Doppelgängerinnen in Japan?

Eine 12-stündige Flugzeit in einer Höhe, aus der ich sehe, die Welt ist in Watte gepackt, darüber Blau und Weiß und ewiger Sonnenschein, reise ich nach Osaka, gelegen auf Honshu, der größten japanischen Insel. Die Zeitverschiebung beträgt acht Stunden. Es sind hauptsächlich Japaner an Bord. Die gesamte Flugzeit über kann man gute Filme auf den Monitoren an der Rücklehne des Vordersitzes schauen oder man lässt sich sofort in Tiefschlaf fallen und verschwindet hinter einer Gesichstmaske, wie der größte Teil der Fluggäste.  Endlich habe ich die Gelegenheit nach Japan zu kommen, in das Land der aufgehenden Sonne, das “Land des Lächelns”. Ich bin nämlich seit langem Japan-affin, wie man neudeutsch sagt, lese Bücher, schaue Hochglanz-Bildbände und Filme oder besuche Ausstellungen.

Hier nur einiges von dem, was ich vorab von Japan weiß: Yurashimataro, ist ein Märchen über Zeit und Raum und hat mich fasziniert. Der Architekt Fujimoto mit seiner Futurospektive, dem Leben in Baumhäusern, hatte eine Ausstellung in der Bielefelder Kunsthalle. Der Literatur-Professor Wakisaka aus Hiroshima schenkte mir schon sehr früh einen Kimono. Japanische Gärten –  japanische Lebensart – japanische Ingenieurskunst (Falttechniken  für den Weltraum  und für Möbel). Ikebana sind Blumengestecke und mit Origami kreiert man Kraniche und zauberhafte Geschenkverpackungen aus Papier. Bonsai sind Miniaturbäume und Mikado ein Geschickichkeitsspiel mit Stäbchen. Japanpapier für die getrockneten Blumen und Gräser und natürlich Harakiri, die Selbsttötung der Samurai aus früheren Zeiten nach einem Gesichtsverlust. Aber vor allem die schönen Geishas, die uns in ihrer Tracht im Hotel den Tee servieren. “Das ist mal eine Landung der außergewöhnlichen Art, eine Landung auf dem Meer. Fängt ja großartig an”, begrüße ich Solveig. “Ich freue mich so, dass du da bist”, antwortet sie und erklärt nach unserer Umarmung und den Begrüßungsküsschen: “Ja, die Landebahnen sind auf einer Plattform ins Meer hinausgebaut. Von jetzt an brauchen wir noch unbefähr eine Stunde mit dem Bus zum Hotel. Taxi fahren ist hier Luxus für reiche Leute.” Auf der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt sehe ich immense Hafenanlagen, aber auch Nachbildungen des Wiener Riesenrades, des französischen Tetraeders “Musee d` Art”, der Londoner Tower-Bridge, des Eiffelturms,  Quasi-Ufo-Landeplätze, nein, es sind Hubschrauber-Landeplätze auf den Hochhäusern. Überhaupt, die Hochhäuser! Unser Hotel der Luxusklasse liegt mitten in der Stadt auf einer Insel, umspült von einem Fluß, der kanalisiert in den Atlantik mündet.  Das Doppelzimmer befindet sich auf der 12. Etage.” Wenn man von hier oben aus dem Fenster schaut: nichts als Hochhäuser ringsherum. “Ja, viel Glas und Beton”, bestätigt Solveig: “In der Tat wirkt vieles neu gebaut. Es gibt nicht so viele alte Gebäude, wie zum Beispiel die Burganlage in dem großen Park oder auch die ehemalige  Stadtverwaltung. Die Burg wurde regelmäßig erneuert. Du weißt ja, in Japan gehören Erdbeben zum alltäglichen Leben.” “Du meinst ein Erdbeben könnte uns auch hier erwischen?”  “Sicher, jederzeit.” “Wie kommt man dann schnell aus der zwölften Etage hinunter? Oder bricht dann ohnehin alles ein und zerfällt zu Trümmern?” “Alle Gebäude, vor allem die Hochhäuser, wurden auf flexiblem Untergrund gebaut, Grundmauern die nachgeben und nicht starr sind, damit die Häuser im Falle von Erdbeben abgefedert werden.” Erfindungsreich müssen sie schon sein, die Japaner, überlege ich und stelle mir vor, dass ganz sicher jeder Japaner schon etliche Erdbeben von kleinerer oder größerer Stärke erlebt hat, also einer Bevölkerung angehört, die sich irgendwie ständig in Gefahr befindet. An Fukushima will ich erst gar nicht denken. Entweder sind sie alle sehr gelassen hier, schon von Natur aus, oder sie werden von klein auf trainiert, mit der ständig drohenden Gefahr einer Katastrophe, dem “Leben auf dem Vulkan” umzugehen. Das ist schon völlig anders, wenn man aus dem katastrophenarmen Bielefeld kommt, wo keine Gefahr von Erdbeben oder Überschwemmungen droht. Wie wird sich das anfühlen, ein Erdbeben? Solveig ignoriert meine Ängste. Für sie sind Erdbeben unabänderlich: “Im Falle eines Erdbebens wird Alarm gegeben. Aber man muss sich auch nicht vorher verrückt machen. Es reicht, wenn es soweit ist.” Ist Verdrängen eine Methode mit der Bedrohung permanenter Gefahr umzugehen? Oder hilft die Erwartung, dass man wahrscheinlich überleben wird? “Komm, lass uns zuerst die Osaka-Burganlage besichtigen. Von der Anhöhe haben wir einen ersten Blick über die Stadt.” “Sehr gern.” Noch vor Beginn der Dämmerung treten wir aus dem Hotel den Gang zur Burg an, fahren zwei Stationen mit der U-Bahn, laufen durch die Straßen Osakas. Für den sicheren Übergang der Fußgänger, auch der sehbehinderten, zwitschert an jeder Fußgängerampel eine Amsel, immer die gleiche Tonfolge. Tolle Idee – Vögel zwitschern zu lassen. Im Laufe meines Aufenthaltes habe ich erfahren, dass jede Stadt ihre eigenen Vogelstimmen bei den Fußgängerüberwegen einsetzt: In Kyoto rufts “Kuckuck”, in Nara zwitschern gleich mehrere Amseln immer das gleiche Lied. Mir fällt auf, mit welcher Aufmerksamkeit, Höflichkeit die Menschen sich hier begegnen: Sie lassen den Vortritt, sie drängeln nicht, bilden Schlangen, sind zuvorkommend und überall deuten sie den Ko-tau an. Eine weitere Beobachtung ist, viele Japaner tragen Schuhe, die ihnen mindestens mal eine Nummer zu groß sind. Sicher deshalb, weil sie dauernd ihre Schuhe ausziehen, sobald sie ein Haus, einen Raum betreten. In unserem Hotel gibt es zwei Paar Extra-Schlappen aus weißem Frottee, einmal für das Bad und und einmal für das Zimmer, ebenso einen weißen Bad-Kimono, täglich frisch. Die Betten werden ebenfalls täglich neu bezogen. Hygiene geht über alles. Die Toilettendeckel sind angewärmt und sobald man sich setzt, fließt Wasser und die Musikauswahl ist klassisch, von Mozart bis Beethoven. Nach dem Burgbesuch gehen wir in ein kleines Restaurant in eine extra Passage, wo ein Restaurant neben dem anderen mit tollen Menues um Gäste wirbt. Mir ist grundsätzlich nicht nach Sushi, wegen des rohen Fischs. Aber Gyoza mit Shopsticks zu essen ist kein