Schiff nach Dänemark gekommen sind. Man sagte uns aber, dass eine Cousine meiner Mutter auch mit Möbeln aus dem Winterfeldweg ein Häuschen in Oliva bewohnte! Von Langfuhr nach Oliva war es nicht weit, aber trotzdem war alles so weit, so weit! So sind wir dann in Oliva gelandet, wo ich dann, das sollte sich noch ergeben, ein Jahr gewohnt habe. Wir wurden gut aufgenommen. Wie sollten wir weiter nach Westen kommen? Es wurde erzählt, dass wenn man an der Grenze nach Deutschland geschnappt wurde, denn dieses ging ja nur illegal, man erschossen werde! Dieses Risiko wollten meine Eltern mit uns Kindern nicht eingehen. Mein Bruder Ray wollte aber unbe- dingt mit - er ging einfach. Unsere Verwandten behielten mich mit dem Versprechen, für mich zu sorgen, bis sich eine Lösung finden würde! Also blieb ich in Oliva bei Onkel Franz, dem ältes- ten Bruder meiner Mutter und seiner Familie.

Irgendwann im Winter 46/47 bekam ich eine Nachricht vom Roten Kreuz,. Meine Eltern, die inzwischen im Westen angekommen waren und mich in Olivia zurücklassen mussten, meldeten dies dem Roten Kreuz. Aber davon später!

Im Winter 1947 bekam ich dann die erste Post aus dem Westen, wo meine Eltern auf abend- teuerliche Weise angekommen waren. Aber erst ohne meinen Bruder Ray - davon werde ich noch berichten! Sie schickten mir auch vom Roten-Kreuz diesen Schein für einen Transport, aber dazu musste ich mich in Stettin melden! Die Anschrift dieser Organisation waren beigelegt, aber es sollte noch alles einige Zeit dauern!

In Oliva wohnte auch ein Sohn von Onkel Franz. Felix bewohnte mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern ein Häuschen neben einem kleinem Schlösschen. Seine Frau und Felix fragten mich, ob ich nicht zu ihnen kommen wollte, ein bisschen auf die Kinder aufpassen und wieder in die Schule zu gehen, aber es war noch im Sommer. Ich sollte doch noch meinen Abschluss in der Schule machen. Also habe ich zugestimmt, weil ich gerne zur Schule ging. Sie haben mich für die 7.Klasse in der Kloster-Schule am Dom von Oliva angemeldet. Im Dom wurde ich auch 1947 "gefirmt". Für meine 14 Jahre, die ich nun war, habe ich eine erneute Herausforderung angenommen! Wenn ich aus der Schule kam, habe ich die Kinder, ein Junge 4 Jahre alt und ein Mädchen 1 Jahr alt, betreut. Meine Schularbeiten habe ich am späten Abend oder nachts gemacht. Auch sonst fiel immer mehr Arbeit für mich an! Ich habe die große Wäsche noch mit dem Reibebrett gewaschen! Das Wasser musste ich mit einem Wasserträger (ein Holzbügel, den man auf die Schulter legt ... wie im Mittelalter, wo die Eimer angehängt wurden) heran- bringen !

In der Schule kam ich gut zurecht. Wer diese 7.Klasse nun gut schaffte, konnte dann zum Gymnasium. Das war, in dieser Form, nach der 7. Klasse so üblich! In dem Gut in dem wir wohnten, half ich einem 11 Jahre alten Jungen der Gutsherrin beim Englisch lernen. Menschlich hatte ich eine gute Unterstützung bei ihnen. (Dass sollte sich noch bewahrheiten). Eigentlich war ich immer fröhlich und habe alles getan, was man von mir verlangte. Meine Haare wuchsen ganz schön, mit vielen kleinen Löckchen, aber nicht mehr so hellblond! Ich lernte polnische Geschichte und las "Quo Vadis" in polnischer Sprache! In Musik hörten wir am Flügel Klavier- stücke von Chopin. Es ging alles ganz gut. Mathematik war nie so ganz mein Fach, aber ich brachte es auf ein Befriedigend.

