…ein Besuch im Atelier der Bielefelder Kunsttherapeutin Wichtrud Kaufmann

Wichtrud Kaufmann arbeitet gemeinsam mit anderen Künstlerinnen im Atelier Speckmann in Bielefeld.

 

bei der Arbeit

Wichtrud Kaufmann bei der Arbeit / Foto: Gabriele Richter

Die Diagnose Demenz hängt wie ein Damokles- Schwert über der Zukunft unserer Gesellschaft, löst tiefe Ängste vor dem Alter in uns aus, von denen sich kaum jemand völlig freisprechen kann. Für Wichtrud Kaufmann ist Demenz einfach eine andere Form des Lebens. Diese besondere Sichtweise hat mich neugierig gemacht, deshalb habe ich Frau Kaufmann um ein Interview gebeten.

 

Arbeitsplatz

Arbeitsplatz, Foto: Gabriele Richter

Erinnerungen an die Sonne

Erinnerungen an die Sonne /Foto: Gabriele Richter

Bei meinem Besuch interessierte mich vor allem ihr besonderer Zugang zu Menschen mit demenziellen Erkrankungen.
Frau Kaufmann berichtet zunächst über ihren eigenen Werdegang als Krankenschwester, durch den sie vielfältige Einblicke in menschliches Erleben gewinnen konnte. Im Rahmen ihrer persönlichen Weiterentwicklung kam sie vor 5 Jahren zur Kunsttherapie- unter anderem durch die Werkstatt für Kunst & Therapie in Münster- die mit einer humanistischen Einstellung ein Weltbild der Selbstbestimmung propagiert.
Privat hat Frau Kaufmann seit Jahren einen persönlichen Bezug zu verschiedenen Kunstformen. Heute arbeitet sie mit ihren Workshops im Demenz-Service-Zentrum, aber auch in der Nachwuchsförderung an einer Altenpflegeschule, Kindertagesstätten und bei freien Bildungsträgern. Verschiedene Projekte –z. B. das Garten-Projekt- ergänzen das breite beruflich -künstlerische Spektrum ebenso, wie ihre Teilzeitstelle an der Basis- mitten im Herzen einer Demenzgruppe.
Wichtige Aspekte sind hierbei Vertrauensaufbau, biografischer Kontext und Erinnerungspflege
Brücken bauen…der Zugangsschlüssel zur Demenz
G.R.: „Wichtrud, du unterrichtest Menschen, die nach neuen Möglichkeiten suchen, um in ihrem jeweiligen Arbeitsfeld besseren Zugang zu Demenz-Erkrankten zu bekommen. Was ist deiner Meinung nach wichtig, um auch das Innenleben- die Seele dieser Patienten zu erreichen?
W.K.: „ Es geht dabei vor allem um Aufmerksamkeitsschulung: Was ist wichtig für Menschen; die Gestaltung von Räumen, die Wahrnehmung der Jahreszeiten…
G.R.: „ Auf welche Weise erreichst du persönlich die Menschen mit Demenz?“
W.K.: „Ich habe den ganz großen Vorteil durch die langjährige Basisarbeit in der Betreuung, aber auch durch diverse Fortbildungen und Supervision.
Ich gehe sehr intuitiv bei meiner Arbeit vor. Das ist eine Qualität und ein besonderer Schwerpunkt, der mich ausmacht.
Ich bin bemüht, immer sehr respektvoll mit Menschen umzugehen und in ihrer Ganzheit zu sehen; Demenz nicht als Manko zu erleben, sondern einfach als eine andere Form des Lebens. Mich beeindruckt die große Emotionalität dieser Menschen und ihre Nähe zur Essenz des Lebens. Da empfinde ich immer sehr viel Wertschätzung diesen Menschen gegenüber und lerne darüber auch sehr viel für mich. Ich erlebe Menschen mit Demenz immer als sehr impulsiv, sehr im Moment lebend, genau das JETZT, was unser Leben eigentlich ausmacht. Es kommen natürlich auch immer wieder angstbesetzte Momente hoch, die aus der Vergangenheit stammen, aber auch Erinnerungen, die ganz viel Freude gemacht haben und die so erlebt werden, als passierten sie gerade jetzt. Meine Begleitung besteht darin, die unschönen, angstbesetzten Erlebnisse umzuleiten….besonders eben auch mit Kunst.
Wichtig ist mir dabei auch die Zusammenarbeit mit den Pflegenden, um bestimmte Hintergrundinformationen zu erlangen, die mir den Zugang erleichtern oder auch die Grenzen verdeutlichen.
G.R.: „Erlebst du, dass sich die Menschen für die künstlerische Arbeit öffnen?“
W.K.: „Das geht oft ganz schnell. Die Biografie und Erinnerungen sind dabei
sehr wichtig, aber auch erstmal Vertrauen aufzubauen.

