God damn, fuck!“ Fluchen und andere typische Army-Kraftausdrücke zu benutzen, das hatte Otto Jasper in der kurzen amerikanischen Gefangenschaft in Attingy gelernt. Heute durfte er zwar vor sich hin fluchen, laut werden sollte er damit aber besser nicht. Als Otto sich an diesem Morgen im November um 7 Uhr auf den Weg zu seinem „Kotten“, der Arbeitsstelle als junger Standesbeamter bei der Stadtverwaltung machte, gab es für ihn jeden Grund zu fluchen. Nach wenigen Schritten auf dem Bürgersteig waren seine einzigen Schuhe völlig durchgeweicht, denn Bürgersteig und Straße waren regennass und es nieselte nach wie vor. Otto schlug den Mantelkragen hoch. Immerhin hatte der Mantel einen Kragen den er hochschlagen konnte. Der Mantel war ein gewendetes Stück aus dunkelgrünem Wollfilz-Militärmantel mit abgestoßenem Saum und beinahe durchsichtigen Seitentaschenrändern. Unter dem Arm hielt Otto die abgegriffene lederne Aktentasche mit seiner Tagesverpflegung – einem Margarinebrot und Bechamel-Kartoffeln im Henkelmann; immer dasselbe seitdem er die Arbeitsstelle zum 1. April 1946 angetreten hatte.

Seine Schuhe, die ewig gestopften Strümpfe und die Füße waren inzwischen klatschnass. ‚Keine Panik, Ersatz wartet im Büroschrank’. So unten wie sie gerade wegen der zunehmend kalten Füße war, konnte sich seine Laune ja nur bessern. „Immer noch besser, als in Gefangenschaft zu sein“, murmelte Otto und fluchte noch einmal auf Amerikanisch: „God damn, fuck“! Diesmal nur so, zur Wiederholung.Pünktlich traf er im Büro ein. Er knipste die von der Decke hängende Funzel an, hängte seinen Mantel an den Wandhaken, stellte die Aktentasche mit der wertvollen Tagesration in den Wandschrank und entnahm ihm gleichzeitig die gestopften Ersatz-Socken. Die nassen Socken hängte er zum Trocknen über die Heizung und stellte die durchgeweichten Schuhe darunter; zumindest so lange niemand hereinkam. Daraufhin nahm er an seinem alten Holz-Schreibtisch mit den Rollfächern Platz, knipste die runde Tischlampe mit dem dunkelgrünen Lampenschirm an. Die Büroeinrichtung war ihm vertraut, schon seit der Zeit seiner Arbeit auf einer Schreibstube bei der Wehrmacht. Ein schweres, schwarzes Bakalit-Telefon mit der großen Telefongabel und dem Hörer samt Schulterstütze aus dunkelgrünem Hartgummi stand rechter Hand und die säuberlich angespitzten Bleistifte, der gut mit Tinte gefüllte Füller umrahmten die papierne Schreibtischauflage. Alles blitzblank! Nach einiger Zeit konnte Otto die getrockneten Socken von der Heizung nehmen, griff nach seinen Schuhen und zog alles wieder an. „Der Tag kann kommen“, flüsterte Otto.  Und der Tag kam gegen 9 Uhr in Form einer schönen jungen Rothaarigen, die ein kleines Mädchen auf dem Arm trug. Nach zaghaftem Anklopfen und Otto Jaspers lautem „Herein!!“ war sie ebenso zaghaft eingetreten.

„Guten Morgen“, eine ungewöhnlich wohlklingende Stimme.

Otto Jasper stockte der Atem. Damit hatte er nicht gerechnet; hätte beinahe nicht zurück gegrüßt. Er starrte sie ungläubig an, denn eine dermaßen umwerfend schöne Frau hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen; geschweige denn in seinem Büro erwartet. Ihr müdes, blasses wunderschönes Gesicht wurde umrahmt von einer tizianroten Lockenpracht. Der schäbige Mantel war beinah durchsichtig. Gewöhnlich waren es junge Paare, die ihr Hochzeitsaufgebot bei ihm bestellten oder, was häufiger vorkam, jemand beantragte eine Geburts- oder Sterbeurkunde. Doch was konnte eine junge Frau mit einem kleinen Mädchen auf dem Arm von ihm wollen? Hatte sie sich in der Tür geirrt?

