Clara Zimmermann

„Oh, Donna Clara, ich hab` dich tanzen geseh´n,….“, tönte es penetrant aus ihrer Handtasche und ließ sie etwas unsanft in die Wirklichkeit zurückkehren. Vor nicht einmal 10 Minuten hatte sie in Beates Salon am Frisiertisch Platz genommen, um sich bei einem Gläschen Sekt, das gab es gratis immer dazu, völlig entspannt zurückzulehnen. Um zu träumen, bis dann Beate kam, um sie von einer alten Fregatte wieder in einen kampfbereiten Zerstörer zu verwandeln. Sie liebte diesen Vergleich, erinnerte er sie daran, was alles in ihrem Leben schon hinter ihr lag. Welche Höhen und Tiefen hatte sie durchlebt,   sie – Clara Zimmermann – 76 Jahre jung. Gemeinsam mit ihrem seit drei Jahren und fünf Monaten verstorbenen Heinz-Jürgen hatte sie jedem Wandel der Zeit standgehalten. Nun musste sie alles alleine bewältigen, doch dies war ihr bislang  gut gelungen. Bei dem Gedanken an ihren Heinz-Jürgen, stieg ihr eine Träne hoch. Nicht Beate, Ihre Friseurmeisterin mit der freundlichen Stimme schreckte sie aus ihren Träumen, sondern das penetrante Läuten des Handys in ihrer Handtasche.

Clara stellt sich der Situation

Natürlich wusste Clara sofort, dass es nur Heike sein konnte. Heike war das Nesthäkchen von Claras drei Kindern.  Clara kicherte, denn Heike war inzwischen schon 50 geworden. Nachdem sie das Handy widerwillig aus der Tasche genestelt hatte, geneigt den Anruf nicht anzunehmen, aber den Knopf schon gedrückt hatte, hörte sie sich sagen: „Clara Zimmermann“. Und richtig, sie hatte sich nicht getäuscht, es wäre besser gewesen den Anruf zu ignorieren. Denn es verlief genau so, wie sie es erwartet hatte. Heike kündigte ihren Besuch an. An jedem Mittwoch, seit Heinz-Jürgens Tod – unterstützte Heike sie bei der Gartenarbeit .

Claras Haus by #PaulCrimi

Paul Crimi

Heikes gestresster Ton machte Clara immer wieder deutlich, wie dankbar sie für die   Hilfe sein sollte.   Heike erübrigte diese Zeit neben der Versorgung ihres Ehemanns Roland .  Claras Enkelkinder Sven und Lars, waren recht früh aus dem Elternhaus ausgezogen  und hatten eigene Familien.   „Kein Wunder“, dachte Clara, „bei den miesepetrigen Eltern, wirklich kein Wunder!“ Sie kannte ihre zickige Tochter, und den ewig rechthaberischen Roland. Ihn hatte sie noch nie ausstehen können!

Endlich kam Beate, Clara konnte Heike und Roland vergessen und sich von den wohltuenden Händen der Friseurin, die sie schon seit Urzeiten kannte, hingeben. Eine neue Frisur würde neue Lebensfreude mit sich bringen. Sie beschloss, anschließend noch ein Café zu besuchen. Aber, als Beate die Trockenhaube über ihr zum Leben erweckte und ihr das zweite Glas Sekt reichte, waren die trüben Gedanken wieder da. Und das nur durch Heikes Anruf!

Heikes Besuche waren eher lästig.  Ihre gestresste Art nervte sie. Clara, müßte sich mal überlegen, was im hohen Alter mit ihr passieren solle. Jedes Mal legte sie ihr nahe, dass sie einem Platz in einem Pflegeheim ansehen müßte. Heike und Roland  seien nicht in der Lage, sich um sie kümmern;  Mir einem Pflegefall seien sie zweifelsfrei überfordert. Diese Litanei hörte sie Heike jedes Mal sagen.