Der Sommer ging dahin. Von meinen Eltern habe ich ja erst im Winter gehört - wie ich schon berichtet habe. Einmal durfte ich auch mal mit dem Schiff auf der Motlau fahren. Ein Mädchen war mit uns gekommen. Wir fuhren am Krantor vorbei, die Altstadt war noch völlig zerstört. Auch nach Zoppot bin ich von Oliva mit der Straßenbahn gefahren. Als ich noch ein kleines Mädchen war, sind wir oft auf den Seesteg gegangen. Es ist auch heute noch ein wehmütiges Gefühl daran zu denken. Denn ich war oft mit meinen Cousinen Luzi, Leni, Anni, Doris, und Mimi dort. Einmal bin ich mit dem Fahrrad, die Straße war noch vom Krieg zerstört, über eine Baumwurzel gefahren und in einen Straßengraben gestürzt, auf einen verrosteten Panzer, noch aus dem Krieg. Eine Eisenspitze bohrte sich über mein linkes Knie in den Oberschenkel! Ich hatte da ein ziemliches Loch, die Eingeweide kamen dort heraus! Mit einem Taschentuch habe ich die Wunde verbunden. Vorher drückte ich noch die Eingeweide zurück in die Wunde und stieg wieder aufs Fahrrad. Eine Tetanusspritze habe ich nicht bekommen! Woher auch!

Hinter dem Häuschen, direkt am Wald, rodete ich den Boden der mit Farnen bewachsen war. Die Wurzeln waren sehr tief. Dass war ein hartes Stück Arbeit. Dann haben wir fiir den Winter Holz gesägt. Meine Hände bluteten, die Haut war spröde und rissig Dann kam die Weihnachts- zeit. Ich bekam Nesselfieber! (Im Frühjahr hatte ich auch noch die Krätze) Drei Tage konnte ich mich nicht richtig anziehen vor lauter Jucken! Aber untätig war ich auch da nicht. Mit roter Farbe habe ich im Wohnzimmer den Fußboden gestrichen! Weihnachten bekam ich auch ein paar Geschenke. Eine warme Hose, die wir genäht hatten. (und auch Anderes!) Felix hatte den Stoff irgendwo besorgt. Ich glaube es war Fischgrätenmuster in grau!

Helene Lück (14J.)

Eltern weg.....

Mittlerweile war ich schon fast 15 Jahre, denn am 02. Januar habe ich ja Geburtstag. Manchmal besuchte ich Onkel Franz und Tante Mariechen, die meine Patentante war. Sie war die Frau von Mutters Bruder - der älteste Bruder dieser großen Sippe Anslik. Nach Tante Mariechen habe ich meinen zweiten Vornamen "Maria".

Meine Großmutter, Anna Anslik, war in der Zeit als der Krieg zu Ende ging, bei ihrer Tochter Leone am Winterfeldweg, wo sie noch im Frühjahr 1945 verstarb. Sie war 87 Jahre. Sie ist in Langfuhr auf dem Friedhof beerdigt worden. Ich habe das Grab noch besucht. Auf dem Kreuz stand: Anna Anslik, geborene von Chajewski, geb.1858,gestorben 1945.

In den Kriegsjahren war Omama, wie wir sie nannten, meistens bei uns und sie hat mir dann ganz alte Lieder vorgesungen! Es war eine schöne Kindheit im dem Fotoatelier meines Vaters. Ich habe dort schon oft mitgeholfen. Nun zurück in die letzte unwirkliche Zeit.

