Krähen am Himmel, über mir, krächzend, lärmend! Eine ganze Kolonie in der Dämmerung, auf dem Rückflug von Richters Kamp zu ihren Nestern in den Baumwipfeln. Ich rannte die Straße hinunter um die alte Frau Kötter zu besuchen. Sie kannte die Geschichten und Weisheiten aus der Gegend und ihr konnte ich jede Frage stellen: „Frau Kötter haben Sie auch die vielen Krähen auf Richters Kamp gesehen?“ „Jau, Margitken, Raoben un Kreien, dat bringt Unheil. Dann chibt`s Katastroufen“. Und sie erzählte mir eine eigene alte Krähen-Geschichte in ihrem Münsterländer Plattdeutsch: „Ick was onderweigens met een Fuder Heu opn Leiderwaagen, da was doch so’n grouten Swaarm Kreien to Richters Kamp an’t fleigen. Mit een Maol chingen de Pierdkes dör. Ick was chaa nich chefasst foor dat de Pierdkes lousrannten – und floch runner – holter di polter klabumm von’n Leiderwaagen. Jau, ick segg het noch een Maol: Raoben un Kreien, dat bringt Unheil.“ Die Krähen waren längst weitergezogen und ich hatte Frau Kötters Verheißung wieder vergessen. Das Unheil mich anscheinend nicht, denn in diesem Herbst wurde unsere Mutter nach der Geburt des neuen Brüderchens so schwer krank, dass sie auf unabsehbare Zeit in der Klinik bleiben musste.imag0132 Da unser Vater den Tag über arbeitete und die Verwandten in der nächsten Stadt wohnten, sah er für unsere Versorgung und Betreuung nur das Waisenhaus Sankt Anna, das von katholischen Marienschwestern geführt wurde. Noch bevor die Herbstferien zu Ende gingen brachte er meine jüngere Schwester und mich ins Waisenhaus. Schwester Mathilda empfing uns in schwarzem Habit und über der weißen Haube trug sie ein schwarzes Tuch, das wie Krähenflügel vom Kopf bis über die Schultern reichte. Nur ihr Gesicht blieb frei. Sie nahm uns mit auf den Mädchenflur, zeigte uns die beiden nebeneinander liegenden Zimmer, in denen wir von nun an in Etagenbetten schlafen würden.