Clara kicherte. Angesichts des angespanntenVerhältnis zu den beiden, wäre es doch wohl an ihr, überfordert zu sein! Das bisschen Gartenhilfe konnte das ständige Theater mit ihrer Tochter und dem Schwiegersohn ganz sicherlich nicht aufwiegen. Lieber vergnügte sich Clara mit ihren drei Freundinnen bei ihrem gemeinsamen Knobelabend. Seit nunmehr 36 Jahren trafen sich die alten „Mädels“ einmal die Woche, um gemeinsam die Knobelbecher zu schwingen, Erlebnisse auszutauschen und wild zu lästern. Einem guten Tropfen waren sie ebenfalls nie abgeneigt. Müsste sie etwa auch darauf verzichten? Bei Heike und Roland sicherlich!

Da waren noch die beiden Söhne, auf die sie auch nicht zählen konnte. Heinz-Jürgen, nach ihrem Mann benannt, lebte schon seit über zwanzig Jahren in den Staaten und ließ sich mit seiner Familie bestenfalls mal zu Weihnachten sehen. Clara hätte wahrscheinlich ihre eigenen Enkelkinder nicht mal auf der Straße erkannt. Sie schüttelte traurig den Kopf, nein, Heinz-Jürgen und seine Frau Marion waren ihr fremd geworden.

Der zweite Sohn, Hartmut war Chefarzt einer bekannten Privatklinik. Schönheitschirurgie!!! Hartmuts Frau Brigitte kümmerte sich um die kaufmännischen Angelegenheiten der Einrichtung. Beide waren mehr mit der Klinik verheiratet als miteinander. Kinder hatten sie selbstverständlich keine. Dabei wäre ihr Haus groß genug , dass für mehrere Kinder Platz gewesen wäre.

Claras Haus by #paulcrimi

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Und was sollte überhaupt aus dem Haus werden, wenn sie die Bewirtschaftung nicht mehr leisten könnte? Das war doch ihr Lebenstraum gewesen! Hier hatte sie mit Heinz-Jürgen alt werden wollen!  Lag es wirklich an der heutigen Zeit, dass die Eltern ihren Kindern zu viel wurden? War das schon immer so gewesen???

