Salve“ grüßt der junge Italiener. „Salve“ grüßt Marion zurück: die Toskana eben – und Rom ist nicht weit. Für Marion hat die Isola del Giglio ihre Magie nie verloren, obwohl sie erst zweimal dort war. Und das ist schon ziemlich lange her.
Heute wollen nicht mehr viele Passagiere auf die letzte Fähre nach Giglio Porto; angenehm für Marion nach dem langen Reisetag nicht ins Gedränge zu kommen. Die Überfahrt mit dem Traghetto ist der vorletzte Reiseabschnitt. In einer Stunde wird sie in Giglio Porto sein. Marion fühlt sich geschmeichelt über die freundliche Kofferübernahme durch den hübschen jungen Mann, der ihren dunkelblauen Rollkoffer gleich beim Eingang zur Fähre in eine Kofferbucht stellt. Die schmale Metalltreppe führt Marion hinauf zum Oberdeck. Sie setzt sich halb schräg auf die rundum laufende Bank, lehnt mit dem linken Arm über der Reling und schaut hinaus auf das Mittelmeer. Gegenüber nimmt eine junge pummelige Italienerin Platz, stellt ihre Reisetasche und zwei prall gefüllte Plastiktüten neben sich und hält alles krampfhaft fest, als befürchte sie bestohlen zu werden. Marion dagegen wäre gar nicht auf die Idee gekommen, ihren Koffer hier herauf zu tragen. Alle paar Minuten nimmt sie einen Schluck Eistee aus der Flasche, die sie in die Außentasche ihres knallroten Rucksacks, der ihre persönlichen Papiere und Geld enthält, gesteckt hat. Thé freddo, den hatte sie zum allerersten Mal hier in Italien getrunken. Sie blinzelt hinaus auf das türkisfarbene Mittelmeer, das am Horizont den azurblauen Himmel trifft und kostet die rote italienische Sonne.

Das Mittelmeer zeigt sich ruhig und erlaubt eine sozusagen schwankungsfreie Überfahrt. Das war auch schon einmal ganz anders. Damals war Marion durch die stürmische, die bis zu vier Meter hohen Wellen brechende Überfahrt mit der Fähre von Porto Santo Stefano nach Giglio Porto sehr seekrank, musste sich die ganze Fahrt über am Treppengeländer zum Oberdeck festhalten und starr geradeaus auf den Horizont blicken, grün im Gesicht und Übelkeit im Magen. Damals, als sie mit ihrem Mann, den österreichischen, französischen und schweizerischen Freunden auf den Campingplatz nach Giglio und zum Tauchen eingeladen waren. Zu der Zeit waren die Untiefen des Mittelmeeres vor Monte Argentario, Isola del Giglio, Monte Christo oder Giannutri der Geheimtipp für alle, die auf Abenteuer und Goldgräberstimmung aus waren; Individualisten allemal, die sich im Wracktauchen versuchten. Sie haben weder römische Amphoren noch Kisten mit Gold dort unten gefunden.

Die Fähre legt an in Giglio Porto und Marion geht hinunter zu der Kofferbucht, um ihren Rollkoffer abzuholen. Sofort fällt ihr auf, dass das kleine Vorhängeschloss am Kofferreißverschluss fehlt. Es fehlt? Wer hat sich daran zu schaffen gemacht? Sollte jemand ihren Koffer geöffnet haben? Gleich kommen ihr wieder die beiden zwielichtigen dunklen Gestalten und deren merkwürdiges Verhalten in den Sinn. Während der Überfahrt waren sie auf das Deck gekommen, waren rastlos hin- und hergelaufen, hatten prüfende Blicke in Richtung Marion geworfen, nervös eine Zigarette nach der anderen geraucht, sich zugezwinkert. Als die Männer nach einer Weile das Interesse verloren und das Deck verließen, war Marion richtig erleichtert gewesen. ‚Haben sie vielleicht einen italienischen Filmstar oder eine sonst bekannte Persönlichkeit erwartet?’ geht es ihr durch den Kopf. Trotz aufkommender Müdigkeit wird sie ab jetzt wachsam sein.

