Der Anruf von Gesines Mann kam letzten Sonntag: „Hallo Hilke, wie geht es dir?“„Gut, danke. Warum rufst du an? Ist was passiert?“„Ja, ich muss dir sagen, dass Gesine jetzt zum zweiten Mal in relativ kurzem Abstand ins Krankenhaus gekommen ist – auf die Onkologische Station.“Hilke, tief betroffen: „Darf ich Gesine anrufen?“

„Ja, sie hat ein Telefon neben ihrem Bett. Ich selbst werde sie gleich wieder besuchen. Soll ich ihr etwas ausrichten?“ „Bitte, sag ihr, ich melde mich telefonisch – und bis dahin, meine allerbesten Wünsche zur Genesung.“ Hilke verlor keine Zeit. Sie rief umgehend bei Gesine an.„Soeben hat mich Heinz angerufen und mir deine Telefonnummer genannt. Wie geht es dir, meine liebe Gesine?“ „Ich habe unerträgliche Kopfschmerzen.“  Über diese ständigen Kopfschmerzen hatte Gesine auch früher schon gesprochen. „Die letzte Chemo liegt gerade mal vier Wochen zurück. Ich komme aber bald wieder nach Hause.“ Gesine konnte einen schweren Hustenanfall nicht unterdrücken. „Du hast ja bisher so Vieles 150%ig geschafft. Dafür habe ich dich immer schon bewundert. .. Nein? Du möchtest keinen Besuch am Krankenbett? Schade.  Aber ich möchte dir so gerne etwas Neues erzählen, etwas, das dich freuen wird. Stell dir vor, wir haben jetzt auch einen Hund, einen kleinen Westie. Den hat meine Tochter sich gewünscht. Und jetzt kommt’s; das musst du erlebt haben: Als wir zum ersten Mal zum Trimmen in den Hundesalon gingen, stellte sich heraus, dass der Hundesalon-Besitzer sich auf das Trimmen von Airdales spezialisiert hat. Und seitdem trimmt er alle drei Monate einen Westie auf Airdale.“ „Ha, ha, ja das möchte ich unbedingt sehen! Komm doch bald nach Essen zu Besuch und bring den kleinen Hund mit. Wir machen es dann wie früher. Du hast es doch nicht vergessen? Unsere ausgiebigen Spaziergänge mit dem Hund?“ „Wie könnte ich! Ja, ich freue mich darauf dich bald wieder zu sehen.“ Vier Wochen später starb Gesine an Lungenkrebs.  Was ist aus dem großen Wissensschatz, den hervorragenden Sach- und Sprachkenntnissen, die sie im Laufe ihres Lebens gesammelt hat?  Was wird aus ihrem Mann und dem Hund?