Heute gibt es für Menschen  viele unterstützende Angebote, von Gehhilfen bis  „Essen auf Rädern“. Clara hatte gehört, dass sogar Pflegedienste  ins Haus kommen und, und, und… Was aber, wenn die Zeit kommt, an dem viele Fähigkeiten nach und nach weniger werden?Ist es dann nicht ratsam, sich  frühzeitig mit dem Gedanken  an eine andere Lebensweise auseinanderzusetzen. Viele ihrer Freunde und Nachbarn waren der Ansicht von Heike. Nun gut, Clara beschloss, auf den geplanten Café-Besuch zu verzichten. Bevor sie es sich anders überlegten würde,   wollte sie sich das ihrem Haus am nächsten gelegene „Heim“ ansehen. Kopftuchverpackt und mit fest umklammerter Handtasche ging es zielstrebig und schnurstracks zum nahegelegen „Haus Sonnenschein“.
Clara und Gisela beim Spiele-Nachmittag
CIMG3033„Wie viel?“ Fast blankes Entsetzen war in den Augen von Gisela zu sehen, als Clara ihr von Haus Sonnenschein berichtete. „Wie viel? Für ein Zimmer?“ „Für ein Halbes“, antwortete Clara. „Stell dir mal vor, da ist man ja ruck zuck sein Häuschen los!“ Clara hätte sich im selben Moment am liebsten auf die Zunge gebissen, wusste sie doch, dass die Freundin im Grunde ihres Herzens sehr darunter litt, als sie damals nach Alfreds Tod das Haus und das Geschäft hatte abgeben müssen. Alfred war selbständiger Taxiunternehmer gewesen, hatte sich leider etwas verkalkuliert und natürlich auch nicht ordnungsgemäß in die Altersvorsorgekasse eingezahlt.
Nun, zunächst hatte das Taxiunternehmen genug abgeworfen, doch die Zeiten wurden schlechter, und als Alfred dann auch noch an Tuberkulose erkrankte und vor sechs Jahren verstarb, kam der Staat, nahm Gisela das Haus und das Geschäft, und Gisela rutschte ab in die Grundsicherung. Nun lebte sie in einem Wohnsilo am Rande der Stadt in ärmlichen Verhältnissen. Doch das schien Gisela gar nicht so sehr zu stören. Gisela, die immer lebensfroh gewesen war und mit Alfred ständig auf Achse gewesen war, trug ihr Schicksal mit Würde. Ob sie wirklich so zufrieden war in ihrer Bescheidenheit, wagte Clara allerdings anzuzweifeln. Nicht, dass Clara glaubte, dass es Gisela wirklich an etwas mangelte, außer an ihrem Alfred vielleicht, kam ihr immer wieder der Gedanke, dass die alte Freundin, die sie noch aus der Kindheit her kannte, sehr einsam sein musste. Manchmal hatten sie schon versucht, Gisela außer zu den üblichen Treffen, die für die vier Frauen schon zum Ritual geworden waren, mal ins Kino oder sonst wohin einzuladen, doch das lehnte diese stolz, fast schon hochmütig, ab. Nein, anderen auf der Tasche liegen, kam gar nicht in Frage.
Um schnell abzulenken, fragte Clara gleich geradeaus, ob Gisela Zeit habe und sie zum Spiele-Nachmittag ins „Haus Sonnenschein“ begleiten könne. Schaden könne es ja nicht, sich die Geschichte einmal näher anzuschauen, und wer weiß, vielleicht haben die ja doch einiges auf Lager. Gisela schaute Clara einen Moment an, schien abzuwägen, doch dann willigte sie ein. Schließlich war das ja nicht mit unnötigen Kosten verbunden, und sie konnte der Freundin eine Freude machen.
Nachdem sie das Gebäude durch die selbstöffnende Glastür betreten hatten, sahen sie auch gleich Frauen in Schwesterntracht, die emsig damit beschäftigt waren, Rollstuhlfahrer und –fahrerinnen in den gläsernen Raum zu befördern, der Clara schon bei ihrem ersten Besuch aufgefallen war. Etwas unpersönlich und karg gehalten, dachte Clara und fragte eine der Schwestern, ob dies der Raum für den Spiele-Nachmittag sei. Die Schwester bejahte, und Clara und Gisela nahmen an dem langen Tisch Platz. Hier saßen schon einige ältere Menschen mit oder ohne Rollstuhl. Clara erschauerte, die Hälfte davon schlief den Schlaf der Gerechten. Inzwischen hatte Joanna die Betreuungsperson den Raum betreten und allen anderen voran die beiden Neulinge begrüßt. „Heute wollen wir mal „Stadt, Land, Fluss“ spielen, das kennt doch jeder noch“, fragte Joanna. Freudig stimmten die Bewohner von „Haus Sonnenschein“ zu. Jedenfalls die, die wach waren. Clara schaute in die illustre Runde, schloss die Augen und dachte bei sich, was das wohl werden solle. „B wie Butterblume, wer weiß eine Stadt mit „B“?“ „Berlin, Breslau, Bodenwerder,“ tönte es an Claras Ohr. Hier an Städte wie Bukarest oder Barcelona zu denken, schien Clara angesichts dieser traurigen Meute älterer Menschen doch etwas zu gewagt. Spätestens bei der dritten Frage hatte sie längst begriffen, dass hier immer dieselben antworteten.
Bei dem Rest schien es sich um den dementen Anteil der Bewohner zu handeln. „Puh, lass mich diesen Nachmittag überstehen,“ dachte Clara und überlegte schon, welcher Film wohl im Kino gezeigt würde. Den würde sie sich noch gönnen und hinterher ein leckeres Glas Weißwein. Egal, ob Gisela sich dazu überreden ließ oder nicht. Sie blickte zu Gisela hinüber, die ihr gegenüber saß. Doch was war das? Die Freundin schien sich sichtlich zu amüsieren und hatte rechts und links neben sich scheinbar neue Freunde gefunden, mit denen sie in den Pausen zwischen den einzelnen Fragen fleißig schnatterte. Das war ja wieder die alte lebenslustige Gisela, die sie von früher kannte. Gisela schien ganz und gar nicht genervt zu sein, hatte sichtlich Spaß, und Clara befürchtete schon entsetzt, dass sie Gisela beim nächsten Spiele-Nachmittag begleiten müsse. Ja klar, Gisela hatte hier alles: nette Gesellschaft, Beschäftigung und musste sich obendrein keine finanziellen Sorgen machen.
Clara sah schon kommen, dass sie Gisela an das „Haus Sonnenschein“ verloren hatten. Wie dem auch sei, sie jedenfalls, Clara Zimmermann, würde sich niemals mit dem Gedanken an das „Haus Sonnenschein“ anfreunden. Vielleicht, wenn es mal gar nicht mehr ginge, aber solange sie noch Herr ihrer Sinne und ihrer Kräfte war, würde sie jedes Alters- und Pflegeheim von innen meiden. Sie beschloss, sich statt des einen, zwei Gläser Weißwein zu gönnen.