„Ich heiße Elke Huismann und möchte ein Aufgebot für die Hochzeit mit Herrn Karl-Heinz Meister anmelden.“

Verlegen kramte Otto Jasper in den Schreibtischfächern. Mit zittrigen Fingern fischte er schließlich ein gültiges Formular aus dem Jahre 1942 aus einer Schublade.

„Wenn Sie mir Ihre Angaben machen, fülle ich es für Sie aus“, bot er sachlich an. Den Füllfederhalter aufgeschraubt blickte er sie erwartungsvoll an:

„Ihre persönlichen Angaben: Name etc. und ebenso die Angaben für ihren zukünftigen Ehemann.“

„Hier ist die Nachricht, dass mein Verlobter 1944 im September bei Stalingrad gefallen ist. Im letzten Sommer hat er mir diesen Brief mit einem Heiratsantrag geschrieben. Mehr kann ich Ihnen nicht vorlegen.“ „Haben Sie denn eine Sterbeurkunde Ihres – ehm – Mannes?“ „Nein, nur diese Nachricht seines Batallionführers.“ „Kann noch jemand bezeugen, dass Sie heiraten wollten?“ „Meine Mutter wusste davon.“ „Dann kommen Sie morgen zusammen mit Ihrer Mutter und bestätigen an Eides statt, dass eine Heiratsabsicht bestand.“       Elke Huismann ging ebenso leise wie sie gekommen war. Das kleine Mädchen hatte sich überhaupt nicht gerührt, Otto Jasper nur mit riesengroßen Kinderkulleraugen angesehen. Etwas aus der Fassung geraten musste Otto sich erst wieder sammeln. Er stand auf, nahm sein Sanella-Brot aus der Aktentasche und biss hinein. ‚So was von geschmacklos’, dachte er, kaute langsam sein Brot und blickte versonnen auf die geschlossene Bürotür. Junger Mann, der er war, machte er sich Hoffnungen, Hoffnungen auf Morgen. Dann würde „Elke“, wie er sie heimlich schon beim Vornamen nannte, wieder in sein Büro kommen. In der folgenden Nacht konnte Otto kaum schlafen; und das nicht weil er hungrig war.                                         Am folgenden Morgen war Otto wieder sehr früh unterwegs zu seinem Kotten. Das schlechte Wetter störte ihn nicht mehr. Bereits um 7.30 Uhr saß er an seinem Schreibtisch, zunehmend gespannt und aufgeregt. Wann, wann würde sie kommen? Die Zeit schlich und schlich. Endlich! Es hatte geklopft.   „Herein!!“ Ottos Stimme klang belegt.                                                            „Guten Morgen“, wieder diese wohlklingende Stimme von Elke Huismann, die mit dem Kind auf dem Arm und ihrer Mutter das Standesamtsbüro betraten. Otto war äußerst fahrig. Doch zum Glück hatte er das Formular seit 1 1/2 Stunden vor sich auf dem Schreibtisch liegen. ‚Ein verliebter Standesbeamter, der eine junge Frau mit einem gefallenen Mann in dessen Abwesenheit im Nachhinein verheiraten soll. Was für eine Situation!’, schoss es ihm durch den Kopf. Doch die Aussage von Elkes Mutter und deren Unterschrift sowie der briefliche Heiratsantrag erlaubten diesen Verwaltungsakt. „Sie erhalten ihre Heiratsurkunde in einer Woche“.                Elke verließ mit dem Töchterchen und ihrer Mutter das Standesamt. Sie war nun bald eine verheiratete Frau, konnte Versorgungsansprüche beim Versorgungsamt stellen und eine eigene Wohnung finden. Die kleine Tochter Karola wäre nicht länger unehelich und konnte später einmal ihren im Krieg gefallenen Vater beerben. Kurze Zeit später hatten Otto und Elke heimlich eine Verabredung im Hotel zur Mühle. Elke hatte ihm erzählt, wie sie davon erfahren hatte, dass man eine Leichenehe eingehen konnte. Makabere Vorschriften und Führererlasse zum Eherecht aus dem Jahre 1942 waren trotz Kriegsende noch einige Zeit gültig. Da das verliebte Paar auf eine gemeinsame Zukunft hoffte, beantragte Elke nach einem Jahr die Totenscheidung, um diese Leichenehe wieder rückgängig zu machen. Elkes und Ottos gemeinsames Leben konnte beginnen.

                                                                                                                                      Brigitte Lohan