Eines Tages tauchte mein Bruder Ray auf, Ich fiel aus allen Wolken, denn ich glaubte er war mit meinen Eltern über die Grenze in den Westen gelangt! Er erzählte, dass sie sich verloren hat- ten und er nicht wusste, wo sie geblieben waren. Nun brauchte er Geld um wieder zurück zu fahren! Für kurze Zeit war er bei Onkel Franz. Ich bin in Langfuhr auf den Schwarzmarkt ge- gangen, den man heute Trödelmarkt nennt. Ich hatte noch ein paar Tischdecken und Kopf- kissenbezüge meiner Mutter (alles Handarbeiten), die ich dort verkaufte. Mit dem Geld, ich weiß nicht mehr wie viel ich dort erstanden hatte, hat er sich dann erneut auf den Weg gemacht!

1947 bekam ich Post aus Deutschland. Ich glaube, es war im Februar. Meine Eltern waren auf abenteuerliche Weise in den Westen gelangt! Sie wohnten nun in Bielefeld Westfalen! Meine Mutter schrieb, dass sie sich an das Rote Kreuz gewandt, hat. In Stettin, so hieß es, hatte das Rote Kreuz eine Einrichtung für Sammeltransporte für Kinder. Ich war überglücklich! Irgendwann musste diese Odyssee ja ein Ende haben!

In dieser Zeit habe ich Gott oft um Hilfe gebeten. Der Winter war wieder sehr streng. Ich musste mit Felix und einem Knecht vom Gut, der auch das Fuhrwerk fuhr, im Wald Holz holen. Es war alles gefroren und schwer. Meine Schuhe waren kaputt, die Zehen guckten heraus! Die Stiefel hatte ich noch von meiner Mutter. Mein Großvater hatte sie noch in Schöneck für mich über- arbeitet.

Großvater und ich - wir waren schon ein seltsames Gespann! Mir fallt eben noch ein, wie ich mir aus Wollresten zum Heiligenabend Fausthandschuhe gestrickt habe! Diese Fäustlinge wollte ich doch noch zur Christmette anziehen, die Daumen waren aber zu kurz geworden weil ich es beim Stricken so eilig hatte! Einen Pullover hatte ich auch schon gestrickt! Die Wolle, es war wollweiß und weinrot, hatte ich von irgendwo ergattert! Auf dem Bild "Oktober 1946" habe ich ihn noch an! Die Zeit mit meinem Großvater nannte ich in meinem Gedächtnis immer "Großvater und ich", angefangen auf der Landstraße von Berent nach Schöneck.

Nun aber zurück zum Gut nach Oliva. Wenn ich in der Milchküche Milch holte, schaute mich der Gutsherr und die Gutsleute besorgt an und rieten mir nach Deutschland zu gehen! Es waren sehr nette und vornehme Leute, ohne dass ich übertreibe. Es wurde März. Im April sollte es Zeugnisse geben. Nach der 7. Klasse konnte man, wenn man gut war, zum Gymnasium wechseln. Ich muss wohl gut gewesen sein! Man empfahl mir, es zu tun. Ich habe es nie er- fahren und mein Zeugnis habe ich nie gesehen, denn in der nächsten Zeit, wie ich gleich berichten werde, kommt eine schwere Krankheit dazwischen! Die Zeit entschied anders.