Marion beeilt sich, den letzten Bus nach Campese zu erreichen, hat deshalb keine Zeit ihren Koffer zu öffnen und nachzusehen, ob irgendetwas fehlt. Und sie hat sie schon beinah wieder drauf, die italienischen Gepflogenheiten: Bustickets bekommt man hier in einem Tabacchi-Laden. Der Bus nach Campese ist abfahrbereit. Nach Campese bedeutet, der Bus muss das sehr hoch aus dem Meer aufragende Granit-Felsmassiv Giglio in unzähligen Haarnadelkurven überwinden. Den Koffer am Griff und den Rucksack auf den Knien sitzt Marion im gut besetzten Bus. Auf dem einzigen Haltepunkt am Berggipfel stehen eine beachtliche Kirche und ein Kiosk für die Touristen. Und dann schaukelt und schlingert der Bus weiter haarnadelscharf auf die andere Seite der kleinen Insel, hinunter nach Giglio Campese – die traumhafte kleine Bucht mit Sandstrand und mehreren neu gebauten Appartmentanlagen. ‚Aha, das sind sie also, die Veränderungen, von denen Claudio, der echte Gigliese, erzählt hatte. Der so genannte Geheimtipp zur Erholung für Filmstars und Filmschaffende.’

Marion steigt aus dem Bus und überquert mit Koffer und Rucksack den sandigen Platz. Ein gepflegter, höflicher Mann, der übliche Italiener, geschätzt Mitte Vierzig erwartet sie; Emilio, der Appartmentvermieter. Er fährt sie mit seinem Alpha Romeo zur Appartmentanlage, hilft beim Koffertransport und weist ein in das Appartamento Numero Tredici. Sie zahlt vorab per Scheck für den gesamten Aufenthalt. Er händigt ihr seine Visitenkarte aus – für den Fall, es gebe Probleme.
Probleme gibt es nicht – basta! Nachdem Emilio sich verabschiedet hat, kann Marion endlich ihren Koffer öffnen. Sie sortiert die Kleidung in den vorhandenen Kleiderschrank. Nein, es fehlt nichts. Außer jetzt mal was zu Essen!
Campese ist überschaubar und es braucht nicht viel, sich zu orientieren. So findet Marion sehr schnell das kleine Lebensmittelgeschäft Souterrain des Zeitungs- und Buchladens und kauft dort hauptsächlich Pasta, Gemüse, Brot, Kaffee, Butter und Milch. Im Geschäft finden sich sofort drei, vier Freunde des Geschäftsinhabers ein. Sind sie gekommen, um die neu eingetroffene Signora zu begutachten? Jedenfalls schließt der Inhaber Marions Einkauf abrupt – „Basta, basta“ ruft er und die anwesenden Freunde lachen. Marion hatte „Pasta“ verlangt.
Es sind die gleichen Männer, die sich jeden Tag auf der kurzen „Promenade“ vor dem Lebensmittel- und Bäckerladen, vor dem Souvenirladen und Kiosk versammeln. Sie sitzen in lockerer Formation auf Klappstühlen und der kleinen Mauer vor ihren Geschäften und rufen sich über die Straße hinweg die Tagesereignisse zu, untermalen alles mit Gestik und Mimik.

Das Appartamento Numero Tredici befindet sich genau in der Mitte der Anlage. Durch die riesige Fensterfront stört nichts den Blick hinaus auf das wundervolle Panorama – die Bucht und das Meer vor Campese. Und auf dem Balkon wird Marion ab morgen sämtliche Mahlzeiten einnehmen – und weiter kommen mit dem Italienisch lernen. Schon nach dem Frühstück am nächsten Tag sitzt Marion in angenehmer Luft, den Geruch des Meeres in der Nase, auf ihrem Balkon in dunkelblauem Top und Wickelrock, hat ihr italienisches Lehrbuch vor sich und liest und lernt. Sie ist ganz versessen aufs Italienisch lernen. Für sie ist diese Sprache wie eine Droge, ihr Klang, ihre Melodie. Marion findet ohnehin, die Italiener haben irgendwie das große Los gezogen. Sie haben die leckersten Lebensmittel und bereiten daraus die besten Speisen, eine Sonne, die mindestens vier Monate im Jahr durchgehend scheint, die optimale Mode (Stoffe und Schnitte sind golden) die beeindruckendsten Sonnenauf- und Untergänge, die schönsten Lieder. Marion schwärmt wie ein Teenager. Wenn die Italiener wüssten, welche Mühe sie sich gibt, ihre Sprache zu sprechen!