Rollatoren und andere Hilfsmittel_ST07608
Es kam, wie Clara es erwartet hatte: Gisela war vor lauter Enthusiasmus nicht mehr zu bremsen. Sie hatte auch gleich von ihren neuen Freunden erzählt bekommen, dass das nächste Herbstfest für das kommende Wochenende geplant sei, und Clara und Gisela dazu herzlich eingeladen seien. Der Posaunenchor aus dem Nachbarort würde spielen, und die Kindergarten der evangelischen Kirchengemeinde würde seinerseits mit seinen Aufführungen alles geben, um die Herzen der älteren Bewohner zu erfreuen. Clara dachte mit Erschrecken daran, dass sie Gisela womöglich hierzu begleiten müsste. Doch noch etwas ganz anderes machte Clara Sorgen.

Was, wenn Gisela sich jetzt tatsächlich in dieses „Haus Sonnenschein“ vernarrt hatte und dort tatsächlich einziehen wollte?  Würde Giselas Grundsicherung denn überhaupt ausreichen, und das Sozialamt den Aufenthalt dort finanzieren? Was, wenn Gisela dort überhaupt nicht unterkam? Würde sie sich in einem günstigerem Heim ebenso wohlfühlen? Clara nahm sich vor, dies mit den Freundinnen zu besprechen und die Augen nach einer passenden Unterkunft für die Freundin aufzuhalten. Clara wurde missmutig, denn noch missmutiger dachte sie über ihre eigene Situation nach. Wie sollte es jetzt mit ihr weitergehen? Zu Hause erschien es ihr doch immer noch am Schönsten.

Und wenn sie sich zu Hause mit den nötigen Hilfsutensilien ausstattete, vielleicht könnte sie dann doch alleine in ihrem Häuschen bleiben, ohne fremde Hilfe und ganz bestimmt ohne die Hilfe ihrer Kinder? Gut, ein Rollator, gehörte ja heute schon zum Standard, aber die vielen Rollstuhlfahrer im „Haus Sonnenschein“ hatten ihr zu denken gegeben. Würden ihr eines Tages die Beine versagen, wäre schon alleine die Eingangstreppe zu ihrem Haus ein Problem. Dort könnte man vielleicht mit einer Rampe Abhilfe schaffen.

Aber auch in der Wohnung selbst müssten dann Veränderungen vorgenommen werden. Handläufe müssten angebracht werden, ein Treppenlift würde sichere Dienste leisten können und im Badezimmer könnte ein extra dafür bestimmter Hebekran hilfreiche Dienste leisten. Spitze Kanten und Ecken im Haushalt könnte man farblich hervorheben, um Unfälle zu vermeiden, natürlich müsste ein Notfall-Telefon her, ebenso ein Telefon mit extra großen Tasten. Der Gedanke an die Kosten für all diese Neuerungen (mit einigen Tausend Euro war bestimmt zu rechnen) ließ Clara allerdings erschauern, ebenso  wie die Vorstellung, welches Chaos die Handwerker an ihrem Haus anrichten würden. Allein diese Schweinerei wieder zu beheben, würde sie bestimmt um 10 Jahre altern lassen.

