Das erste Mal in Sardinien, das war 1976.

Damals hatten wir gerade den Sprachkursus Italienisch bei Frau La Valva an der Uni Bielefeld absolviert. In einem der Kapitel des von ihr geschriebenen Italienisch-Lehrbuches machte sie uns mit  Sardinien bekannt, dem Land  wo die Ureinwohner Nuragher genannt werden, die in zweistöckigen Turmhäusern, den Nuraghen, gelebt haben. Das karge Land geteilt durch zwei  schwer zugängliche Gebirgszüge; das Land der Hirten mit ihren riesigen Schafherden; das Land der Domus dei Janas, der Feenhöhlen, die dicht unter OLYMPUS DIGITAL CAMERAhochgelegenen Felsenplatten zu finden sind und so genannt werden, weil der Wind dort seine Melodien singt und pfeift. Man steigt hinauf auf einen Felsvorsprung und horcht hinein in die darunter liegende zumeist flache Höhle.

Superneugierig sind wir damals geworden! Das war eine so einmalige Sache, so außergewöhnlich zu dem, was wir bislang kennen gelernt hatten. Selbst unsere vorherigen Reisen nach Argentario und Isola del Giglio versprachen nicht ein solches Geheimnis. Diese Insel mussten wir besuchen – sobald wie möglich – und so lange wie möglich! Für unsere bisherigen Reisen hatten wir uns jedes Mal mit Zelt und Kochgeschirr ausgestattet, das Reiseziel jedoch nur grob bestimmt. Doch diesmal  nahmen wir uns insgesamt sechs Wochen Zeit im August und September. Damals gab es hier nicht viele Touristen, denn Sardinien war ein Geheimtipp für Individualisten. Wir fuhren mit unserer Diane samt Zelt und Kochgeschirr nach Civitavecchia in Italien und nahmen von dort die Fähre nach Olbia – 6-8 Stunden. In Olbia auf Sardinien angekommen, wandten wir uns der Ostküste der Insel  zu – ließen die Costa Smeralda links liegen und fuhren zum Golfo di Orosei, einer lang gezogenen großen Bucht.

Unmittelbar am Meer, hinter dem schmalen Streifen des Kiefernwaldes, bauten wir unser Zelt auf und parkten das Auto in einiger Entfernung vor dem Süßwasserkanal, der vor dem Kiefernwald entlang lief. Wir trugen mitgebrachte Lebensmittel und  unsere Wasser- und Weinvorräte zum Zelt. Der lange Sandstrand war menschenleer. Wir konnten uns also fühlen, als wären wir die ersten Menschen in diesem Paradies. Doch nicht sehr lange, da bald nach unserer Ankunft eine größere Zigeunerfamilie am Anfang des Strandes im Kiefernwald siedelte. Sie waren mit einem Lastwagen und mehreren Wohnwagen angekommen. Obwohl wir alle deutlich wilde Camper waren, hat uns kein Mensch vom Strand vertrieben. Ungehindert zogen wir mit unseren restlichen Sachen den langen Weg über den Strand zu unserem bereits aufgestellten Zelt, als wir das ungewöhnliche Gewimmel im Wasser nahe dem Ufer bemerkten. Schon standen einige der Zigeuner und sogar ich bis zu den Knien im Wasser. Die Calamare waren ans Ufer gekommen, um ihren Hochzeitstanz zu vollführen. Wiewohl sehr sehr glitschig, konnte man sie tatsächlich mit den Händen fangen. Calamare sind hier eine Spezialität. Sie werden in Ringe geschnitten und in Fett gebacken oder in Mehlteig gehüllt und dann gebacken.

Das Mittelmeer

Einige Tage später stieß einer unserer Freunde zu uns. Wir hatten vor Abreise ein Zusammentreffen vereinbart. Dieser Freund baute sein Zelt neben das unsere und von jetzt an verbrachten wir einige Zeit zusammen. Wir besuchten das Nuraghendorf  Tiscali und eine Nuraghe, ein einzelnes verfallenes Turmhaus, ganz in unserer Nähe. Wer waren sie gewesen, die Nuragher? Bekannt wurden sie als Ureinwohner Sardiniens, die ihre Häuser in Form von zweistöckigen Türmen gebaut haben und denen man die kleinen Bronzestatuetten zuordnete, kleine speerbewaffnete Krieger und Wächter, die man in den Nuraghentürmen fand. Vermutlich haben sie in der Bronzezeit gelebt.