In weniger als zehn Minuten ist man am Strand von Campese. Auf Marions Weg liegt ein Tauchclub, der mit dem Meeresbiologischen Institut zusammenarbeitet. Nasse Tauchanzüge hängen zum Trocknen über dem Zaun, Taucherflaschen werden geräuschvoll aufgefüllt. Die Mitglieder des Tauchclubs sind ständig in Aktion, man sieht sie in Gruppen in voller Taucherausrüstung in ihrem Schlauchboot vom Strand abfahren. Seit ihren frühen Aufenthalten auf Giglio ist Marions Interesse für die Unterwasser-Fauna und –Flora durchaus wach, doch zum Tauchen würde sie nicht mehr gehen; könnte sie auch gar nicht, weil sie nie mehr trainiert hat. Marion hat ihre Badesachen in eine grüne Badetasche gepackt. Der Strand ist mäßig belebt und sie findet einen Platz im Sand auf halber Strecke zum Wasser. Sie breitet ihr hellgrünes Handtuch aus und drapiert ihre Mitbringsel darauf. Bevor sie ins Meer zum Schwimmen geht, sonnt sie sich erst einmal warm. Und sie geht auch nur soweit ins Wasser, bis ihr das Wasser bis zum Hals reicht. Die Zeiten sind vorbei, dass sie waghalsig nicht das geringste Problem hatte vom Felsplateau ins Wasser zu springen und im abgrundtiefen Mittelmeer zu schwimmen. Damals konnte sie sich das auch leisten, war sie doch in Begleitung ihres Mannes oder eines Freundes.
Die Tage sind erfüllt von Sonnenschein, Wasser, Sand und Aurelio, dem stummen Beobachter des Treibens am Strand und auf dem Meer. Führt er die Strandaufsicht oder schaut er nur den jungen Familien und deren kleinen Kindern zu, die ihre ersten Schwimmversuche im Meer unternehmen? Aurelio, ein Mann im Pensionsalter, sitzt auf gleicher Höhe mit Marion am Strand auf seinem Klappstuhl und schlägt die Zeit tot, verjagt ab und zu die Möwen mit kleinen Steinen; wirkt irgendwie trotzig. Etwas ist anders mit Aurelio. Gewöhnlich sitzen die älteren italienischen Männer vereint an den Marktplätzen ihrer Dörfer und verbringen die Tage mit dösen, beobachten und Worte wechseln. Nicht so Aurelio. ‚Er ist offenbar allein hier’, mutmaßt Marion. Seinen Namen erfährt sie erst am letzten Tag ihres Aufenthaltes am Strand, als nämlich seine Frau ihn zum Mittagessen ruft. Da steht er abrupt auf und verschwindet in einem nahe gelegenen Ferienhaus. Und nach der Mahlzeit nimmt er gleich wieder Platz auf seinem Klappstuhl und verjagt die Möwen.

An dem einzigen Sonntag von Marions Aufenthalt gibt es ein besonderes Ereignis. Auf dem Fußballplatz, der unmittelbar vor der Appartmentanlage liegt, treffen die beiden Fußballvereine der Insel zu einem Spiel aufeinander. Von ihrem Logenplatz auf dem Balkon kann sie das Spiel verfolgen. Die Gegner aus Giglio Porto gewinnen. Das johlende, grölende, ausschließlich einheimische Publikum kommentiert entsprechend von einer im Freien aufgebauten Holztribüne aus das Spiel und ist von überall im Ort zu hören.

Nach dem tollen Fußballspiel am Sonntag war Marion allerbester Laune. Doch gleich am nächsten Morgen passiert die Sache mit dem Alarm. Sie wird sehr früh morgens durch lautes Sirenengeheul geweckt. Die Sirene bricht abrupt ab und Lärm entsteht – ganz nah!! Elektrisiert springt Marion aus dem Bett und stürzt auf ihren Balkon. Mit laufendem Motor steht ein Polizeiwagen vor der Appartmentanlage; lautes Italienisch und aufgeregtes Hin- und Herlaufen. Kurz darauf kommt auch noch ein Ambulanz-Wagen und eine Trage wird ausgeladen. Man lädt einen Mann – ob nun lebendig oder tot – ein und fährt sofort los. Wohin? Wo ist noch mal die Krankenstation hier in Campese?