Clara wurde blass: und was wäre, wenn sie nicht nur gehbehindert wäre oder nur schlecht sehen könnte, sondern womöglich auch dement werden würde? Sich womöglich selbst und ihr kleines Häuschen in Brand stecken und abfackeln würde? Da würde ihr auch der Notfall-Alarm-Knopf nicht mehr helfen können. Aber in diesem Fall,  – eine rundherum 24-Std.-Betreuung würde sie sich sicherlich nicht leisten können. Clara saß immer noch bei ihrem zweiten Glas Wein und ihre Gedanken wurden immer trübsinniger. Gut, dass nicht mehr viel Zeit ins Land ging, und sich die Freundinnen wieder trafen. Gott sei Dank, sie hatte immer noch Freunde, mit denen sie sich besprechen konnte….

 

Clara und Gisela auf dem Sozialamt

CIMG3004 WegeWaren sie gestern noch von Euphorie getrieben, wollten sie doch eigentlich voller Tatendrang in den heutigen Tag starten… Angesichts der Tatsache, dass sie nun um Punkt neun Uhr morgens vor der Tür der Kreisbehörde standen, wurde ihnen doch etwas mulmig. Schließlich gehörte es ja nicht zu ihrem Alltag, den staatlichen Behörden einen Besuch abzustatten. Clara schätzte, dass sich ihre langjährige Freundin Brigitte dabei noch viel unwohler fühlte. Schließlich hatte die reiche Brigitte bestimmt keine Erfahrung darin, die staatlichen Behörden – geschweige denn das Sozialamt – um Rat zu fragen. Aber hier standen sie nun, an der Pforte der Kreisbehörde vor dem Hinweisschild, das mit einem Pfeil in die Richtung zeigte, wo das zuständige Sozialamt ansässig war.  Aber egal, ihr Unwohlbefinden hatten sie jetzt hier und an dieser Stelle zu überwinden, immerhin ging es hier um das Wohl der gemeinsamen Freundin Gisela. “Los, rein !”, feuerte erstaunlicherweise jetzt Brigitte die Freundin an. Beide gingen dem Richtungsschild nach, und das Gefühl, welches sie begleitete, wurde immer beklemmender. Immer mehr wurde beiden deutlich klar, dass es tatsächlich ältere Leute gab, die allein aus der Angst vor den Behörden den Gang zum Sozialamt scheuten. Sie waren hier, um für Gisela nachzufragen, aber wenn die Leute sich selber um ihre Belange kümmern müssten, da ist es doch schon verständlich, wenn so mancher den Weg schon alleine aus Scham und Angst vor Herabsetzung scheute.

Eigentlich dumm, dachte Clara, aber nun konnte sie es durchaus nachvollziehen. So verzichtete man lieber auf das, was einem doch eigentlich zustand, und was doch nur recht und billig war…So, wohin müssen wir jetzt?” Ah, die Zimmer waren nach den Buchstaben des Alphabets aufgeteilt. “Komm hier, wir fragen mal bei “H” an wie Hempelmann”.  Clara klopfte an die mit G – M gekennzeichnete Tür. Keine Antwort! Clara klopfte nochmal, wieder keine Antwort. Sie drückte die Klinke herunter. “Da is gar keiner!” “Komm, wir setzen uns erst mal”. Sie setzten sich und schauten in die Runde der anderen „Bittsteller“. So in Ruhe betrachtet, war es ihnen auch nicht wohler… Da saßen Frauen und Männer, die einem schon optisch einen Schrecken einflößten. Die Leute hier waren überwiegend mittleren Alters, einigen sah man an, dass sie Gebrechen hatten. Und hinten auf der anderen Seite des Ganges saß eine mindestens 10 Kopf starke Ausländerfamilie. Nach 45 Minuten kam endlich eine Dame, einen Stoß Akten auf dem Arm, und steuerte auf das Zimmer mit den Buchstaben “G – M” zu. Schnell sprang Clara auf und wollte die Dame lediglich fragen, ob sie die zuständige Sachbearbeiterin sei. Die Dame allerdings herrschte sie nur ruppig an, dass sie noch gar nicht an der Reihe sei. Clara sähe doch, dass sie beschäftigt sei, und sie habe einzutreten, wenn sie aufgerufen würde. Eingeschüchtert durch diesen rauen Ton, ließ sich Clara wieder auf dem Stuhl neben der Freundin nieder. Auch Brigitte schaute sichtlich verängstigt aus.

