Gerlind hatte den Anruf von Hans-Dieter Kramer entgegen genommen. Ob er kurzfristig zu Besuch kommen könnte, hatte er gefragt; er wollte Gerlind und ihre Eltern gern wieder mal sehen.Ungeduldig warteten sie auf sein Eintreffen. Gerlinds Papa stellte eine gute Flasche Rotwein zum Toast Hawai auf den Tisch. Seltsam – wenn man einen Freund häufig trifft, nimmt man kleine Veränderungen kaum wahr.

Essen

Essen

Doch Hans-Dieter Kramer war länger nicht da gewesen und Einiges war jetzt anders: Ein Dreitagebart zum silberdurchzogenen dunklen Kurzhaarschnitt – das war neu an ihm. Bläulich schimmernde Augenränder, die waren jetzt deutlicher. Er wirkte überarbeitet und war offenbar in letzter Zeit nicht dazu gekommen, Sport zu treiben. Hatte er gehofft, sich bei diesem Besuch zu erholen? Mit Freunden über alte Zeiten und neueste Ereignisse zu reden? Einfach ein gutes Gefühl von Freundschaft und „Es kennen mich Menschen und sie sind mir wohl gesonnen?“ zu haben?  Während des Essens tauschten die alten Freude die letzten Neuigkeiten aus und dann – endlich! – war eine Gesprächspause entstanden. Darauf hatte Gerlind, die ungeduldig zugehört hatte, nur gewartet. Schon sprudelte sie los mit der für sie allerwichtigsten Frage des Abends: „Onkel Hans-Dieter hast du jemals was von dem Mordfall Jupp gehört?“

Hans-Dieter Kramer war einigermaßen überrumpelt von Gerlinds Frage. Doch nach einer kurzen Überlegung fiel ihm wieder ein, was damals gewesen war: ”Wie kommst du denn auf diese alte Geschichte, Gerlind?” “Ja also, ich habe nach bald 45 Jahren Mamas Tagebuch auf unserem Dachboden gefunden. Ich muss einfach alles, aber auch alles daüber wissen.“ „So, so, das Tagebuch deiner Mutter hast du gefunden? Hat sie dir denn erlaubt, darin zu lesen?“ wollte Hans-Dieter Kramer erstaunt wissen. “Ja hat sie – und sie hat sogar schon mit mir darüber geredet. Aber ich möchte gern auch noch deine Version hören”, bettelte Gerlind.

Hans-Dieter Kramer schaute Gerlinds Mama fragend an. Die nickte zustimmend. “Nun ja, es war mein allererster Außentermin damals, als ich bei der Zeitung Stadtgespräch anfing. Ich kann mich noch gut erinnern, welches Aufsehen der Mord erregt hat. Dazu habe ich alle möglichen Zeugen, Nachbarn getroffen und befragt; auch deine Mama und ihre Freunde – wie hießen sie noch? “Klaus und Harold.” “Ach ja, genau. Aber das war ja quasi schon das Ende der Geschichte.

Da fange ich am besten mal von vorne an – so, wie ich das in Erinnerung habe: Also, der Jupp, das war ein ganz besonderer, seltsamer Typ. Er war stadtbekannt und untrüglich an seiner schluppigen Kleidung und Art und Weise zu erkennen, wie er über die Straßen unserer kleinen Stadt schlurfte. Er trug stets einen alten braunen Anzug, der großzügig zerknittert und ausgebeult an ihm herumschlotterte. Aus den mindestens zwei Nummern zu großen Latschen schlappte er ständig heraus, was eine Begegnung mit ihm zu einem echten Erlebnis machte. Wie auf einer Schiffsplanke wankte er von der einen Seite des Bürgersteigs auf die andere.” Gerlinds Mutter erinnerte sich:„Ja, und dazu kam noch, dass seine Frau vor nicht allzu langer Zeit gestorben war und es seitdem mit Jupp noch weiter bergab ging. Er verkam geradezu. Und sein ehedem schönes Haus ebenfalls.“

„Damals habe ich ihn abends oft in seinem Stammlokal angetroffen“, fuhr Onkel Hans-Dieter fort: „Man hatte den Eindruck, dass er sich vor lauter Kummer nur von Abend zu Abend in die Kneipe retten konnte. Hier hat er denn auch hin und wieder etwas gegessen, z.B. eine Frikadelle oder ein Solei. Vor allem aber hat er jede Menge Bier und Korn getrunken.“ „Was genau war denn nun so besonders an Jupp, dass er so viel Beachtung bekam“, wollte Gerlind wissen.

