Friedhöfe sind ganz besondere Orte, die wir oft mit gemischten Gefühlen besuchen.

Als Orte des Friedens und der Stille erinnern uns Friedhöfe an unsere eigene Zeit und Endlichkeit. Sie sind mehr als nur Gedenkstätten, vielmehr sind sie Denk- Stätten, die uns zum Innehalten und Nachdenken anregen. Natürlich ist es nicht immer leicht,  sich mit Gedanken an die eigene Endlichkeit zu beschäftigen…Abschied vom Leben, vom Vertrauten und Lebendigen, von Menschen, die wir lieben, von Jugend, Schönheit und Status…all das bleibt zurück im Diesseits, wird  zu Vergangenheit und Geschichte. Friedhöfe sind Zeitzeugen, schützen und bewahren die Kultur, den Zeitgeist und Moden unserer Vorfahren.

Friedhöfe behüten für uns das Wesentliche

Fhof2 (2)Das harmonische Miteinander längst vergangener Epochen mit dem Sachlichen der Neuzeit;  Kunst und Kitsch sind hier nur aktuelle Bewertungen unserer Zeit. Und doch sind es nicht gerade die kleinen Nettigkeiten, kitschige Engel, theatralisch anmutende Skulpturen, die uns innehalten lassen, um einen Blick zu werfen auf einen so geliebten Verstorbenen? Die steinerne Dame, die tief traurig und voll stiller Sehnsucht  in das ebenso steinerne Antlitz eines Mannes blickt- welche Geschichte erzählt sie uns noch nach 100Jahren? Waren sie Liebende….oder Vater und Tochter;  war sie seine heimliche Muse, oder er ihr großer Held?  Berührt Sie das auch, egal ob Kunst oder Kitsch? Friedhöfe behüten für uns das Wesentliche,  sind Orte, an denen die Liebe erhalten bleibt…in den Blumen auf den Gräbern, im kühlen Schatten alter Bäume, in der liebevollen Pflege der Gräber mit all ihrem Grabschmuck. Ob sich die Verstorbenen nun daran erfreuen können oder auch nicht, mag an dieser Stelle nicht entschieden werden, viel wesentlicher ist jedoch das tröstliche Tun der Diesseitigen, die im Gedenken bleiben. Immer wieder faszinierend sind auch die Stimmungen auf Friedhöfen. Das schaurig- morbide Gefühl hat seine eigene Faszination, schreckt uns ebenso ab, wie es uns auch anzieht. Haben Sie auch schon mal als jugendliche Mutprobe nachts einen Friedhof besucht? Sind Ihnen Geister oder Gespenster begegnet? Unsere meist friedvoll Verstorbenen würden sicher milde lächeln, wenn wir den Schauder des Jenseits zu spüren hoffen. Und doch kann sich  niemand gänzlich freimachen von der Mystik des Todes, dem unbekannten Raum, der uns alle erwartet. Die Dunkelheit hat hier ihre eigene Schönheit, zahllose Geschichten erzählen davon… Friedhöfe sind  Orte der Begegnung. Auf gepflegten Wegen gehen wir dort gemäßigten Schrittes, ganz in Ruhe ohne die Hektik des Alltags und treffen oft Menschen, die gerade auf einem ähnlichen Weg durch ihr Leben gehen… Trauernde, Hinterbliebene, Verlassene…oder einfach nur Menschen, die die Ruhe an diesem wunderbaren Ort genießen. Gärtner, die pflegen und pflanzen, Menschen mit Blumen und Kerzen in den Händen, Spaziergänger, die ihren Hund ausführen…vielleicht kommt man ins Gespräch, findet Trost und Verständnis im gemeinsamen Erleben von Abschiedlichkeit? Ganz besonders ist es, wenn man mit Kindern einen Friedhof besucht. Sie stellen offen jene Fragen, die wir selbst oft zu vermeiden suchen. Doch gleichzeitig kann der Friedhof zum erklärenden Medium werden, das Leben und Tod auf natürliche Weise wieder miteinander verbindet. Traurige, aber auch liebevolle Geschichten sind es, die der Friedhof erzählt. Und auch die Hoffnung, die sich im Wachstum und Blüte der Pflanzen zeigt, beweist die Unendlichkeit des Lebens und der Liebe. In besonderen Momenten, wenn die Sonne durch die Bäume strahlt, erfahren wir die innere Gewissheit  des Weiterlebens nach dem Tod in einer anderen Dimension. Ob wir an eine Auferstehung glauben oder nicht, selbst eingefleischte Atheisten können sich dem Zauber der lebendigen Natur kaum entziehen…der Friedhof ist und bleibt für alle immer auch ein Ort der Verheißung…jenseits von Zeit und Raum.

Gabrielle Richter