Reihe 7  Platz 15

Die spanische Fliege

– Premiere am 7. Juni im TAM Bielefeld

Inszenierung "Die spanische Fliege" von Franz Arnold und Ernst Bach am Theater Bielefeld, Theater am Alten Markt, TAM. Premiere 07.06.2013. Inszenierung: Schlüter, Buehne und Kostueme: Grot, Dramaturgie: Göke, Darsteller: Wolff, Huckle, Spielberger, Wachter, Friede, Graser, Herzberg, Imholz, Baierl, Berger, LamprechtEigentlich schaue ich mir Schwänke nicht so gerne an. In der Regel haftet ihnen etwas Staubiges an.

Geprägt durch Ohnesorg- und Millowitsch-Theater in meiner Jugend favorisiere ich eher andere Theaterformen. Die Wahl ergab sich durch Zufall über eine Freundin.

 

Das Entstehungsjahr des Schwanks – 1913 von Franz Arnold und Ernst Bach geschrieben- und das Thema der Doppelmoral – alles ist gut, solange nicht die Fassade bröckelt- ließen mich den Theaterabend in der Kategorie einordnen: Es wird bestimmt ganz nett, und in der Pause gönnen wir uns einen „Hugo“.

 

Und das wurde geboten: Das Fabrikantenpaar Ludwig und Emma Klinke führen eine typische bürgerliche Ehe, die durch oberflächliche Harmonie, Sittenstrenge und Heimlichtuerei geprägt ist und deren Abgründe auf keinen Fall ans Tageslicht kommen dürfen. Er muss seine Vergangenheit mit einer Tänzerin, genannt „Spanische Fliege“, unbedingt verbergen.

 

Die damit verbundenen Situationen und Verwicklungen, in denen die Personen in heftige Verlegenheit  geraten und versuchen, der Katastrophe zu entgehen und niemanden die Abgründe merken zu lassen, macht den Witz eines Schwanks aus, vor allem, wenn die Agierenden die Doppelbödigkeit  gut herausspielen. Das ist Thomas Wolf und Christina Huckle als Ehepaar Klinke gelungen. Ihr Repertoire an Gesten, Blicken und Bewegungen oder auch Nichtbewegungen spiegelten die Situationen perfekt wieder.

Wenn Christina Huckle etwa als sittenstrenge Emma Klinke durch  Bewegungen und Stimme verdeutlicht, dass sie gerne würde, wenn sie könnte, wie sie wollte, dann ist genau diese Doppelbödigkeit getroffen.  

Ein Schwank lebt immer von konträren Formationen oder Typen, die in diesem Fall durch großen Einsatz und Tempo aller SchauspielerInnen überzeugt verkörpert wurden. Besonders Julia Friede und Janco Lamprecht als etwas verhuschtes Paar überzeugten mich.

 

Christian Schlüter (Inszenierung) und Anke Grot (Bühne und Kostüme) haben den Schwank entstaubt und mich eines Besseren (s.o.) gelehrt.

Die Geschichte spielt jetzt in der späten Adenauer-Ära, das bürgerliche Wohnzimmer der 60er Jahre lebt auf, gekoppelt mit einer Ironie, die Freude macht.

Man fängt an, das Senfgelb zu lieben, das bei Kostümen, Sesseln und sogar beim Programmheft auftaucht (schließlich geht es um den Mostrichfabrikanten Ludwig Klinke!). Genial auch die Gags und Slapstickeinlagen, die Einschübe von bekannten Schlagern (auch eine Theaterbesucherin hinter mir konnte den Schlager „Eine weiße Hochzeitskutsche“ fehlerlos mitsingen) und musikalischen Zitaten aus Filmen, die die Situationen noch überzeichneten und im besten Sinne komisch machten.

 

Es war nicht nur ein netter, sondern ein sehr vergnüglicher, kurzweiliger Theaterabend, den ich zur Nachahmung empfehle!

10.06.2013                                                             kk