Die Menschen ganz langsam – nach der step by step- Methode an die Technik heranführen, die Materialien vorstellen, minimalistisch arbeiten, Reizüberflutung vermeiden. Ich arbeite sehr viel mit Pappe, um auch die taktilen Fähigkeiten zu schulen: die Wahrnehmung des Materials, wie fühlt sich das an, wie ist es begrenzt, weckt es Erinnerungen…und vor allem nicht leistungsorientiert an ein Angebot herangehen.
Manchmal nehme ich mir ein Thema vor und es kann sein, dass es überhaupt nicht klappt. Dann muss ich Überleitungen finden, einen Schritt zurück gehen, nach Ähnlichkeiten suchen. Den Willen der Menschen respektieren, manchmal reicht es, wenn jemand nur dabei sitzt.
Und ich möchte für jeden da sein; wenn die Gruppe zu groß ist, brauche ich jemand zur Unterstützung. Manchmal wird der Pinsel für etwas ganz anderes benutzt oder die Farbe wird im Gesicht verteilt.
Wichtig ist auch, innere Hürden zu nehmen: Mit Kunst zeige ich mich…zeige aber auch, was ich alles nicht mehr kann.
Dadurch bröckelt die Fassade, was viele eben nicht gut zulassen können. Darum arbeite ich viel mit Lob- nicht übertrieben, aber im Detail der Besonderheit des Einzelnen, wertschätzend, nicht Defizit orientiert.“

Brücke zur Außenwelt: Öffentlichkeitsarbeit und Netzwerke
G.R.: „Meine Sichtweise hat sich jetzt schon im Gespräch erweitert. Hast du noch Wünsche an Entscheidungsträger?“
W.K.: „Also ich würde mir wünschen, dass mit einer besseren Finanzierung für Heime Kunsttherapie möglich gemacht wird. Die Individualität des Menschen nicht aus Kostengründen wegrationieren, sondern den Standard der Betreuung erhöhen. Den Menschen nicht als Kunden sehen, sondern als Individuum, mit individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen.
Mehr und bessere Vernetzung & Zusammenarbeit durch gemeinsame Austauschforen von verschiedenen Therapieformen.“
G.R.: „ Was sind deine neuen Projekte und Ziele?“
W.K.: „ Ich würde gerne versuchen meine Workshop -Angebote auszubauen, nicht nur an der Basis- Menschen mit Demenz, sondern auch die Thematik in die Öffentlichkeit zu bringen…als Multiplikator dienen. Da sehe ich mehr Chancen in der Workshop-Arbeit, z. Beispiel an den VHS, in der Mitarbeiter-Schulung etc. Damit mehr Mitarbeiter Kunsttherapie in ihre Arbeit integrieren können. Netzwerkpflege…ist ebenso ein wichtiger Teil meiner Arbeit, aber auch immer mit dem Aspekt: Bleib auch in deiner Ruhe…nicht mehr versuchen, als realistisch machbar ist.“
G.R.: „Wichtrud, ich danke dir herzlich für diese Interview und wünsche dir und allen Beteiligten ganz viel positive Ausdehnung der Kunsttherapie …in allen Lebensformen.“

Text und Bilder: Gabiele Richter