Wieder zu zweit, nachdem unser Freund weiter in den Süden abgereist war, machten wir an unserem Strand nahe Orosei die Bekanntschaft einer sardischen Familie aus dem nächsten Dorf. Die diversen Stationen der Bekanntschaft haben angenehme Eindrücke hinterlassen: Zuerst trat diese junge sardische Kleinfamilie mit Baby auf. Sie verbrachten das Wochenende im Zelt am Strand. Camping war zu der Zeit absolut ungewöhnlich und keine Sache, auf die irgendein Italiener, geschweige denn ein Sarde gekommen wäre, wussten wir von unseren Aufenthalten in Argentario und Giglio. Aber wie sich herausstellte war der junge Mann bei Fiat in Milano beschäftigt und demnach schon weit herum gekommen. Es gelang uns, über einfachste Gespräche in Italienisch unser Interesse an Land und Leuten zu vermitteln. Das führte schließlich dazu, dass der junge Mann uns seinen Eltern vorstellte, dem Bürgermeisterehepaar mitten im nächsten Dorf wohnend. Wir hatten von den aus Schafwolle gewebten Teppichen und Betten-Tagesdecken gelesen, vom Pane Carasau (papierdünnes doppelt gebackenes Fladenbrot) und von den Porcettos (Spanferkel). Sie haben uns in ihr Haus eingeladen und in ihrer Gastfreundschaft gleich Pane (Brot) und Miele (Honig) probieren lassen. Die Mutter zeigte uns auch ihren selbst geknüpften Teppich und den Bettüberwurf aus Schafwolle, den sie als Mitgift in die Ehe einbrachte. Zur Vervollkommnung unserer Vorinformationen fehlte uns nun noch die Erfahrung mit dem Porcetto, das eigentlich ein kleines Wildschwein hätte sein müssen. Aber das hätten wir ja erst einmal jagen müssen. Also fuhr der Vater unseres neuen Freundes mit dem Auto voraus durch das Dorf zu einem am Rande gelegenen Neubau, in dessen noch nicht fertig gestellten Keller ein Porcetto lief. Wir kauften es und der Vater erklärte sich bereit, das Schweinchen zu schlachten, und für uns auf seinem eigenen in den Bergen gelegenen Grundstück, das umrahmt war von Opunzien (Feigenkakteen) und Weinreben, am Spieß zu braten.  Nach dem köstlichen und außergewöhnlichen Essen erzählte der liebenswürdige Sarde uns, wie man in Sardinien um seine Angebetete buhlte, nämlich indem man Lieder vor ihrem Haus sang. Nichts Besonderes? Oh doch! Es waren diese an die Substanz gehenden sardischen Lieder, die von den Verehrern selbst gedichtet und gesungen wurden, was stark an den Fado aus Portugal erinnerte. Wir bekamen einige Kostproben zu hören. Der Abend unter dem Sternenhimmel am Feuer mit sardischen Liebesliedern – gestaltet von einem sooo lieben sardischen Mann – ein unvergessliches Erlebnis.

Nach diesem Erlebnis wollten wir einen Tag der Erholung am Strand verbringen. Selbstverständlich war für uns, dass wir unser Geschirr und unsere Töpfe mit Zitronen und Meerwasser reinigten. Täglich zum Schwimmen ins Meer zu gehen wurde ebenso unverzichtbar.

Nicht selbstverständlich war dann unsere Fahrt über Nuoro und Fonni nach Orgosolo. Orgosolo war bekannt geworden durch die Murales, die Malereien auf Felsbrocken und Hauswänden des Dorfes, die ab 1968 anfangs als Protestbewegung gegen den Bau eines Nato-Truppenübungsplatzes auf dem Partobello, einer sehr großen Schafweide zwischen Fonni und Orgosolo, begann und weltberühmt wurde. Die Murales waren im Stil des Kubismus (Picassos La Guernica erinnert daran), gemalt. In der Zeit unseres Sardinien-Aufenthaltes fing die Bewegung gerade an und hat sich in der Zukunft immer wieder mit politischen und regionalen Problemen in einzigartiger Weise malerisch auseinandergesetzt. Orgosolo war bis dahin bekannt als Banditennest. Die Banditen, die zu dem geworden sind, weil es außer Schafehüten und –züchten nichts zu arbeiten gab und sie sich mit Diebstahl über Wasser halten mussten. Auch gegen die Ausbeutung durch die Großgrundbesitzer hatten sie sich zu wehren versucht. Zudem galt hier die Blutrache. Vielfach mussten die Banditen in die Berge und Höhlen des Gennargento flüchten, wurden aber von den Dorfbewohnern versorgt. Wir fanden uns sehr mutig, in ein solches Dorf zu fahren – hätten wir doch von den sardischen Banditen gekidnappt werden können. Aber nichts. Was da immer so publiziert wird . . .