Sensationshunger! Wenn man schon derart unsanft aus dem Schlaf gerissen wird, will man zumindest die Ursache erfahren. Ein wenig zittrig bereitet Marion ihren italienischen Kaffee und frühstückt dazu das übliche Knäckebrot. Noch immer etwas fahrig, zieht sie sich an, schnappt sich eine Plastikeinkaufstüte und schließt das Appartment sorgfältig hinter sich ab. Wo könnte sie erfahren, was genau passiert ist? Wen könnte sie sonst fragen, wenn nicht die freundliche Kassiererin im Supermercato. Mit ihrem kleinen Einkauf steht Marion bald an der Kasse: „Buon giorno, Signorina. Avete anche sentito questo allarme un ora fa? Era nelle appartamente lì?” Die Kassiererin hat offensichtlich Marions Frage verstanden. „Io non, ma un’altra donna ha raportate qu’era un uomo que ha soffrito un pericolissimo coltellata. Und sie flüstert: ”Qu’io sappio, sono state qualque padrone di un’organisazine che hanno fatto un’assamblea segreto in un’appartamento nella dita costruione.” („Fräulein, haben Sie auch den Alarm vor einer Stunde gehört? Das war in der Appartmentanlage dort?“
„Ich nicht, aber eine Kundin hat erzählt, dass ein Mann durch einen gefährlichen Messerstich verletzt wurde.“ Und dann flüstert sie: „So weit ich weiß, haben sich dort die Bosse einer Organistion zu einer geheimen Versammlung in einem der Appartments getroffen.“) ‚O’ddio mio!’ Einmal nach dem Strandbesuch und zweimal morgens fand Marion die Tür zu ihrem Appartment geöffnet vor, obwohl sie sorgfältig abgeschlossen hatte. Sie schaute nach, ob etwas fehlt – nein nichts. Düstere Träume veranlassen sie seither, die Nächte bei Licht zu schlafen.