„Na ja“, antwortete Onkel Hans-Dieter: „Jupp hatte eine außergewöhnliche Fähigkeit. Er konnte sich nämlich Zahlen und Daten total gut merken. Rechnen war seine Stärke; vor allem Addition und Multiplikation. Und außerdem – wenn man ihm z.B. das Geburtsdatum nannte, merkte er sich das, und bei nächster Gelegenheit verblüffte er die Leute damit, dass er das Datum und sogar den Wochentag noch exakt wiedergeben konnte. Egal wer das war. Das gefiel den Gästen in der Kneipe ganz besonders; da bekam Jupp dann jedes Mal ein Bier spendiert und sie munterten ihn immer wieder auf: „Na Jupp, wie geht’s?“, fragten sie ihn. „Lass den Kopf nicht hängen. Denk daran, heute hat Bernie Geburtstag.“ „Öh, öh, weiß ich doch“, lallte Jupp zurück und war dankbar für jedes Wort, jedes Schulterklopfen. Aber was man nicht so sehen konnte war, dass er den Gästen auch sehr aufmerksam zuhörte, wenn sie mit ihren Prahlereien anfingen. Das ersetzte ihm das tägliche Zeitung lesen. Hier bekam er sozusagen die stadtinternen Neuigkeiten aus erster Hand, kamen doch viele der Verwaltungsbeamten und -angestellten nach Feierabend in seine Stammkneipe auf ein oder zwei Bier herein.“

„Und?“ – erkundigte Gerlind sich gespannt: „Wie ist das denn überhaupt bekannt geworden, die Sache mit dem Mord?“ „Also – zuerst hat es einen Mordversuch gegeben. Das war nämlich so. Jupp war am 20. Juni bis zur Sperrstunde, um 2 Uhr nachts, in seiner Stammkneipe geblieben. Dann hatte der Wirt ihn hinaus geworfen. Und Jupp torkelte zu nachtschlafender Zeit nach Hause. Unterwegs muss es dann passiert sein. Aber niemand weiß genau wo und wie irgendwer ihn in den großen Busch verschleppt hat. Ich weiß das nur so ungefähr, weil Jupp mir davon auf dem Feuerwehrfest erzählt hat. Da habe ich ihn auch zum letzten Mal lebend gesehen.“ „Und was hat er erzählt?“, drängelte Gerlind neugierig.

„Ja, ich habe ihn auf dem Feuerwehrfest am Bierstand getroffen. Er hatte sich fein gemacht; trug seinen Sonntagsanzug und feine Schuhe. Nicht die ausgetretenen alten Latschen wie sonst. Trotzdem nahm eigentlich niemand so richtig Notiz von Jupp. Es war wie immer. Irgendwie gehörte er wie ein wohl bekanntes Möbelstück ins gewohnte Bild. Er hatte schon einige Gläser Bier intus, war seltsam abgelenkt und schaute sich unsicher nach allen Seiten um. „Na Jupp, was haste dich denn so fein gemacht? Suchst du jemand?“, fragte ich. „Vielleicht denkt der, ich wäre schon tot“, antwortete Jupp – wirkte dabei sehr nervös.

„Aber bei so vielen Leuten wird ja wohl keiner wagen, mich noch mal zusammen zu schlagen“, und betäubte seine offensichtliche Angst mit einem weiteren Bier. „Was ist denn passiert?“, wollte ich wissen. „Gestern Nacht, oder gegen Morgen“, fing er so langsam an und nahm zwischendurch immer mal einen Schluck aus dem Bierglas.

„Kannste dir das vorstellen? Ich bin heute am frühen Morgen im großen Busch aufgewacht. Wie ich dahin gekommen bin, weiß ich nich. Ich war ziemlich angeschlagen und hatte einen Brummschädel wie lange nich mehr. Also, vom Saufen konnte das nich sein. Ich  konnte kaum geradeaus gucken. Und nachdenken schon gar nich. Irgendwer hat mir mit ‚nem Stock oder sowas eins über den Schädel gegeben. Meine Klamotten waren total versaut und ich hatte keine Schuhe mehr an den Füßen als ich wieder zu mir kam. Irgendwie habe ich mich dann berappelt und bin barfuß nach Hause gelaufen – so gegen Sechs Uhr früh vielleicht. Das war alles. Keine Ahnung, wer das war.

Ich riet Jupp, sofort zur Polizei zu gehen und den Vorfall zu melden. Aber er wollte nichts davon wissen und sagte nur: „Nöö, das brauch ich gar nich zu versuchen. Die bei der Polizei glauben mir sowieso nich ein Wort. Die werden damit kommen, dass ich mal wieder sturzbesoffen war und alles nur im Delirium geträumt habe.“

„Das hat Jupp mir am Abend vor seiner Ermordung erzählt. Am nächsten Morgen“, berichtete Hans-Dieter Kramer weiter: „Als der Mord bekannt wurde, habe ich den Kneipenwirt befragt, wann Jupp denn in der Mittsommernacht nach dem Feuerwehrfest das Lokal verlassen hatte. Und der sagte, er habe Jupp wieder zur Sperrstunde, also um Zwei Uhr in der Nacht rausgeworfen. Jupp war auch wie üblich in seiner unnachahmlichen Art hinaus gewankt, ohne sich zu verabschieden. Er nahm angeblich den Nachhauseweg durch den Park, bevor ihn die tödliche Kugel traf.”

Brigitte Lohan