Dennoch, eine Sache stimmte! Man wurde von der Straße weg auf ein Glas sardischen Wein eingeladen mit dem Besitzer der einzigen Bar am Ort zu trinken, der Deutsch als Gastarbeiter in Deutschland gelernt hatte. Selig, voll des sardischen Weins, schaukelten wir anschließend mit der Diane die Berge in Haarnadelkurven hinunter. Zurück zum Zeltplatz am Strand. Nichts war verschwunden, niemand hat irgendetwas gestohlen.

Und dann wollten wir unbedingt noch einen Arragosta (Hummer) essen. Dazu fanden wir einen Barista, der bereit war, einen Arragosta zu präparieren. Der Arragosta wurde kalt serviert, nachdem er in schwerer Knoblauchsoße gebadet hatte.

Kurz vor unserer Rückkehr aus Sardinien hatten wir die Gelegenheit einen sardischen Pastore, den Bruder unseres neuen Freundes vom Strand, kennen zu lernen. Er war von dieser wilden Aura umgeben, gekleidet in seinem Hirtenanzug aus schwerem grünem Samt, mit knielangen Hosen und hohen Stiefeln aus Ziegenleder dazu, um durch die Barbagia hinter seinen Schafen her klettern zu können.

2007

Mehr als 30 Jahre waren vergangen und unsere Kinder nun erwachsen. Wie war es nun mit unserer Lust auf Abenteuer in Sardinien bestellt – nach so vielen Jahren? Eine Reise mit Auto und Fähre käme nicht mehr in Frage. Stattdessen konnte man wunderbar ab Düsseldorf nach Sardiniens Hauptstadt Cagliari in den Süden der Insel fliegen, in 2 Stunden. Doch abenteuerlich würde eine solche Reise nur, wenn wir ein Minimum vorab bestimmten. Einfach nach Sardinien fliegen und dann zusehen, wohin man gerät und wie. Von oben her gesehen, also vom Flugzeug aus, wirkte die Insel menschenleer und karg, mit seltenen Siedlungen am äußersten Rande. Landeten wir etwa auf einem anderen Planeten? Das Flugzeug kreiste ein über dem Meer und landete auf dem Aeroporto ELMAS. Beim Ausstieg schlug uns die wohlige Wärme des Südens mit 26 Grad entgegen. Bald saßen wir auf einer aus Beton gegossenen Bank am Rande der neu gebauten Flughafenhalle; vor uns auf dem kühlen Steinfußboden die Reisekoffer. Am Sonntag – was geht da schon? Die Flugpassagiere und ihre Abholer verschwanden nach und nach aus der Flughafenhalle. Und wir saßen noch immer hinter unseren Koffern und dachten über weitere Schritte nach. Schließlich mieteten wir einen Panda rossa. Der junge Mann vom Autoverleih lud unsere Koffer in das Auto und wir fuhren los in Richtung Villasimius im Südosten der Insel und nur 45 km von Sardiniens Hauptstadt entfernt.

Es war September, die Opunzien reif und die Straßen gesäumt von in allen Farben blühendem Oleander. Die Autostrada aus Cagliari in Richtung Villasimius war eine gute, gerade, unkomplizierte Straße auf Meereshöhe zwischen Stadt und Meer. Als wir die Stadt hinter uns ließen, wurde die Küstenstraße zunehmend kurvenreich und bergig, es begann eine Fahrt über eine atemberaubende Panoramastraße in Haarnadelkurven die Berge hinauf und hinunter mit dem Blick hinaus in die unglaublichsten Buchten, hinaus auf das smaragdgrüne Meer, bei einer nicht zu unterschätzenden recht steifen Brise. Und dann kam der Punkt, an dem wir anhielten. Dieser Punkt war sehr hoch gelegen, bot einen traumhaften Ausblick auf eine der Buchten, doch es wehte ein starker Wind, der uns fast  nicht aus dem Auto aussteigen ließ. Wir kehrten um. War da nicht auf dem Weg bisher etwas gewesen, wo wir hätten nach einer Bleibe fragen können? Und mit traumwandlerischer Sicherheit landeten wir schließlich dort, wo wir unser Glück fanden: Mit ausgedörrten Kehlen hielten wir beim Café van Gogh, das auf halber Strecke an der Straße nach Villasimius kurz vor Torre delle Stelle in der Gemeinde Maracalagonis stand, fuhren auf den Parkplatz. Wir stiegen die breite Treppe empor und setzten uns auf die mit riesigen Sonnenschirmen überdachte Terrasse an einen kleinen Tisch und bestellten Vino und Aqua naturale. Mir schien die Gelegenheit günstig, die junge Sardin, die uns so freundlich empfangen hatte und bediente, anzusprechen:

“Wir sind soeben in Cagliari gelandet und suchen ein Hotel, eine Pension oder ein Haus ab sofort bis zum 20. dieses Monats.”