Es waren bestimmt 30 Jahre, dass Gesine und Hilke sich kannten. Angefangen hatte ihre Freundschaft, als sie zwei Jahre lang in der Sprachenschule nebeneinander saßen. Übersetzerinnen- und Fremdsprachenkorrespondentinnen für Englisch und Französisch wollten sie werden. Die Liebe zu Sprachen war Grundlage für ihre lange Freundschaft. So gern hatten die beiden Freundinnen ausgedehnte Hundespaziergänge unternommen – nachmittags in ihrer freien Zeit – mit Gesines Hund Farkas, dem Rhodesian Ridgeback. Soeben war die Schule aus und Gesine hatte Hilke zu sich eingeladen. Sie wollten zusammen lernen und anschließend  einen großen Hundespaziergang unternehmen. „Ich geh’ mal vor.“ Gesine stellte den großen Sack Hundefutter und den kleinen Einkauf vor ihrer Wohnungstür ab. Sie zog den Schlüssel aus der Jackentasche und öffnete. „Komm, ich helfe dir; lass mich das machen.“ Hilke griff nach dem Hundefutter und folgte Gesine hinein.  In voller Größe kam Farkas, der Rhodesian Ridgeback, auf die beiden jungen Frauen zu, um sie zu begrüßen. Rhodesian Ridgebacks sind große, hellbraune, kurzhaarige, vor allem ruhige Hunde; für eine Stadtwohnung allerdings reichlich überdimensioniert. Doch Gesine hatte erklärt, dass sie große Hunde besonders gern hatte und im Übrigen: „Ein großer Hund macht weniger Lärm als ein kleiner. Dieser hier bellt quasi gar nicht. Und wenn man ihm ausreichend Auslauf bietet, hält er es in einer kleinen Stadtwohnung ganz gut aus.“ Gesine hatte keine besonders große Wohnung, aber gemütlich eingerichtet war sie. Ausschlaggebend dafür, diese Wohnung zu mieten, war für Gesine die Nähe zur Innenstadt mit all den vorzüglichen Einkaufsmöglichkeiten und dem kurzen Weg zur Sprachenschule, die die beiden Freundinnen seit einiger Zeit täglich von 8 bis 13 Uhr besuchten.                                                             Hilke hatte den Sack mit dem Hundefutter abgestellt und hielt dem Hund ihre Handfläche entgegen, ließ ihn ausgiebig schnüffeln und streichelte ihn anschließend. Sie war zum zweiten Mal von Gesine nach hause eingeladen worden. Daher kannte sie den Hund schon. „Warte kurz hier. Ich bring den Einkauf schnell in die Küche.“ Gesine packte die Lebensmittel in den Kühlschrank, schüttete Hundefutter in den Hundenapf, und füllte die Wasserschale auf. „Wir werden erst mit dem Hund rausgehen müssen. Der hält den Vormittag ja ganz gut aus; aber dann muss er dringend.“ Den Hund an der Leine verließen sie die Wohnung, liefen die Stufen zum Erdgeschoss hinab und gingen hinaus auf die Straße. Zügig waren sie jetzt unterwegs zum nahe gelegenen Park, wo der Hund sein Geschäft erledigen sollte. Es war ein wenig schwierig, einen solchen Ort zu finden, hier mitten in der Stadt. „Heute Nachmittag gehen wir noch auf die Hundewiese unterhalb der Promenade. Da treffen sich nachmittags viele Hundebesitzer, um den Hunden Auslauf geben zu können. Hier in der Stadt geht das sonst ja nicht.“  Zurück in Gesines Wohnung zogen sie ihre Sommerjacken aus und hängten sie an die Garderobenhaken. „Möchtest du rauchen, Hilke? Dann bedien’ dich gern. Mein Mann hat gerade gestern wieder fünf Stangen Benson & Hedges mitgebracht.“  Hilke setzte sich ins Wohnzimmer, nahm eine Zigarette aus der Schachtel vom Tisch und zündete sie an. Gesine präparierte derweil das Fleisch für die Frikadellen und setzte die Kartoffeln auf. „Sollen wir erst einmal ein bisschen lernen, bevor wir essen?“ „Sicher, wenn du auch noch nicht hungrig bist; ich muss noch nicht essen.“ Hilke streichelte den Hund. „Platz, Farkas!“ Der Hund trottete in seinen Korb, der im Hausflur stand und Gesine setzte sich auf einen der Sessel. Sie nahm die große Brille mit den leicht getönten Gläsern ab und tupfte Tränen aus ihrem linken Auge. Wegen ihrer Fazialislähmung konnte sie das Auge nicht vollständig schließen. Gesine hatte mit 19 Jahren einen Tumor im Kopf gehabt, war operiert worden und hatte die 50%ige Überlebenschance für sich gewonnen. So, im alltäglichen Leben fiel einem Außenstehenden fast nicht auf, dass sie auf dem linken Auge nichts sehen konnte und ihre Hörfähigkeit links quasi bei Null lag. Sie kompensierte und überspielte diese Einschränkungen perfekt, ohne jemals zu jammern oder zu klagen. Nun nahm sie das Lehrbuch für Business-Englisch zur Hand und schlug es auf. „Wir fangen mal mit den Vokabeln an. Und dann schlage ich vor, diktiere ich dir was.“ Gesine fragte ab und diktierte – rauchte dabei 2 Benson & Hedges. Hilke antwortete und schrieb. „So, genug für heute. Du kannst zufrieden sein, das war richtig gut, Hilke. Du wirst die Fremdsprachenprüfungen mit Bravour schaffen, da bin ich ganz sicher. Ich brate jetzt mal die Frikadellen und dazu gibt’s Salat und Kartoffeln und dann können wir essen.“ Sie stand auf und ging in die Küche. „O nein – dieser Hund!!“ Ein Aufschrei aus der Küche: „Hilke!! Der Hund hat sämtliche vorbereiteten Frikadellen gefuttert! Das wird ein mageres  Mittagessen.“ Gesines neue Hündin hieß Maggy, eine Airdale-Terrierhündin. Gesine wohnte und arbeitete in Essen zusammen mit ihrem zweiten Mann, dem sie laut Testament ihren gesamten Besitz übertragen würde, sollte sie vor ihm sterben.

Brigitte Lohan