Felix und seine Frau, mit der ich mich übrigens gut verstand, hatte einen Bruder, der in Danzig studierte. Er erkundigte sich bei der Schulleitung und ich bekam noch, zur Belohnung von allen,eine Gymnasialmütze! Es war März. Eines Tages sollte ich wieder mal Kohlen mit dem Schlitten holen. Es war ein ziemlich weiter Weg! Ich quälte mich mit dem Sack Kohlen und brachte diese mit dem letzter  Kraft, nur durch meinen Willen, nach Hause. Ein .andermal holte ich mit dem Fahrrad einen Sack Mehl, es hatte furchtbar geregnet, und ich bin sehr nass geworden. Das muss wohl damals für meinen Körper das Aus gewesen sein! Ich wurde schwer krank! Als ich in der Milchküche die Milch holte, hatte ich Fieber. Die Gutsherrin sah es sofort, ging mit mir zu meinen Verwandten und befahl ihnen mit mir zu einem Arzt zu gehen - was sie auch am nächsten Tag taten. Wir gingen in Oliva zu einem Homöopathen der mich untersuchte und dort bin ich einfach zusammengesunken! Er stellte eine Rippenfellentzündung fest! Es ging mir schlecht! Ich lag mit hohem Fieber im Bett. Atmen konnte ich kaum richtig, Lachen schon gar nicht, denn das tat sehr weh; und die Luft blieb mir weg! Die Gutsherrin kam jeden Tag, und sah nach mir. Dann behandelte sie mich! Sie setzte mir Schröpfgläser. (Das sind Gläser, wie ein Ballon, mit einer Öffnung.) Die wurden, glaube ich, über einer Spiritusflamme erwärmt und dann auf die Haut gedrückt, wo sie sich festsaugten, auf dem Oberkörper und auf dem Rücken. Das sollte mir helfen! Die Familie wollte, da es auf Ostern zuging, nach Posen zu ihren Verwandten fahren. Das taten sie auch. Felix blieb noch, da er noch arbeiten musste und versorgte mich wenn er morgens zur Arbeit ging. Ich lag im Wohnzimmer am Fenster, man hatte das Bett dort herangeschoben. Es wurde langsam Frühling. Die Gutsfrau kümmerte sich um mich. In dieser Zeit reifte nun mein Entschluss zu gehen. Gegen Ende April, ich war gottlob einigermaßen genesen, bin ich dann gegangen. Ich war alleine in dem Häuschen, niemand war da. Man hatte mir etwas Geld dagelassen, für die Reise ins Ungewisse!

April 1947 - Ich war 15-Jahre alt - Abschied für immer aus Danzig.

Vom Hauptbahnhof Danzig bin ich dann nach Stettin gefahren. Die Adresse vom Roten Kreuz hatte ich bei mir. Etwas zu essen, Brot und ein Töpfchen mit Schmalz. Daran erinnere ich mich noch ganz genau. Die Fahrt mit dem Zug war auch nicht ohne Probleme. Es wurde kontrolliert, ob sich Deutsche im Zug befanden! Wer nicht Polnisch sprechen konnte wurde einfach an der näch- sten Station rausgeworfen! Ich hatte Glück, denn ich habe ja damals die polnische Sprache perfekt beherrscht. Angekommen, machte ich mich auf den Weg, diese Adresse zu suchen. Stettin ist nicht gerade eine Kleinstadt! Ich habe gefunden was ich suchte. Nun kam ein neues Unglück! Man hatte kurz zuvor dieser Organisation verboten diese Aktionen auszuführen! Nun stand ich da. Mutterseelenallein in dieser Stadt! Man gab mir, wie auch wohl einigen vor mir, den Rat in die Hafengegend von Stettin zu gehen, von wo aus zeitweise die Transporte gin- gen! Dort angekommen, fand ich auch schon viele Menschen die auch mit dieser Hoffnung dort hingekommen waren. Hier sollte ich nun warten bis irgendwann ein Transport gehen würde! Ich war sprachlos!

Ich suchte mir in diesen Ruinen, in einer Halle ohne Fenster, (auch Türen gab es keine) einen Platz mit meinem Koffer. Schlafen musste ich auf dem Betonboden! Ich suchte mir ein paar Bretter. Auf denen schlief ich dann. Eine Decke hatte ich nicht zum zudecken. Alles was ich an Sachen aus meinem Koffer gebrauchen konnte, es war nicht viel, legte ich mir unter. Wie sollte das nur gehen? Die Menschen sammelten sich hier in der Hoffnung, dass irgendwann ein Transport gehen würde, der uns in den Westen brachte!