Freitag

Gleich am ersten Abend lernte ich ein Mädchen kennen, das sie Schnülle nannten. Mit ihr und vier weiteren Mädchen würde ich den Schlafraum teilen. Vor dem Schlafengehen tobten die Mädchen in Nachthemden durch das Zimmer, Pantoffeln flogen hin und her; sie schlitterten auf Strümpfen über die Steinfliesen. Schnülle beteiligte sich nicht an der Toberei. Sie war schon in ihr Bett gekrochen und hatte sich die Bettdecke über den Kopf gezogen. Und ich saß auf meinem unteren Etagenbett nah bei der Tür, sah den anderen zu und fühlte mich fremd. Aber eine Sache war mir schnell klar geworden: sie riefen Schnülle nicht bei ihrem richtigen Namen, was eigentlich auch nicht verwunderlich war, denn ihr Gesicht war immer irgendwie feucht, entweder wegen der ständigen Heulerei oder wegen des Schnotts, der ihr aus der Nase lief. Urplötzlich fingen die Mädchen an, Schnülle an den Haaren zu zupfen und zu knuffen, um sie aus dem Bett zu locken und mitzumachen. Ihr Leben war wahrhaftig nicht einfach, denn in Wahrheit redeten die Mädchen nicht mit ihr, sondern nur über sie. Sie konnten es nicht lassen gehässig zu sein und zu behaupten: „Schnülle ist dumm, hässlich, hat Sommersprossen und trägt eine Brille mit dicken Gläsern, weil sie sonst auch noch fast blind wäre. Außerdem stinkt sie ewig nach Pipi, weil sie – stell dir das mal vor – mit neun Jahren noch ins Bett macht!“ Aber irgendwann hatten sie Schnülle schließlich doch soweit, dass sie bei der Toberei mitmachte. Das nutzten die Mädchen um mir die Gummiunterlage zu zeigen, auf der Schnülle schlafen musste. „Mit der kann man nicht spielen, nicht reden und auch sonst nichts, das glaubst du doch wohl, Margit. Und wenn du mit ihr sprichst, bist du bei uns unten durch. Kein Mensch will über, aber erst recht nicht unter ihr schlafen. Außerdem heult sie andauernd.“ In dem Augenblick kam Schwester Mathilda herein: „Was soll das!? Lasst sie in Ruhe! Ihr wisst doch, dass es ihr nicht gut geht. Schluss jetzt.“Nach dem Nachtgebet war Ruhe und alle schliefen mehr oder weniger schnell ein. Und Schnülle? Während ich langsam wegdämmerte hörte ich, wie sie sich in den Schlaf schluchzte.Tagsüber konnte Schnülle das Leben einigermaßen ertragen,  aber je näher die Schlafenszeit rückte, umso heftiger musste sie schluchzen und weinen, weil niemand auf ihrer Seite war. Niemand? Nun, ich hatte mir die Sache ein paar Tage lang angesehen und schließlich eine Entscheidung getroffen: ‚Auch wenn ich dann nicht zu den anderen gehöre, werde ich freundlich und nett zu Schnülle sein.` An einem der nächsten Abende zur Schlafenszeit tobten die Anderen wieder einmal durch den Schlafraum. Da kam mir eine Idee: „Kann ich mal deine Brille aufsetzen?“, fragte ich Schnülle so laut, dass jedes der Mädchen es hören musste. Sofort wurde es mucksmäuschenstill. Alle blickten gespannt zwischen uns hin und her. Schnülle trug eine Brille mit biegsamen Metallbügeln und runden, dicken Gläsern. Sie schaute mich ungläubig mit riesengroßen Augen an; dabei wirkten die Brillengläser wie Vergrößerungsgläser. Mit meinem Ansinnen muss ich sie wohl dermaßen überrumpelt haben, dass sie die Brille anstandslos abnahm und mir übergab. Ich setzte die Brille umständlich auf und von jetzt auf gleich veränderte sich meine Welt. Ich ging auf den weiß-schwarzen Steinfliesen des Schlafraumes bergab, hatte das Gefühl zu schwanken und immer weiter abwärts zu gehen. Um mich herum begann alles zu verschwimmen und es wurde mir richtiggehend übel. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man die Welt so sehen kann. Schnell setzte ich die Brille wieder ab und war nun fest davon überzeugt: ‚Ganz sicher habe ich Schnülle geholfen; habe die Welt aus ihrer Sicht kennen gelernt.’ Sofort wollten auch die anderen Mädchen unbedingt die verpönte Brille aufprobieren. Mit ihrer seltsam besonderen Brille war Schnülle mit einem Mal in den Mittelpunkt gerückt. Aber diesmal auf eine veränderte, einnehmende Art und Weise.  Es wurde zunehmend besser für sie. ‚Vielleicht rufen die Mädchen sie sogar bald bei ihrem Namen: Maria’.

Samstag

Vierzehn Tage Aufenthalt im Waisenhaus waren überstanden und alles deutete auf einen endlos einsamen Samstag hin. Nicht so für mich. Ich stand unmittelbar nach dem Frühstück in der großen Eingangshalle. „Heute kommt Papi und holt uns zu einer Fahrt nach Münster zum Aasee ab. Er hat es versprochen“, hatte ich meiner Schwester beim Frühstück gesagt. Das war natürlich übertrieben, denn von einer längeren Autofahrt nach Münster war nie die Rede gewesen. Doch ich wünschte mir das so sehr, dass es in meiner Vorstellung zur unerschütterlichen Wirklichkeit wurde. Ich wartete bis zum Mittagessen. Kein Papi in Sicht. Danach stand ich wieder da, wollte ihn auf keinen Fall verpassen. Immer die Eingangstür im Blick ging ich von Zeit zu Zeit die wenigen Schritte zu dem in der Wand zum Aufenthaltsraum eingebauten Aquarium. Da wurde ich stumm wie ein Fisch und tauchte ein in die stille, künstliche Unterwasserwelt wo die Guppys, Black Mollys und Neonfische den Sand des Aquariumsbodens aufwirbelten, zwischen den Wasserpflanzen und kleinen Steinhöhlen umherschwammen. ‚Warum kommt Papi nicht und holt uns ab, wie er es versprochen hat?’ Ich wartete den ganzen Tag und blieb am Abend fassungslos. Heute hatte ich verstanden, was es heißt einsam und verlassen zu sein. Das Band der Geborgenheit in der Familie war zerrissen und an diesem Abend erklärte ich meinen Vater radikal für tot. Still geworden grübelte ich darüber nach, was der Grund dafür sein konnte, dass unser Vater nicht zu Besuch  kam. Und ich fand keine Antwort.