“Warten Sie einen Moment, ich werde telefonieren. Es gibt da jemanden, der hat ein Holz-Ferienhaus; sehen Sie, dort geradeaus“, sie deutete auf den gegenüberliegenden steilen Hang, wo man an dem hinauf führenden Weg in Haarnadelkurven etliche Ferienhäuser erkennen konnte.

„Er kommt in fünf Minuten hierher“, teilte sie uns mit.

„Si, grazie molto, signora.“

Warten wir doch einfach auf den Sarden, der uns evtl. sein Ferienhaus vermietet, auf ganz privater Basis.

Schließlich kam er angefahren, in seinem Ford Escort. Ein Mann, ca. zehn Jahre jünger als wir, nett, freundlich, ganz euphorisch und irgendwie ungläubig, dass ihm zu guter Letzt in diesem Jahr noch Feriengäste beschieden sein sollten.

„Buon Giorno, Signore.“

“Wenn Sie das Ferienhaus sehen wollen, können wir mit meinem Auto hinfahren.”

“Nein vielen Dank, wir folgen Ihnen in unserem Panda rossa.”

Gesagt – getan. Wir überquerten die Straßenkreuzung an der Stelle, wo das mit Blumen geschmückte Marienhäuschen stand und folgten Emanuele Pisu über einen sardischen Feldweg, der so seine Tücken hatte. Das war kein gewöhnlicher Feldweg, sondern ein Weg voller Geröll und mit vom Regen ausgewaschenen z.T. tiefen Rinnen, die uns besonders bei der Steigung und in den Haarnadelkurven zu schaffen machten. Doch ein Panda rossa ist so hochbeinig, dass wir nicht mit der Bodenwanne auf einem der größeren Brocken aufschlagen würden. Nach der holprigen Auffahrt kamen wir an bei Emanueles Cassetta di Legno. Und wo waren wir gelandet? An einem schönen Holzhaus Marke Eigenbau mit einem exquisiten Swimmingpool davor – in erster Lage mit Meerblick, Liegestühlen und allem, was das Herz begehrt.  ‚Ok. schauen wir mal, ob wir hier bleiben können’. Emanuele sauste  vor uns her und zeigte uns stolz seinen Besitz: die Illuminationen des Pools, des Vorgartens, des Hauseingangs – toll!!

Die Einrichtung des Holzhauses war robust bis schlicht, doch bewohnbar. Dusche und Toilette  sowie ein gemauerter Backofen befanden sich in einem Nebenbau, alles auf einem gut angelegten Grundstück von ca. 400 qm. Ach so, das Wichtigste: Es war weit und breit keine Menschenseele zu sehen oder zu hören! Wir waren hier ganz allein, mit einem Ausblick zwischen zwei Hügeln hindurch auf das Meer. Opunzien (den Feigenkakteen mit jetzt erntereifen Früchten) und Rosmariensträuchern (für die Fleisch und Fisch-Zubereitung) wachsen im Garten.  Emanuele wollte in einer Stunde mit seiner Frau vorbeikommen und Bettwäsche und Handtücher bringen. Vorher schälte er uns als Willkommensgeschenk sehr gekonnt eine reife Opunzienfrucht aus seinem Garten. Gekonnt deshalb, weil die Schalen der Feigenkakteen hässliche Stacheln mit Widerhaken haben und es eine Kunst ist, gefahrlos an das vorzügliche Fruchtfleisch zu kommen. Das Ehepaar Pisu brachte uns nicht nur Decken und Bettzeug, sondern auch Spaghetti, Pomodori pellati, Aqua Naturale, Vino, Birra, Olio, Vinager, einen alten Fernseher und ein Radio – eben das, von dem sie annahmen, es wäre das Mindeste, um am ersten Abend in einem Ferienhaus versorgt zu sein.

 

Der nächste Morgen: Wir hatten keinen Kaffee, jedoch auf dem Weg hierher eine kleine Bar gesehen und fuhren dorthin, um unseren ersten guten italienischen Espresso in Sardinien zu trinken und eine Kleinigkeit zu frühstücken. Es gab kleine warme Pizzen. In der Bar wurden wir von einer Frau aus Afrika bedient. Ich fragte nach der Herkunft der Holzmaske, die dort groß und sichtbar seitlich an der Wand hing. Sie sagte: „Kenia“. Ich wusste schon vorher, dass es eine afrikanische und keine sardische Maske war. Doch in der Bar fanden wir noch weitere Merkwürdigkeiten vor: Die Signora saß wie eine fette Kröte (man stelle sich Jabba the Hutt aus dem Film Star Wars vor) hinter der Kasse und rechnete mit ihren grabschigen Wurstfingern die winzige Summe ab, die wir für unser Frühstück bezahlten.  Durch die offene Tür zum Nebenkaum sah man ihren Mann an einem Tisch im Unterhemd mit Hosenträgern vor seiner L’Unione Sarda, ausgiebig darin lesend. Wenig später kam noch ein jüngerer Mann  in die Bar. Vielleicht der Ehemann der Afrikanerin aus Kenia? Und vor dem Haus jappste eine räudige Töle, ein nahezu bis zur Unkenntlichkeit zerzauster kleiner Yorkshire Terrier.