Giglio Porto lockt, noch einmal eine Busreise über die Serpentinenstraße zu machen. Marion braucht ein Rückreiseticket für die Fähre. Ganz hoch hinauf auf den Berggipfel geht es wieder mit dem Bus. Beängstigend eng ist die Straße. Hoffentlich rutscht der Bus nicht seitlich den Abhang ins Meer hinunter; und dann aus dieser Höhe. Marion klammert sich an ihrem Sitzplatz fest und betet. Aber sie kommt heil und gesund an in Giglio Porto. Auf der sehr überschaubaren belebten Strandpromenade präsentieren mehrere teure italienische Boutiquen ihre Auslagen und hübsche kleine Bars und Restaurants warten auf Gäste. Man kommt schnell von einem Straßenende zum anderen. Im kleinen Hafen liegen neben Segelschiffen und Motorbooten einige kleinere und wenige größere Jachten vor Anker. Auf einer der größeren Jachten sitzen vier nicht mehr ganz junge Ladies am Tisch und spielen Karten; Bridge? Porte Ercole auf Argentario, Porto Santo Stefano und Giglio werden gern von begüterten Briten mit ihren Jachten angelaufen. Hier herrscht ein mediterranes Flair – man ist hell, leicht und teuer gekleidet. Man übt sich in Lässigkeit und Müßiggang, man ist reich und unabhängig. Ein verführerisches, ja malerisches Urlaubsbild zeigt sich da vor der Kulisse von Giglio Porto und Marion weiß eines gewiss, sie kann das alles betrachten, aber Teil hat sie nicht am locker leichten Leben hier. Dort lungern sie auch herum, die zwielichtigen Gestalten von der Fähre. Deshalb will Marion bald den Bus zurück nach Campese nehmen. Sie ist auf dem Weg zur Busstation, da tauchen unvermittelt die beiden zwielichtigen italienischen Männer vor ihr auf.
Sie grüßen beinah freundlich: „Buon giorno, Signora. Come sta? Prendiamo un caffé? Parla Italiano?”
Reflexartig antwortet sie: “Si, un poco. No grazie, non voglio di caffé, devo ritornare à Campese.“
„Aah, fate le vacance, lì?
“Si, sono una tourista.”
“Di dove siete lei?”
“Sono dalla Germania”
Diese Typen interessieren sich dafür, woher sie kommt? Sie versucht vergeblich, an den Männern vorbei zu kommen. Die nehmen sie blitzartig in ihre Mitte. Noch blitzartiger drängen sie Marion neben der Bar in einen Hauseingang. Krampfhaft hält sie ihren Rucksack fest; aber das hilft ihr nichts. Einer der Männer entreißt ihn ihr mit Gewalt.
„He, Roberto, la signora e veramente una tourista. Lasciamo la!“ Dann drehen sie sich um und sind im Nu mit Marions knallrotem Rucksack verschwunden. Schockiert und wie gelähmt steht Marion auf der Strandpromenade, neben der Bar. Jetzt müsste sie blitzschnell reagieren – müsste den Barista fragen, ob er irgendwas beobachtet hat oder sonst irgendjemand. Nein eigentlich hätte sie laut schreien müssen. Aber sie steht nur da. Wäre jetzt eine Schlange vor ihr aufgetaucht, stünde sie davor wie das Kaninchen.
Extrem langsam setzt ihr Denkapparat wieder ein. Sie tastet nach ihrer Jackentasche – das Busticket ist jedenfalls noch da. Aber das Geld (300.000 Lire, das sind ca. 300 DM), ihr Pass, ihre Checkkarte, sogar das Mobiltelefon, die Visitenkarte von Emilio – die wichtigsten Sachen sind weg. Und ihre Kosmetiktasche. Schließlich schafft sie es in die Bar hinein zu gehen und den Barista zu fragen, ob er etwas mitbekommen hat. Nein! Nein? Und wo ist hier die Polizeistation? Der Barista weist den Weg. Auf der Polizeistation stottert Marion ihre Anzeige des Diebstahls auf offener Straße und die Beschreibung der Diebe in Italienisch. Der Commissario beruhigt sie. „Meistens haben die Diebe es nur auf das Geld abgesehen. Meistens taucht die Tasche oder der Rucksack irgendwo wieder auf – achtlos weg geworfen. Manchmal sind sogar die Brieftasche und die persönlichen Papiere noch da. Signora, kommen Sie doch morgen noch einmal her. Sind Sie telefonisch zu erreichen?“
„Nein, mein Mobiltelefon war ebenfalls im Rucksack.“ Marion macht sich größte Vorwürfe: ‚Warum war sie nur so leichtsinnig und hat die wichtigen Sachen in ihren Rucksack gepackt, statt nach allen Empfehlungen körpernah in eine Bauchtasche? Glück im Unglück – findet sie wenigstens den Appartmentschlüssel in ihrer Hosentasche. Sie möchte sich nicht vorstellen, was passiert wäre, hätte sie alles aber auch alles verloren. Den Appartmentschlüssel, die Busfahrkarte sind jetzt die Dinge, die ihr Halt geben; den einzigen Halt. Denn ansonsten ist sie so gut wie aller Möglichkeiten beraubt. Kein Mobiltelefon, keine Checkkarte, keine Papiere, kein Geld – eine Katastrophe und zu allem Überfluss kennt sie wirklich niemanden hier. Wie kann man sich in einem solchen Fall überhaupt helfen? Ja, die Polizeistation wäre wohl der einzige Ort, wo sie bleiben könnte, so lange bis ihr Rucksack wieder auftaucht. Aber sie hatte ja im Appartment noch etwas Geld deponiert. Hoffentlich ist das nicht auch noch in ihrer Abwesenheit geklaut worden!
Sie will schnellstens weg aus Giglio Porto. Die Busfahrt macht ihr keine Angst mehr, schließlich hat sie sie schon zweimal überlebt. Morgen, notfalls übermorgen, wird sie wieder herkommen und bei dem Commissario auf der Polizeistation nachfragen.
Zurück an dem für sie momentan denkbar sichersten Ort, dem Appartment, schließt sie die Tür hinter sich ab und geht sofort ins Schlafzimmer um nachzusehen, ob das von ihr in der Badetasche deponierte Geld noch vorhanden ist. Sonst könnte sie vielleicht gar nicht mehr mit dem Bus hinüber nach Giglio Porto. Marion ist jetzt in Panik. Doch als sie in der Seitentasche das deponierte Geld vorfindet, ist sie etwas erleichtert. Für das Busticket und auch für ein belegtes Panino wird es reichen. Aber sie hat genug für heute und rührt sich nicht mehr aus dem Appartment. Sie schaltet den Fernseher ein und guckt die Nachrichten – und dann noch eine Quizsendung; eine Sendung in der die schönen jungen Italienerinnen auftreten. Doch jede Ablenkung verfehlt ihre Wirkung. Die Panik hat sie mit großer Verzögerung erreicht. Sie fragt sich immer wieder, warum gerade sie das Opfer eines so dreisten Diebstahls geworden ist. Wo sie sich doch so bemüht, die Sprache zu lernen, sich angepasst zu verhalten und zu kleiden! Marion versteht die Welt nicht mehr. Diese Italiener, sie brauchen Marion nicht! Im Gegensatz zu Marion, die seit ihrer ersten Reise hierher davon überzeugt war, Italien zu brauchen. So ein Jammer!!