Nach weiteren 45 Minuten war es denn soweit: Clara und Brigitte durften eintreten.“So, um was geht´s?” bollerte die Sachbearbeiterin gleich los. Ein freundliches “Guten Tag” wäre nett gewesen. Clara hatte sich inzwischen wieder gefasst und fand diese schreckliche Person ihr gegenüber einfach nur unverschämt. Kurz schilderte sie die Situation, hatte sich aber überlegt, dass es sinnvoller sei, so zu tun, als sei sie selbst die Betroffene. Derweil betrachtete die Sachbearbeiterin ihre Fingernägel, und ihr Blick verriet, dass sie zur Zeit ganz und gar nicht mit diesen einverstanden war. Vielleicht war ja auch das der Grund für ihre Unfreundlichkeit. Jetzt hob sie zum Sprechen an: “Natürlich geht das nicht, dass sie sich hier selbst die Heime aussuchen. Oder denken Sie etwa, Leute können sich ihr Lebtag ´nen lauen Lenz machen, und wir zahlen dann die Luxusunterbringung? Überhaupt haben sie Kinder, denn sie sind  verpflichtet für ihren Lebensabend zu sorgen. Wir sind nur im äußersten Notfall zuständig. Sonst könnte da ja jeder kommen.” Clara versicherte, dass es keine Angehörigen gebe, und sie schon länger von der Grundsicherung lebe. “Ja, sehen sie, Grundsicherung, aber im Alter nochmal richtig absahnen wollen!”, antwortete diese impertinente Behördenperson. An dieser Stelle platzte Clara der Kragen. “Hören Sie mal gut zu, junge Frau”, giftete sie hire Gegenüber an, “wir erwarten keine Luxuswohnung, sondern wir wollten lediglich wissen, was in Deutschland einer alleinstehenden, verwitweten Frau zusteht, die ohne ihr eigenes Verschulden in Not geraten ist. Wenn Sie nicht im Stande sind, uns angemessen und korrekt zu beraten, ist das in meinen Augen lediglich ein Zeichen ihrer Inkompetenz.” “Komm, Brigitte, es gibt sicherlich noch andere Stellen, wo wir uns erkundigen können. Lass uns gehen!”Zwei Minuten später standen die beiden Freundinnen wutschnaubend auf der Straße und versuchten erst einmal, sich zu beruhigen. “Jetzt weißt du, warum so viele alte Leute Flaschen sammeln”, fasste sich Brigitte als erste wieder. Auch Clara beruhigte sich, galt es doch jetzt eine andere Stelle zu finden, die mit Rat und Tat Auskunft erteilen könnte. Und dazu brauchten die Damen schließlich einen kühlen Kopf!

Clara und Brigitte bei SoVD

Immer wütend über das unflätige Verhalten der Sachbearbeiterin auf dem Sozialamt, hatten Brigitte und Clara gemeinsam beratschlagt, wie sie denn nun weiter vorgehen sollten. „Es ist  klar, dass das Sozialamt sich zunächst an die Kinder hält. Das sehe ich auch ein, hier hat die Sachbearbeiterin vom Sozialamt eigentlich ganz recht, aber ob der Hans-Günther als kleiner Malergeselle sich das so einfach leisten kann?“ „Natürlich sollten die Kinder die Eltern unterstützen, aber wie du schon sagst, Hans-Günther wird das alleine nicht schaffen, hat doch selbst drei Kinder, die er ernähren muss.  Hans-Günther war der einzige Sohn von Gisela, und auch er hat schon Mühe, sich und seine Familie am Leben zu

Paul Crimi

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erhalten. „Weist du was, wir fahren jetzt zur SoVD, ich habe mir sagen lassen, dass man dort mit einer guten Beratung rechnen kann.“ Gesagt – getan! Keine halbe Stunde später betraten sie das Gebäude in der Viehmarnstrasse, in welchem auch die der Sozialverband Deutschland untergebracht war. „Hier ist es“, freute sich Clara und öffnete die Tür mit der passenden Aufschrift. Esempfing sie eine wesentlich freundlichere Atmosphäre als auf dem Sozialamt. Beide Damen gingen zur Rezeption, hinter der eine freundlich dreinblickende Dame gerade einen Aktenordner schloss. Diesmal war es Brigitte, die das Zepter in die Hand nahm. Kurz erklärte sie die Situation. „Hm“, antworte die Dame hinter der Rezeption, „ natürlich haben wir hier einige Rechtsanwälte und Rechtsbeistände, die Sie beraten können. Allerdings, sind Sie bereits Mitglied bei uns?“