Sonntag

Am Sonntag darauf rechnete ich von vornherein nicht damit, dass überhaupt jemand zu Besuch kam. Ich stand neben Monika am Rande des Waisenhaus-Fußballplatzes und schaute den Jungen beim Spiel zu. „Guck mal Margit, da ist Vinzenz ja wieder. Der war jetzt länger im Krankenhaus.“ „Warum denn?“, ich hatte ihn ja bereits entdeckt und mich auf den ersten Blick verliebt. Nach einer Weile platzte Monika heraus: „Soll ich dir mal was verraten?“ „Ja klar, mach!“, „Der Vinzenz, der war schon zweimal scheintot.“ ‚Tatsächlich! Bildete ich mir das ein? War er irgendwie wächsern blass, oder nur hellhäutig, weil er blond war?’ Jedenfalls, war ich furchtbar erschrocken: „Wer sagt das?“ „Haben die anderen erzählt.“ Die Jungen beendeten das Fußballspiel; da wollte ich es unbedingt genauer wissen. Ich nahm allen Mut zusammen und steuerte auf Vinzenz zu. Der fragte gut gelaunt: „Hi, bist du neu hier? Wie heißt du denn?“ „Margit. Kann ich dich mal was fragen?“ „Ja klar, schieß los.“ „Wie ist denn das, wenn man scheintot ist?“ Natürlich erschauerte ich im Innersten ziemlich bei der Frage. Was, wenn er sich abwandte und einfach nicht antwortete? Doch Vinzenz erklärte bereitwillig: „Na ja, das ist überhaupt nichts Besonderes, scheintot zu sein. Man fällt einfach in Ohnmacht, und dann merkt man sowieso nichts mehr.“ Und wie wäre es, wenn er mehr als drei Tage scheintot wäre und in einem geschlossenen Sarg aufwacht? Bestimmt stirbt er dann vor lauter Angst und Schreck’, überlegte ich und sah Vinzenz entsetzt an. Hatte ich mir doch zusammen mit einigen Kindern aus dem Waisenhaus noch am Vormittag nach der Messe die Toten in der an die Kirche angrenzenden Leichenhalle angesehen. Den Geruch von Schnittblumen und frischem Sargholz hatte ich noch in der Nase. Besonders die Schnittblumen verstärkten und verströmten ihren Duft und blühten noch einmal verzweifelt auf, bevor sie verwelkten. ‚Vielleicht hat Vinzenz auch den Geruch nach Blumen und Holz an sich.’ Ich schaute ihn deshalb aus sicherer Entfernung ehrfürchtig ob seiner besonderen Erfahrung an. Eine große Faszination ging von Vinzenz aus. Die Jungen um ihn herum behaupteten: „Beim dritten Mal scheintot dann stirbt man endgültig.“ Da blieb mir nur übrig inständig zu beten und zu hoffen, dass das nicht mit Vinzenz geschehen würde.