Marion hatte keine gute Nacht. Sie hat kaum geschlafen und immer wieder das Erlebnis in Gedanken durchgespielt. Am nächsten Morgen macht sie sich sehr bald auf den Weg nach Giglio Porto. Sie hat keinen Blick für die wundervolle Natur Giglios, für den schönen Ort, die Geschäftigkeit auf der Promenade und in dem kleinen Hafen, sondern steuert gleich auf die Polizeistation zu. Die Eingangstür und auch die Tür zum Büro des Commissarios, der ihre Anzeige aufgenommen hatte, stehen offen. Man lässt die frische Morgenluft zirkulieren, denn im Laufe des Tages wird es wieder heiß, einen Tag voll italienischen Sonnenscheins wird es geben.
Marion grüßt: „Buon giorno, Commissario, haben Sie meinen Rucksack gefunden?“
„Si, si Signora, wir haben die Diebe gefasst und ihr Rucksack lag hinter einem Müllcontainer. Sogar ihre Papiere sind noch da. Die Diebe hatten es offenbar ausschließlich auf Ihr Geld abgesehen. Wir konnten die Diebe so schnell fassen, weil sie einschlägig bekannte Ganoven hier sind. Da haben Sie ja richtig Glück gehabt. Gut, unterschreiben Sie bitte den Empfang. Ich kann nur hoffen, dass Sie noch ein paar schöne Tage in Campese haben werden.“

Mitte September geht die italienische Sommersaison zu Ende. Die Appartmentanlage ist bereits weitgehend unbewohnt. Bis auf die Teilnehmer der geheimen Versammlung. Eine seltsame, um nicht zu sagen, unheimliche Stille breitet sich aus über der riesigen Wohnanlage. In Giglio Campese findet der Einzug des Herbstes statt. Die Strandbar ist geschlossen; kein Eis, kein Cappucchino mehr zu bekommen; ebenso geschlossen werden die Touristenkioske. Die Poltrone werden abgebaut und man macht sich an die Aufräumarbeiten für die Herbst- und Winterzeit. Das Meer wird unruhig – hoher Wellengang – dunkle Wolken – die Sonne bleibt blass und es fallen sogar einige Regentropfen. Die Wolken verdecken immer wieder die Sonne, die es kaum schafft über das Felsmassiv der Insel hinüber nach Campese zu scheinen. Ein trüber Tag; zwei trübe Tage. Die Möwen schwimmen in der Ferne auf den aufgewühlten Schaumkronen des Meeres, verschwinden, tauchen wieder auf. Das Meer verändert seine Farbe – von türkis bis hin zu graugrün und auch das Licht ist nach diesem Wetterumschwung nicht mehr so warm und rötlich; die Tage sind spürbar kühler. Quallen schwimmen in Strandnähe im Meer und Seetang bedeckt einen Teil des Strandes. Buh – da will niemand hinaus.

Zehn Tage Urlaub, die nicht ausschließlich erfreulich verliefen, sind vorüber, und der Tag der Rückreise ist gekommen. Um 5.15 Uhr steht Marion viel zu früh einsam und allein an der Bushaltestelle. Sie genießt die laue Morgenluft, zum letzten Mal bewusst den Geruch des Meeres und den intensiven Duft des Oleanders, der Bougainvilla. Morgendämmerung und es ist keineswegs gewiss, ob der Bus pünktlich kommt. Die Spannung steigt. Eine weitere Urlauberin hat sich sicherheitshalber ein Taxi bestellt. Sie ruft Marion zu, dass sie befürchtet, sonst die Fähre nicht rechtzeitig zu erreichen. Marion ist irritiert. Aber, wie es so ist in Italien kommt der Bus gerade angefahren. Die einzige Passagierin ist Marion. Der Busfahrer gibt sein bestes, überholt sogar das Taxi während der halsbrecherischen Fahrt über die Serpentinen nach Giglio Porto. „Tutto va bene.“ „Grazie molto, Signore“, sagt Marion und steigt mit zitternden Knien aus dem Bus.
Marion findet unter Deck der Fähre einen Sitzplatz, hält Koffer und Rucksack fest bei sich und schaut durch ein großes Fenster hinaus auf das Meer. Während der Überfahrt nach Porto Santo Stefano spielt der Himmel wieder den unnachahmlichen italienischen Sonnenaufgang. Zuerst erscheint ein Wolkenband hinter dem es oben und unten hindurch glitzert. Schließlich entwickelt sich in grandioser Theatralik ein riesengroßer Feuerball aus dem Meer und beginnt höher und höher zu steigen. Golden ist die Welt! Das besondere italienische Abschiedsgeschenk, das Marion vergessen lassen soll, dass ihr nicht jeder Tag wohl gesonnen war, hier auf der Isola del Giglio.