In den nächsten Tagen, es war nun schon Mai und es wurde etwas wärmer, wurden wir am frühen Morgen, es war halb fünf, mit lautem Geschrei aufgescheucht! Soldaten ließen alle jungen Leute, wie es sich in der nächsten Zeit immer wiederholen sollte, in einer Reihe auf- stellen! Wir wurden zur Arbeit auf Feldern eingeteilt. Ein anderes Mal mussten wir in Stettin Möbel tragen, um diese von einem Haus in ein anderes tragen! Zu essen gab es in einer Büchse. Eine Wassersuppe und ein Stück trockenes Brot! Einmal wurde ich mit noch einem Mädchen zu einer Offiziersfamilie gebracht, um dort die Wohnungen sauber zu machen. Zurück mussten wir den weiten Weg (es ging über die Haken-Terrasse, Wahrzeichen von Stettin) zu Fuß gehen! Der Lohn für unsere Arbeit waren zwei Salzheringe! Ich habe sie ihnen vor die Türe geworfen! So zornig war ich! Wie hätten wir diesen Fisch essen sollen? Wir wären danach verdurstet! Sanitäre Anlagen gab es in unserem Lager natürlich nicht. Gewaschen haben wir uns in den Kanälen der Oder-Häfen! Als es ein wenig wärmer wurde, badeten wir dort auch. Das Wasser war mit Öl verschmutzt! Ich hatte eine ölverbrannte Haut. Es war furchtbar!

Die schreckliche Zeit ging so dahin. Wir warteten und warteten, dass endlich ein Transport gehen würde. Es war nun schon Juni. Eines Morgens mussten wir uns wieder aufstellen. Ein polnischer Offizier schaute uns der Reihe nach an - der Blick fiel auf mich. Er sagte, er wollte mich für seine Kinder, die ich betreuen sollte. Ich sollte auch bei ihnen schlafen. Außerdem würde er mich, sobald ein Transport gehen würde, zurück bringen! Am Tor zu einem einge- zäunten Gelände wurde auch in diesem Moment ein Schild mit der Bekanntmachung befestigt, das Anfang Juli ein Transport gehen sollte! Ich hatte furchtbare Angst, dass ich nie wieder wegkommen würde. Der Offizier und die Familie hielten ihr Wort. Ich hatte es dort gut - und ein Bett! Denn mein gesundheitlicher Zustand war bei diesem unwirtlichen Leben nicht der Beste!

Nach 10 Tagen war es dann endlich so weit. Ich wurde zurück gebracht. Man gab mir zwei Brote und Butter. Der Transport bestand aus mehreren Güterwagen. Wir lagen auf dem kahlen Bo- den! Es ging die Oder-Neiße entlang und es dauerte und dauerte! Verpflegt wurden wir nicht! Wir mussten von dem leben was wir hatten. Und das war nicht viel! Wir hatten keine Toiletten und waschen konnten wir uns auch nicht. Von Görlitz kamen wir nach Bautzen in Quarantäne. Wir wurden in Kasernen untergebracht. Dann wurden wir entlassen! Wir bekamen Adressen von Privatzimmern. Nun konnten wir unsere im Westen lebenden Angehörigen erst benach- richtigen,"dass ich angekommen bin", denn Bautzen lag ja in Ostdeutschland.

Am 08.August 1947 bin ich in Bielefeld angekommen. Auch dies war noch ein kleines Abenteuer!

An dieser Stelle will ich diese Erzählung als Zeitzeuge beenden, denn ich glaube es gibt nichts mehr darüber zu sagen - außer dass ich niemanden anklage ! Es war nur die Zeit, die ich als kleines Mädchen von 13 bis 15 Jahren bewältigen musste. Und wie ich schon sagte; auf dieses Mädchen von "Damals" bin ich ein bisschen stolz. Rückwirkend würde ich sagen; in dieser Zeit habe ich mein Meisterstück für' s Leben gemacht.