Problem. Gyoza, was ist das? Mit Fleisch und Gemüse gefüllte mondsichelförmige Teigtaschen aus Reisteig. Dazu eine kleine Schale mit Gemüse, eine scharfe Soße oder Soja-Soße zum tunken, Klebereis und als Getränk Jasmintee, der stets nachgefüllt wird. Zuvor eine Schale Suppe. Ausgesucht höfliche und aufmerksame Bedienung. Äußerst gute Qualität des Essens in angenehmer Atmosphäre. “Morgen können wir in die Einkaufsmeile der Stadt gehen. Da wirst du sie dann treffen, deine Doppelgängerinnen”, sagt Solveig während des Essens. Ich bin bereit! Denke gleichzeitig: Hm, muss ich erst nach Japan reisen, um meine Doppelgängerin zu treffen, in einer mir unbekannten Kultur mich bewegen und vorsätzlich auf die Suche zu gehen? Bisher ging ich davon aus, eine Begegnung mit Doppelgängern sei absolut zufällig und ließe jemanden gruselig erschrecken. Aber man geht seine Doppelgängerin nicht vorsätzlich suchen, und das in einem Land, auf der anderen Seite der Welt! Woher könnte ich wohl asiatische Gene haben? Oder wurde ich nach meiner Geburt vertauscht? Könnte man ja testen lassen heutzutage, mithilfe eines Gentests. Und – sofern es sie wirklich gibt, sucht meine Doppelgängerin garantiert nicht nach mir. Doch plötzlich steht sie dort auf der Brücke über dem Fluß und schaut kurz herüber zu mir und sofort über mich hinweg, geht weiter, ohne irgendein Erkennungszeichen. Ich dagegen bin fasziniert, traue meinen Augen nicht. Meine Doppelgängerin hat nicht, wie die meisten Leute hier, den Mundschutz vor dem Gesicht. Allerdings ist ihr Kinn fast verdeckt von dem hohen Mantelkragen. Und schön ist sie, und so viel jünger. Solveig hatte Recht, es gibt sie also. Sie hatte sie ebenfalls sofort gesehen und aus sicherer Entfernung ein Foto zum Beweis gemacht. Ab jetzt schaue ich umso aufmerksamer in die Menge der vorübergehenden Japanerinnen. Vielleicht treffe ich noch weitere von uns. Und vielleicht geben sie sich zu erkennen, zeigen mir, dass auch sie mich wahrgenommen haben und bleiben verblüfft stehen und gehen nicht auf Distanz. Schon bei dieser Begegnung habe ich ein vertrautes Gefühl, denn meine Doppelgängerin hat die Angewohnheit, bei ihrem Gang die Fußspitzen nach innen zu richten. Und sie ist schlank und hat, was eigentlich das Wichtigste ist, eine winzige Nase in ihrem blass geschminkten Gesicht mit hohen Wangenknochen und den typischen schräggestellten Augen, kajalgerahmt. Wäre ich nur schon viel früher einmal hierher gekommen, hätte ich vielleicht nicht so viele Ungereimtheiten in meinem Leben erfahren, weil ich anders bin mit meiner Angewohnheit, schon am Morgen zu Mittag zu essen und irgendwie auch das asiatische Gen habe, wenn es um Alkohol geht. Den vertrage ich nämlich überhaupt nicht. Ich erinnerte mich daran, dass die Asiatinnen, die an der Universität in Bielefeld studieren, mich auffällig oft prüfend angeschaut haben. Aber mir sind ihre Erkennungssignale, ihre Eigenheiten nicht geläufig. Meine Aufmerksamkeit haben sie dennoch jedesmal geweckt und während ich darauf hoffte, dass sie mich ansprechen, waren sie nach einem kurzen Check-up schnell wieder desinteressiert.