Da wir unser Bargeld so gut wie vollständig gestern beim Autoverleiher gelassen hatten, mussten wir nun dringend Geld besorgen. Dazu wollten wir bis Villasimius fahren. Nach einer 30 Minuten dauernden Berg-, Tal- und Serpentinenfahrt – nun windstill und mit einem Ausblick auf das Meer vor uns und mit unbeschreiblichen Landschaftseindrücken und der zunehmend wärmer werdenden Sonne, schafften wir es nach Villasimius. Der Ort hat ungefähr 3.500 Einwohner, eine abschüssige Hauptstraße mit dem Wichtigsten, der Kirche, sauber und gepflegt, und der Banco di Sardegna, der besten Cafe-Bar davor und Steinbänke, auf denen die alten Männer unter den sorgfältig gepflegten Palmen saßen und zusahen, was der Tag so bringen könnte. Neben der Kirche gab es den Zeitungsstand, der ein internationales Spektrum an Zeitungen offerierte.

Zurück im Ferienhaus, von wo aus man schon sehen konnte, in welcher Verfassung das Meer war: etwas Wellengang – Sonne pur. In fünf Minuten war man am Strand, den wir zum ersten Mal seit so langer Zeit erreichten. Wir waren allein an diesem Strand; grob körniger Sand und zum Wasser hin feiner weicher Sand. Weit weg auf der rechten Seite der Bucht gab es eine Surfschule. Von dort aus starteten ab und zu Windsurfer und flogen in Staffeln über das Meer. Eine bedeutsame Beobachtung war, dass es keine einzige Möwe in der Luft oder am Strand gab und im Sand keine einzige Muschel oder Schale irgendeines sonstigen Meerestieres zu finden war. Merkwürdig?!

Wir entschieden uns nun endgültig dafür, in Emanuele Pisus Holzhaus unsere Ferien zu verbringen. Nach einer weiteren Nacht, noch bei Dunkelheit wachte ich in dieser fremden Umgebung auf. Draußen waren bei klarem Himmel die Sterne zum Greifen nah – traumhaft – und fast noch Vollmond. So langsam begann die Morgendämmerung und man hörte — Vogelgezwitscher!  Mitte bis Ende September  war das undenkbar bei uns zu Hause, wo alles bereits auf Herbst eingestimmt war.

Während mein Mann nach Villasimius mit dem Panda rossa zum Einkaufen fuhr, verbrachte ich den Vormittag in einem Liegestuhl am Pool und genoss das wundervolle Panorama vor mir. Hoch oben über dem Tal segelten zwei rote Milane vor einem azrublauen Himmel. Unten am Weg, der vor dem Haus vorbeiführte, hörte ich Schnaufen. Ein hellbrauner mittelgroßer, zerzaust und abgemagert aussehender Tippelbruder lief vorbei und verschwand auf einem der weiter oben gelegenen Grundstücke. Diese wild lebenden Einzelgänger-Hunde haben eine ganz besondere Art zu tippeln. Auf unseren Fahrten sahen wir etliche von diesen Hunden, bei den Mülltonnen und auf den Straßen. Das Meer lag heute still, leuchtete smaragdgrün und wirkte ebbemäßig zurückgezogen. Weit draußen am Horizont tuckertenn aufgereiht einige Schiffe vorüber. Ein so wundervoller Anblick: das Grün der Macchia, die Opunzien, die größeren Büsche und Sträucher. Wohin man im Tal auch schaute, grün bis hellbraun, keineswegs herbstlich bunt. Es gab hier keine Bäume oder Sträucher, die ihr Blattwerk abwarfen; sie waren immer grün. Im Nachbargarten standen z.B. Eukalyptusbäume, die als schnell wachsende Bäume hier angepflanzt wurden nach dem Vorbild von Australien.

Die gesamte Küstenlandschaft und auch unsere unmittelbare Umgebung waren geprägt von hoch aufragenden, kegelförmigen Hügeln, übersät mit dicken Granitbrocken. Ein Granitbrocken z.B. sah aus wie ein überdimensionaler Steinpilz – und hing – ja hing – an der Spitze eines Hügels – bereit, jederzeit hinabzustürzen. Keine Ahnung, was ihn hielt. Manche der Steinblöcke lagen in Straßennähe, waren fein säuberlich zertrennt worden und wären, so unsere Vermutung, bei uns und in der Größe und Schönheit ein Vermögen wert gewesen.

