Hätte Antonia in der vergangenen Nacht bei offenem Fenster geschlahähne 1fen, wäre sie durch das Krähen des Gockels aus Nachbars Hühnerhof geweckt worden, und zwar um Punkt Sechs. Aber sie hatte ihre Fenster geschlossen, weil die Eisheiligen noch einmal mit Nacht-Temperaturen von unter Null Grad angekündigt waren. Da konnte der Hahn krähen so viel er wollte, Antonia hörte nichts.Es war Montag. „O Gott, das ist jetzt nicht wahr!“ Mit einem Ruck war Antonia in ihrem Bett hoch geschreckt und sofort wieder in die Kissen zurück gesunken.

Sie rieb sich die verklebten Augen und griff nach dem Wecker – fassungslos, denn sie hatte um zwei Stunden verschlafen. Dabei war sie ganz sicher, dass sie den Wecker auf Sechs Uhr gestellt hatte um auf jeden Fall durch das Intervallsurren wach zu werden.
Obwohl sie müde war und eigentlich schnell schlafen wollte hatte sie die halbe Nacht wach gelegen und in Gedanken alle möglichen Szenarien des bevorstehenden Vorstellungsgespräches durchgespielt. Die Folge war, dass sie den Rest der Nacht unruhig schlief – und erst gegen Morgen in Tiefschlaf gefallen war.
Jetzt wurde Antonia von einem wahren Katastrophengefühl erfasst, denn für sie war der heutige Termin lebenswichtig. Beinahe fünf Jahre war sie als Chefsekretärin bei einer großen ortsansässigen Firma angestellt gewesen, doch dann meldete die Firma Konkurs an und Antonia verlor ihre gut bezahlte Stelle. Seitdem ging sie regelmäßig zum Jobcenter und erkundigte sich nach einer neuen Arbeit. Antonia stieg aus dem Bett, setzte die Kaffeemaschine in Gang und ging eilig ins Bad. Während sie ihre Dusche nahm und so den Rest Schlaf vertrieb, schimpfte sie ununterbrochen vor sich hin:
„Dieser verflixte, vermaledeite Wecker. Was soll ich jetzt nur machen?“
Vor ihrem großen Spiegel im Schlafzimmer kleidete sie sich an – das dunkelblaue Kostüm hatte sie von ihren letzten Ersparnissen gekauft. Zum Frühstück an dem kleinen Klapptisch vor ihrer Küchenzeile trank sie den frisch aufgebrühten Kaffee zum Toast mit Erdbeermarmelade.
„Wie nur, wie kann ich retten was zu retten ist?“, grübelte Antonia. Sie brauchte so dringend eine neue Stelle, war sie doch nun seit mehr als drei Monaten arbeitslos. Endlich hatte ihr das Jobcenter ein aussichtsreiches Jobangebot vorgelegt. Auf ihre Bewerbung um die Stelle als Fremdsprachensekretärin des Vertriebsleiters, Herrn Horstmann, bei einem Verlag in Hannover war sie zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Und nun das!!
`Wer weiß, wann sich noch mal eine solche Chance bietet. Den Termin kann ich definitiv nicht einhalten. Allein die Bahnfahrt dauert ja mehr als eine Stunde. Und dann bin ich noch nicht mal am Verlagsgebäude.  Das Beste wird sein, wenn ich Herrn Horstmann anrufe und ihn um einen neuen Termin bitte. – Hoffen wir mal!! – Es hilft ja nichts.
Aber irgendwie klingt es albern und unglaubwürdig, meine Verspätung auf einen Wecker zu schieben der kurzfristig seinen Dienst quittiert haben soll.
Ach – ich sage einfach: Der Zug ist ausgefallen, und ich muss leider den nächsten nehmen.
– Hoffentlich überprüfen sie das nicht. Sonst bin ich verloren!’ Sie zögerte kurz, griff dann aber entschlossen zu ihrem Mobiltelefon und rief bei Herrn Horstmann an. Der war tatsächlich nach einigem Zögern bereit, Antonia eine zweite Chance zu geben:
„Leider habe ich erst Morgen am späten Nachmittag für Sie Zeit. – Ich erwarte Sie dann um 17.00 Uhr hier im Verlagshaus.“ Also Morgen. Antonia würde den Zwölf-Uhr-Zug am Dienstag nehmen. Sie zog die Schuhe und auch ihr Kostüm wieder aus und kroch zurück ins Bett. Nahm das Buch von Susza Bank “Die hellen Tage” aus dem Regal, las einige Seiten und schlief darüber ein.
Als Antonia aufwachte knallte die Sonne durch das schräge Dachfenster in ihr Zimmer. Es war Mittagszeit. Sie stellte die Kaffeemaschine an, denn ohne Kaffee klappte das mit dem Wachwerden einfach nicht. Und während sie ihren Kaffee am Tisch sitzend trank, hörte sie die Zwölf-Uhr-Nachrichten am Radio:
„Der Neun-Uhr-Zug von Köln nach Hannover ist heute bei Bad Oeynhausen entgleist und verunglückt. Drei Waggons sind aus den Schienen gesprungen. Viele schwer verletzte Reisende wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht. Es hat sogar mehrere Tote gegeben. Glück gehabt!

Brigitte Lohan