Montag

Montags roch es im Waisenhaus wieder nach Alltag, nach Kommissbrot mit Sanella zum Frühstück und Linsen-, Graupen- oder Erbseneintopf zum Mittag. Die Schule war aus, und ich ging hungrig in den Speisesaal im Erdgeschoss, nahm mir einen Suppenteller, einen Esslöffel und ging hinüber zur Essensausgabe, wo Schwester Margarete durch eine Durchreiche zur Küche die Erbsensuppe mit einer großen Schöpfkelle austeilte. Ich setzte mich an einen der Mädchentische und wollte sofort mit dem Essen anfangen. Da hörte ich vom Hausflur her ein Kind schreien. So durchdringend hatte ich noch nie zuvor jemand schreien gehört. Das Kind schrie, tobte, war außer sich und ließ sich, so hörte es sich an, durch nichts und niemand beruhigen. In dem Moment kam Karin aus der Schule in den Speiseraum zum Essen. Kaum war sie am Tisch fragte ich: „Karin, hast du eine Ahnung, wer da so grauenhaft schreit?“ Sie hielt inne, lauschte kurz: „Ja, das ist Marie-Luise. Sie hat schon einmal drei Tage und drei Nächte lang ohne Pause geschrien und getobt. Hört sich so an, als ob Schwester Mathilda bald wieder die Nerven verliert.“ Meine Kehle war wie zugeschnürt; ich konnte kaum den ersten Löffel Erbensuppe herunterkriegen: „Oh, da geht es Marie-Luise sicher sehr schlecht, wenn sie gar nicht aufhören kann zu schreien und zu toben. Dann kommt sie heute wohl nicht zum Essen.“ „Mmh, ist anzunehmen“, bestätigte Karin  und setzte sich. „Hast du das schon öfter mitgekriegt?“ „Ja, kann man so sagen. Wahrscheinlich war Marie-Luise am Wochenende wieder bei ihrer Mutter zu Hause. Aber ihre Mutter hat sie ins Heim zurückgebracht. Soweit ich weiß hat Marie-Luises Mutter wieder geheiratet, und der neue Mann will sie nicht. Das kann und kann Marie-Luise nicht glauben, dass ihre Mutter sie nicht bei sich behalten will. Da ist sie einfach nicht zu beruhigen.“Ich konnte hören, wie Schwester Mathilda mit Marie-Luise schimpfte und ihr drohte: „Wenn du danach immer so schreist und so ein Theater machst, kann ich dir nicht mehr erlauben übers Wochenende nach Hause zu gehen!“ Doch Marie-Luise gab nicht auf. Sie hoffte unentwegt, dass ihre Mutter sie eines Tages zu sich nehmen würde. Sie erzählte es mir, denn sie ging mit mir in dieselbe Schulklasse. Sie erzählte es den anderen Kindern und immer wieder sich selber. Marie-Luise war etwas rundlich und ganz lieb. Sie hatte dicke, schwarze Zöpfe, ein rundes Gesicht, und blieb für lange Zeit ein Kind aus dem Waisenhaus.