 In der darauf folgenden Nacht wütete ein heftiges Gewitter und geschüttet hat es wie aus Eimern. Das Wetter setzte sich nach kurzer Unterbrechung am Morgen fort. Die Hütte war bei diesem Wetter leider in keiner Weise komfortabel. Es war eben eine bessere Ferienhütte, in die es hereinregnet, hereinweht, in die alles Kleingetier Zugang hatte, weil die Ritzen und Ecken offen waren, da es keine Innenverkleidung gab.

Gegen Mittag war das schlechte Wetter jedoch vorüber und die Sonne trocknete alles schnell. Doch am gleichen Abend begann es: Eine schöne graue Karthäuser-Mutterkatze und ihre Kleinen, ein paar Hunde, Kleintiere aus der Umgebung, Akazienbomber, Riesenzikaden, sogar Fliegen, suchten Schutz in unserer Hütte. Sie miauten, jaulten, summten und brummten vor und in unserem Holzhaus. Es wurde uns schließlich klar, warum das so war: Sie spüren eine Wetteränderung und wollten einfach nicht nass werden wie die Katzen, Hunde oder Zikaden. Doch wenn wir sie auch nur ein einziges Mal füttern oder gar ins Haus hineinlassen würden, kämen sie immer wieder. Die Tiere haben uns wirklich um Hilfe und Schutz gebeten, aber wir haben ihnen das verwehrt. Vernünftig war das sicher, dem Drängen der Tiere zu widerstehen. Der Himmel blieb mit Schleierwolken bedeckt und im Laufe des Nachmittags zog er sich weiter zu. Und dann standen die Tiere wieder da und wollten ins Haus.

Eine Bahnreise nach Oristano

An unserem zweiten Urlaubssonntag unternahmen wir eine Bahnreise vom Hauptbahnhof in Cagliari nach Oristano im Westen der Insel. Für die Hin- und Rückreise nahmen wir uns einen Tag vor. Früh machten wir uns auf den Weg und waren gegen 8.00 Uhr am Bahnhof in Sardiniens Hauptstadt. Die Bahnhofshalle im klassizistischen Stil war überschaubar und belebt. Wir lösten die Tickets am Schalter und gingen vor auf den Bahnsteig zu den Gleisen, von denen es  gerade mal sechs gab. Die Gleise waren schmalspurig. Den Bahnsteig schmückten große Blumenkübel mit blühenden Blumen – alles hier war liebevoll gepflegt, eine heimelige Atmosphäre teile sich dem Reisenden mit; das Besondere des Reisens mit der Eisenbahn. Die Menschen, die heute verreisen wollten, stiegen andächtig in den Zug, nahmen bedächtig in den Abteilen Platz, schauten während der Reise aufmerksam aus dem Fenster in die vorbeiziehende Landschaft. Für viele Mitreisende schien das eine Art den Sonntag zu verbringen; man besuchte Verwandte oder Freunde. Oder man fuhr einfach nur mit, aus lauter Lust am Bahn fahren, so wie wir. 2 ½ Stunden dauerte die Reise von Sardiniens Hauptstadt im Süden nach dem Westen der Insel. Die Waggons erinnerten in ihrer Ausstattung an frühe Zeiten der Eisenbahn in Deutschland – sechs gegenüberliegende Holzsitzplätze pro Abteil.

Die klassischen alten Bahnhofsuhren auf den vielen kleinen und größeren Bahnhöfen an denen wir vorüber fuhren oder Halt machten waren allesamt liebevoll gefertigte Einzelstücke, von Bahnhof zu Bahnhof unterschiedlich. Und allesamt waren sie zu irgendeinem Zeitpunkt stehen geblieben. Sie gaben dem Reisenden weder Ankunfts- noch Abfahrtszeit des Zuges an. Man fuhr sozusagen zeitlos Bahn. Und sonntags war Bahn fahren in Sardinien ein ganz besonderes Erlebnis.

Zeitlos reisten wir also mit der Eisenbahn langsam durch Sardinien, zusammen mit den sonntäglich gekleideten sardischen Frauen und Männern. Es war ziemlich gemütlich. Sobald der Zug anrollte, packten die Mitreisenden ihre mitgebrachten sardischen Leckerein aus, Fladenbrot, Panini, sardische Salami, Peccorino und dazu tranken sie den süßen, hochprozentigen sardischen Wein. Es wurde um die Wette gefuttert und getrunken und natürlich zwangsläufig die einzige Toilette für diesen Waggon benutzt. Wir reisten durch eine große ebene Landschaft, die von riesigen Kornfeldern, Tomaten- und Zucchini-Plantagen und Zitronen und Orangenplantagen bestimmt war. Für die alten Römer war das ehedem eine ihrer Kornkammern.