Sonntag in Kyoto

Nach einer Stunde Bahnfahrt, Ankunft am Bahnhof in Kyoto. Wir überqueren eine Hauptstraße und setzen uns ins Starbucks für Tee und Kuchen. Starbucks hat in Kyoto eine Niederlassung am 1. Platz der Stadt: direkt am Ufer des Flusses, wo Graureiher und Kormorane fliegen, angeln und unter der Brücke hocken. Und von Starbucks aus wandern wir zum Kaiserpalast, erreichen bei kaltem Wetter mit Sonnenschein den endlosen und überbreiten Platz, bedeckt mit grobem Kies und einer sich anschließenden Gartenanlage, die, wie auf einem ausgerollten Teppich, zu beiden Seiten begrenzt von besonderen Bäumen, einen weiten Blick in den Horizont, bis in den Himmel erlaubt. Bei diesen Dimensionen dürfen Vergleiche mit den eher engen Wohnverhältnissen der Bevölkerung einer Stadt erlaubt sein. Meine Flug-Reisebegleitung aus Kent hatte empfohlen, ein Fahrrad leihen, um die großen Entfernungen auf diesem Areal zu überwinden. Leider ist das Wetter zum Fahrradfahren nicht geeignet, viel zu kalt. Wir können den Palast auch nicht besichtigen, sind außerhalb der Saison hier. Wir laufen den langen Weg zurück zum Bahnhof. Jetzt ist es soweit – der Jetlag!!! und  dazu eine sehr starke Erkältung, wahrscheinlich durch die Klimaanlage des Flugzeugs. Ich kann überhaupt nicht aus dem Bett aufstehen. Hätte ich mal eine Gesichtsmaske zur Hand gehabt während des Fluges, oder wenigstens meinen Schal vors Gesicht gehalten.  Solveig hat mich quasi aus dem Bett gezwungen und gelockt mit der Teestube des Hotels, wo wir Tee, Petit Fours und Eis genossen haben. Die Teetassen durfte man zuvor auswählen und die Süßigkeiten wurden auf einer Etagiere serviert. Heute steht der Besuch des Robotik-Labors an der Universität Osaka an. Nach Ankunft an der Bus-Station haben wir in der Notaufnahme eines Krankenhauses Pause gemacht und Tee getrunken. Bei unter Null Grad und schneidend eiskaltem Wind sind wir mit dem Bus unterwegs. An Bielefelds Universität sind es die Krähenkolonien, an der Osaka University die Rabenkolonien, die den Campus bevölkern. Wir treten ein in das Technologie-Gebäude. Große Begrüßung – Schuhe ausziehen, Puschen an – Essen im Uni-Restaurant, unvergleichlich exzellenter als die Qualität im  Bielefelder Uni Westend. Beinahe ohne Stimme wegen meiner Erkältung, versuche ich das Gespräch mit der jungen Wissenschaftlerin zu führen, die meine Betreuung übernommen hat, während Solveig ihren beruflichen Verpflichtungen nachkommt. Sie hatte einen längeren Forschungsaufenthalt an der Universität Osaka. Kurz bevor wir zusammen nach hause zurückfliegen, gehen wir noch einmal einkaufen; Geschenke und Souvenirs in Osakas Einkaufsmeile. Diesmal habe ich keine einzige Doppelgängerin getroffen. War alles eine Täuschung oder gar Wunschdenken, weil ich so fasziniert bin von Japan? Dennoch, meine Solveig hat mir eine “neue Welt” gezeigt. Hat mich durch ihr Japan getragen, mich selektiv geführt, wohin “man” von hier aus in kurzer Zeit reisen konnte (Kyoto, Nara, durch die große Stadt Osaka – außerhalb der sogenannten “rush hour”). Sie hat mir die Höflichkeitensregeln erläutert, damit ich möglichst in kein Fettnäpfchen trete. Eigentlich habe ich mir sofort nach meiner Rückkehr vorgenommen, Japanisch zu lernen. Bis heute habe ich noch nicht angefangen.

Konichiwa = guten Tag                Sayounara = auf Wiedersehen               Arigato kosai mas – danke sehr.

 

Brigitte Lohan