Dienstag

Eines Tages dann, nach Ewigkeiten, um genau zu sein ein halbes Jahr später war es soweit: Wir wurden aus dem Waisenhaus abgeholt. Unsere Mutter war aus der Klinik entlassen worden, und das Leben sollte nun wie vorher weitergehen. Allerdings, die alten Spielkameraden, mit denen ich auf der Straße Rollschuh gelaufen war und Kunstradfahren geübt hatte, die waren fremd geworden. Meine Welt hatte sich vollkommen verändert: ‚Niemand klingelt wie früher an unserer Haustür und holt mich zum Spielen ab. Kennen sie mich vielleicht gar nicht mehr? Oder haben sie mich vergessen?‘ Ich dachte, warten hilft vielleicht, wenn sich erst einmal herumgesprochen hat, dass ich wieder zuhause bin. Aber ich wartete vergebens.‚Wenn ich nun doch noch einmal ins Waisenhaus zurückgehe? Vielleicht treffe ich Marlene und wir könnten Freundinnen werden. Sicher geht es ihr auch nicht so gut.` An diese Idee klammerte ich mich, denn Marlene war kurz vor meinem Weggang dort eingetroffen. Sie war elf Jahre alt, hatte ein spitzes, kleines Gesicht und dünne blonde Locken, die sie mit einem Haarband aus dem Gesicht hielt. Und sie trug, wie alle Mädchen im Waisenhaus die unvermeidliche blassblaue Kittelschürze. Also zog ich am nächsten Tag die braunen, kratzigen, langen Wollstrümpfe an, befestigte sie am Leibchen mit Knöpfen und Gummistrumpfbändern, darüber meinen grau-weiß-karierten Faltenrock und trug die von Schumacher Osterhoff hellbraun gefärbten Halbschuhe dazu und machte mich auf den Weg. Ausnahmsweise lief ich über den Friedhof, der genau zwischen meinem Zuhause und dem Waisenhaus lag und den ich seit einiger Zeit äußerst ungern betrat. Seitdem ich zu Ostern frierend an der Prozession um den Kreuzweg Jesu teilgenommen hatte konnte ich den Geruch der Vergänglichkeit, des verrottenden Tannengrüns, der verwelkten Blumen und der aufgeworfenen Erde für die Gräber nicht mehr ertragen. Ich wusste genau, wie lange die Schulkinder im Waisenhaus bei den Hausaufgaben saßen. Darum kam ich erst nach Vier Uhr nachmittags an.  Marlene kam zu mir auf den Hof des Waisenhauses hinaus, weil es keinen anderen Ort für ein Treffen gegeben hätte. Sie blieb schweigsam und abweisend. Hatte ich mich umsonst überwunden, über den Friedhof zu laufen? Ich fing sofort an, Marlene alle möglichen Spielangebote zu machen: „Ich könnte dir Zöpfe flechten, oder wir machen ein Hüpfspiel. Hast du vielleicht Lust zum Seilspringen? Ich habe extra eins dabei, oder wollen wir knickern.“ Das Beutelchen mit den wertvollen Glasperlen trug ich stets bei mir. Da es gerade in Mode war, Witze zu erzählen, versuchte ich es damit, um Marlene irgendwie aus der Reserve zu locken. Vergebene Liebesmüh. Marlene schien sich darauf besonnen zu haben, dass ich ja wohl auf keinen Fall mehr zu den Heimkindern gehörte. Sie sprach kein Wort, stand nur da und sah mich mit den traurigsten Augen der Welt an. Dieses Stummsein, dieses absolute Schweigen, kam mir doch sehr bekannt vor, von mir selber aber auch von vielen der anderen Kinder aus dem Waisenhaus.  Deshalb gab ich auch noch nicht so leicht auf und redete wieder und wieder auf Marlene ein. Plötzlich entdeckte ich an einem meiner dicken braunen Strümpfe eine beginnende Laufmasche. Ich zog und zog daran, bis ein großes Loch entstand, ja bis der Strumpf beinah selbst aus einem großen Loch bestand. „Guck mal her, Marlene, jetzt siehst du doch, dass ich nichts Besonderes bin.“ Aber die Unterhaltung war und blieb einseitig und zäh: „Willst du vielleicht mal zu uns nach hause kommen?“ In dem verzweifelten Versuch, Marlene doch noch zu der Erkenntnis zu bewegen, dass ich ebenso einsam und arm dran war wie sie selber und sogar gestopfte Strümpfe tragen würde,  zeigte ich ihr das Loch im Strumpf. ‚Das muss sie doch jetzt begreifen’, dachte ich. Irgendwie war ich mit meinem Latein am Ende. Ich hatte alles versucht, was mir so einfiel. Marlene ließ sich nicht täuschen. Sie wusste: Ich würde ganz gewiss am nächsten Tag neue Strümpfe tragen und die durchlöcherten würden weggeworfen. Sie war und blieb traurig und abweisend. Ich musste einsehen, dass es nicht  leicht war, eine neue Freundschaft zu schließen. „Mach’s gut“, verabschiedete ich mich enttäuscht: „Ich hätte heute gerne mit dir gespielt. Ihr dürft ja nicht so einfach weg aus dem Heim, aber ich kann dich ja jederzeit besuchen. Melde dich, wenn du es dir überlegt hast. Wäre schön.“

 

Brigitte Lohan . 2016