Am Zielort Oristano verließen alle Fahrgäste den Zug. Wir wanderten nach Plan in die Stadt hinein. Die Stadt Oristano gab den Eindruck einer phönizisch/karthagisch/römischen Provinzhauptstadt. Alles wirkte sehr hell, war bestimmt von Marmorfassaden und -figuren, klar gegliedert und streng, ja geradezu glatt, kalt und undurchdringlich. Immer wieder versuchten wir, unser Gefühl für diese fremde Stadt zu justieren. Versuchten herauszufinden, ob es irgendein Erlebnis in irgendeiner Stadt gab, das uns nicht so fremd fühlen ließ. Übrig blieb eine Sache, die wir spürten – den schwarzen, strengen, südländischen Katholizismus. Das Erzbistum Oristano hat eine nahezu 100%ige katholische Bevölkerung und beherbergt Frauen- und Männerkonvente sowie Priesterseminare. Aus dem großen, zentral gelegenen Dom Santa Maria Assunta hörten wir Orgelmusik und gingen neugierig den Hochzeitsgästen nach. Eine sehr feierliche, üppige sardische Hochzeit fand gerade statt. Diese Feierlichkeiten und Feste in Sardinien wirkten trotz ihrer Pracht düster. Deshalb schauten wir uns das Spektakel nur kurz an. Wir liefen weiter durch die Stadt, nahmen Platz auf einer hellen Marmorbank und packten unser Mittagessen in Form von gekochten Eiern und Schinkenbroten aus.  Danach wanderten wir weiter durch die Straßen, bis wir uns nicht mehr so richtig orientieren konnten und fanden ein Taxi, das uns zum Bahnhof zurückbrachte.

Die nächste Abfahrt in Richtung Cagliari sollte um 14.30 Uhr sein. Wir hatten schon befürchtet, den Zug zurück nicht mehr rechtzeitig erreichen zu können. Aber weit gefehlt – wir hatten ab jetzt noch so viel Zeit; wir waren in Sardinien. Und hier gingen die Uhren einfach anders bis gar nicht. Ungefähr 1 ½ Stunden später überquerten wir die Gleise um in den einzigen Zug einzusteigen, der in Kürze abfuhr. Wohin? Na, hoffentlich in die richtige Richtung. Zusammen mit den jungen Leuten, zwei jungen Männern und zwei jungen Frauen, die lässig in Leinen gekleidet, mit zu Pferdeschwänzen gebundenen Rastalocken, und mit sardischen Rucksäcken der Pastori aus weichem Ziegenleder ausgestattet waren. Sie hatten es sich mit ihren teuren Windhunden, zwei Saluckis und einem Slughi, auf dem Boden in der Bahnhofshalle gemütlich gemacht und geduldig gewartet, bis ein Zug sie nach Cagliari bringen würde.  Ganz im Gegensatz zu uns, die wir in unserer deutschen unnachahmlichen Pingeligkeit dauernd an den Schalter traten und uns bei der jungen Sardin hinter dem Ticketschalter erkundigten, wann denn nun der Zug abfährt.

Der Tag der Heimreise war gekommen, doch wir hatten noch etwas Zeit und fuhren durch Cagliari. Eine fremde Stadt, eine besonders fremde Stadt. Cagliari erlebte ich, als würde ich einen Kinofilm anschauen, wobei der einzige Nachweis für die Realität der Geruch der Stadt war. Und das auch nur sobald ich das Autofenster öffnete oder aus dem Auto ausstieg. Cagliari wurde von den Römern erbaut; die Stadt legt sich wie eine Muschel um den großen Hafen. Sie ist sehr geschichtsträchtig mit ihren uralten steilen Gassen und Häusern, die bereits verrotteten, hat Palazzi, Türme und Kirchen. Auf einem Hochplateau steht ein großer hoher Turm mit einer Aussichtsterrasse ringsherum. Über unzählige sehr steile Treppen dort hinauf zu steigen kostete einige Mühe. Aber wenn man oben angelangt war, wurde man mit einem spektakulären und umfassenden Ausblick auf Hafen und Stadt belohnt.