„Es kostet nur 6 € im Monat, dann ist die Beratung kostenlos. Und sollten wir gerichtlich für Sie tätig werden, oder wenn Anträge gestellt werden müssen, kostet Sie das lediglich eine geringe Gebühr. Moment, ich gebe Ihnen erst einmal einen Prospekt.“ Clara und Brigitte entschieden sich, eine Mitgliedschaft bei der SoVD einzugehen und ließen sich auch gleich einen Aufnahmeantrag überreichen. Als sie das Formell des Antrags erledigt hatten, setzten sie sich in den Wartebereich und schauten sich gemeinsam den Prospekt an. „Das hört sich doch alles recht gut an“, meinte Clara.

https://www.sovd-nrw.de/

Nach einer kurzen Wartezeit führte man sie ins Zimmer ihrer Beraterin. Auch hier schilderten die beiden Freundinnen kurz ihr Anliegen und berichteten über  das unverschämte Verhalten der Sozialamtsangestellten. Ihr Gegenüber, eine freundliche Dame mittleren Alters lachte. „Das, was Sie da erlebt haben, ist aber eigentlich nicht die Regel. Meist bemühen sich die Angestellten dort um eine vernünftige Behandlung, haben sie es zumeist ja mit wirklich Bedürftigen zu tun. Aber z. Zt. – die Flüchtlingskrise –, man sei wohl auch dort leicht überfordert.“ Und weiter erklärte sie Clara und Brigitte, dass sie dann erst einmal die Zustände auf dem Job-Center kennenlernen müssten. Da ginge es manchmal schon hoch her. Die Angestellten täten ihr bestes, aber angesichts der Massen und des manchmal mehr als üblen Verhaltens ihrer Klienten, hätten auch diese manchmal die Nase gestrichen voll. „Aber die Dame hat Ihnen Blödsinn erzählt. Es ist richtig, dass zunächst einmal der Sohn angeschrieben wird, er hat dann seine Vermögensverhältnisse zu offenbaren. Aber da wird nichts bei herauskommen, denn wie ich Sie verstanden habe, bekommt Ihre Freundin ja eh schon Grundsicherung. Da sind die Verhältnisse der Kinder längst überprüft.“ Clara und Brigitte folgten aufmerksam den Ausführungen der sehr kompetenten Dame. Diese fuhr fort, in dem sie den beiden Freundinnen erklärte, dass es ferner kompletter Blödsinn sei, dass Gisela bei der Wahl einer Heimunterbringung kein Mitspracherecht habe. „Doch, das hat sie, das ist gesetzlich festgelegt. Natürlich darf es jetzt nicht das Teuerste vom Teuersten sein, muss also schon verhältnismäßig bleiben, aber die letzte Absteige muss sie auch nicht wählen.“ „Ich rate Ihnen, stellen Sie einfach einen Antrag beim zuständigen Sozialamt und lassen Sie den Dingen ihren Lauf. Sollten Sie einen ablehnenden Bescheid bekommen oder sollten sich sonst welche Probleme ergeben, besuchen Sie uns einfach wieder. Wir werden die Angelegenheit dann überprüfen und notfalls gerichtliche Schritte einleiten.“ „Das Beste ist nach wie vor der Schritt nach vorne, erst einmal probieren, meist gestaltet sich das dann unkomplizierter als erwartet“, endete die freundliche Dame. Sichtlich erleichtert und nun auch etwas ruhiger verabschiedeten sich Clara und Brigitte. Heute Nachmittag wollten sie gleich Gisela von ihren Erlebnissen berichten, und sie freuten sich, dass die Freundin sich nun nicht mehr so große Sorgen machen musste.

Text und Bilder:  Angela Antrop