Am Bahnhof in Orbetello ist vielleicht was los! Hier warten ganze Kirchengemeinden aus Mittelitalien, wo die Anführer rote, grüne und weiße Fähnchen vorantragen und die Reisenden in die Bahn verfrachten. Oh mein Gott! Es ist das „Heilige Jahr“ in Italien und alle wollen nach Rom, in die ewige Stadt, zum Papst. An jedem Bahnhof an der Strecke nach Rom steigen mehr Pilger ein. Bereits um 9.00 Uhr vormittags ist der Zug komplett überfüllt.
Endlich kann Marion den übervollen Zug in Roma Termini verlassen. Allerdings steigen auf der Stazione auch die Pilger aus und ein Riesengedränge entsteht. Marion quetscht sich durch die Menschenmenge und versucht außerhalb des Bahnhofs eine U-Bahn zu erwischen, die sie zu der vorbestellten Jugendherberge bringen soll. Nichts zu machen; die U-Bahn ist genauso überfüllt, wie der Zug vorher. Marion muss ihren Durst stillen in dieser trockenen, heißen Stadt Rom und kauft sich eine Flasche thé freddo. Dann geht sie nach Gefühl einfach in irgendeine der angrenzenden Straßen, zieht den Rollkoffer hinter sich her und schaut sich um. Und da steht er als hätte er nur auf sie gewartet, der dicke römische Engel, verkleidet als Taxifahrer. Die Taxitüren geöffnet und so freundlich noch dazu. „Buon giorno, Signora. Si lei vado trasportare al’albergo per la gioventù“, „Grazie molto, Signore. Siete un vero angelo.”
Zum Glück hatte Marion die Übernachtung in der Jugendherberge früh genug gebucht. Mit 12 jungen Damen und auch zwei älteren Italien reisenden Frauen aus Leipzig wird sie in diesem Riesenschlafsaal in einem Etagenbett übernachten. Gleich neben der Eingangstür zum Schlafsaal stehen die Metallschränke mit Schließfächern, zu denen man kurzfristig am Counter ein Schloss erwerben kann. Da macht man die ganze Nacht kein Auge zu, weil sich alle Gästinnen ständig an ihren Schließfächern zu schaffen machen – entweder um zu gucken, ob noch alles da ist oder um etwas hineinzulegen. Marion ist am nächsten Morgen wie gerädert, hat das Gefühl, nicht eine Sekunde geschlafen zu haben. Nicht so die Damen aus Leipzig. Sie hatten sich Ohrstöpsel mitgebracht und sitzen herrlich ausgeruht beim Jugendherbergsfrühstück mit den üblichen abgezählten Portionen. Nachdem sie eine angenehme Dusche genommen hatte, sich angezogen und für den Tag geschminkt hat, wartet Marion auf den Taxifahrer. Er holt sie pünktlich zwei Stunden vor dem Abflug ab und bringt sie zum Flughafen Roma Fiumicino.
Flughäfen sind was Tolles. Man kann dort alles bekommen: Im Restaurant etwas zum Essen und Trinken, an besonderen Kiosken Bücher und Zeitschriften, sogar Kleidung und Parfum, und wenn man will auch Souvenirs.

Der Flug geht nach München, von dort nach Hannover. Und in Hannover ist Marion ja beinahe zu hause angelangt. Erholt und braun gebrannt wird sie von Mann und Tochter in Empfang genommen. Marion bringt von ihrer Reise keine Fotos mit; sie erzählt alles in Bildern mit Hintergrund – siehe oben.

Brigitte Lohan