Als Fremder in dieser Stadt konnte man sich aber auch höllisch verfahren, sofern man keinen Stadtplan zur Hand hatte. Doch jeder sardische Autofahrer an einer beliebigen roten Ampel durfte gefragt werden: „Bitte, wir suchen den Flughafen.“ Der dann antwortete: „Ich führe Sie hin, folgen Sie mir“,  der voraus fuhr zur großen modernen Ausfallstraße zum Flughafen ELMAS, zu einem Flughafen so traumhaft schön, licht, luftig, architektonisch vollkommen, neu gebaut und dennoch überschaubar (7 Gates). Von dem aus man am liebsten gar nicht abfliegen möchte, weil man in Sardinien bleiben wollte, in dem milden Klima sich weiterhin wohlfühlen, im Meer schwimmen, die Blumenpracht der Bougainvilla und des Oleanders und der Hügel, der Panoramica und der Aussicht auf das smaragdfarbene Mittelmeer festhalten wollte, die zauberhaften Schafherden, die Menschen, die einzigartige Stimmung der Insel, dieser riesigen Insel – fast menschenleer – 1.2 Millionen Menschen und ca. 4 Millionen Schafe. Das sagt alles; aber ein Land!!

Unser Rückflug verlief unkompliziert. Wir haben uns erholt in dieser unbekannt–bekannten Welt. Wir nahmen sardische Musik-CDs und italienische Bücher mit nach hause, weil wir Sardinien nachspüren und -klingen lassen wollten.

Was ist so faszinierend an Sardinien?

Die Insel Sardinien wurde seit Tausenden von Jahren von allen Seiten her bedrängt, ausgeplündert und ausgenutzt, von den Phöniziern, den Karthagern, den Römern, den Iberern, den Arabern. Es ist ein Land, dessen Sprache sich aus diesen vielen sprachlichen Einflüssen zusammensetzt – dem Sardischen, wo noch heute z.B. Catalan und Sardisch nebeneinander gesprochen wird. Die einzelnen Städte zeugen davon, welche Eroberer ihre städtebaulichen Spuren hinterlassen haben. Wo auch alle Eroberer ihre Kochrezepte hinterlassen haben, die heute zum Repertoire der sardischen Küche gehören. Dazu servieren sie den sardischen Wein, der süß und schwer schmeckt und mitunter likörig hochprozentig ist. Schon bei unserem ersten Besuch haben wir den Pecorino schätzen gelernt, in Tropfenform und auch vom Käselaib, das Pane Musica (Pane Carasaou) und den unvergleichlichen sardischen Honig (Miele sardo). Mal abgesehen von den Tomaten, Zucchini und diversen Salatsorten genießt man vor allem die Meeresfrüchte, wie Thunfisch, Schwertfisch, Schollen, und Schalentieren, Langusten, Arragosta (Hummer), Miesmuscheln und Vongole, die mit Salbei und Rosmarin angerichtet werden können.

Auch sardische Tänze, Lieder und Musik sind das Ergebnis der vielfältigen Besuche aus den umliegenden Mittelmeer-Anrainern, denen die Sarden ihre eigenen hinzugefügt, einen eigenen Charakter gegeben und bewahrt haben. Bewahrt, weil sardische Musik zum Teil Klänge aufweist, die längst vergangen scheinen, die äußerst exotisch wirken. Wo Maria Charta das Ave Maria in schönster Form singt und Enzo Favata den sardischen Jazz spielt. Sie alle tragen die Musik hinaus in die Welt. Ich denke, die uralte Musik, die Gesänge der Männer und die Tänze wurden gerade in Sardinien konserviert und haben überlebt. Jedenfalls klingt manches sehr, sehr ursprünglich, um nicht zu sagen unheimlich. Mit unheimlich meine ich auch die Begleitmusik, die sie bei ihren nächtlichen Prozessionen machen, mit Rasseln, Trommeln und Launeddas. Dazu die lang gezogenen Mehrtongesänge der Männer. Zu einem Takt |||  ||  |||  ||  der an sich schon anders ist als andere. Launeddas, das sind zwei- oder dreiteilige Rohr- bzw. Panflöten, die schon vor 2.500 Jahren von den Ägyptern hergestellt und benutzt wurden.

Unheimlich wirken die sardischen Holzmasken, Verkleidungen aus grauen Schaffellen und umgehängten Kuhglocken, die an verschiedenen Orten zum Karneval getragen werden. Auch hier haben die Sarden den Einfluss der Mittelmeeranrainer zu ihrer ganz eigenen Sache umgestaltet; düstere, fremde Töne zu den Maskentänzen.

Sardinien ist mit heute weitgehend katholischer Bevölkerung ein Land der Frauen (Matriachat – im Gegensatz zu Sizilien, wo das Patriachat vorherrscht). In der griechischen Mythologie geht der Autor davon aus, die Menschen hätten in Griechenland und im weiteren Mittelmeerraum ursprünglich eine weibliche Dreifaltigkeit verehrt (die weibliche Urmutter = 1. junges Mädchen, 2. gebärfähige Frau und 3.alte Frau) – und erst nachdem die Hellenen Griechenland eroberten, sei Zeus als oberster Gott des Olymp eingesetzt worden und habe als Mann die Götterwelt regiert.

Brigitte Lohan . 2012