Brigitte Lohan. Oktober 2017

Marguerites Schatz - Seidengewinnung in den Cevennen.

Es war vor 150 Jahren in dem kleinen Dorf Saint Jean de Buèges in den Cevennen, als bei Sonnenaufgang Marguerites Freundin Celine die feine nach unten gerichtete metallene Damenhand betätigte und an die Tür des alten Natursteinhauses in der Rue de la Gloriette klopfte. Marguerite hatte ihr Bol mit Café au lait getrunken und ein Stück Baguette mit Butter eingepackt. Begrüßungs-Bisous - links, rechts, links, Küsschen auf die Wangen. “Ich bin gespannt, wie es heute wird und ob alles gut läuft”, sagte Marguerite, wiewohl sie aus der Erfahrung der beiden vergangenen Jahre wusste, dass ihnen heute ein langer Tag und arge Schmerzen bevorstanden. “Ja, hoffentlich halte ich es diesmal aus. Letztes Mal bin ich ja fast ohnmächtig geworden, so weh hat`s getan. Aber vielleicht hat der Patron diesmal dafür gesorgt, dass wir zwischendurch unsere Hände abkühlen können”, meinte Celine nervös. Sie liefen den Weg neben dem Flussbett entlang und schlossen sich an die Reihe der Seidenmädchen vor Michels Filature. Ein 14 Stunden-Arbeitstag lag vor den Mädchen mit den zarten Händen, denn heute war der wichtige Tag - der Tag an dem die Seide ihren Anfang nahm - nach 6 Wochen intensiver “Aufzucht” der Seidenraupen.

Nachdem die Raupeneier bei kühlen 6 Grad Celsius überwintert hatten, mussten sie auf eine Temperatur von 23 Grad Celsius gebracht und bis zum Schlüpfen der schwarzbehaarten Raupen zwei Wochen lang von den Seidenmädchen in feinen sauberen Baumwollsäckchen unter den langen Röcken getragen werden. Während der Nächte lagerten die Raupeneier-Säckchen am Fußende in den warmen Betten der Mädchen. Als dann die große Zahl der hässlichen Raupen geschlüpft war, hatte Marguerite nichts anderes getan, als sie in der Mangnanerie (Mangnan = Name für die Seidenraupe) auf der oberen Etage ihres Elternhauses zu versorgen, sie ausschließlich mit den frisch gepflückten, klein geschnittenen Blättern der weißen Maulbeerbäume, die ihre ersten zarten Blätter bekommen hatten, ernährt und zugeschaut, wie sie immer fetter wurden, sich viermal während ihres Wachstums häuteten. Marguerite hatte soviel Arbeit damit, auf eine konstante Raumtemperatur zu achten, die Schubkästen, auf denen die Raupen so schnell wuchsen, täglich gründlich zu reinigen, denn sie waren so empfindlich und anfällig für tödliche Krankheiten. Die fetten weißen Raupen mit den ekeligen Füßen hatten sich endlich nach 6 Wochen des Wachsens in wundervoll helle Kokons eingesponnen.

Schon seitdem sie 12 war und ihre Eltern die Mangnanerie im Haus eingerichtet hatten fragte sie sich immer wieder, ob Seidenherstellung mit soviel Aufwand auch in China betrieben wurde, denn aus China waren die ersten Seidenraupeneier in ihr Dorf gekommen. Henri IV, der französische König aus Navarra, hatte eine Million Maulbeerbäume im Land pflanzen lassen, um die Armut seiner Untertanen durch die Seidenproduktion zu lindern. Auch den Dorfbewohnern von Saint Jean de Buèges ging es damals nicht sehr gut. Anfangs war die Seidenraupenzucht als Zwischenverdienst von den Bauern und Dorfbewohnern genutzt worden, im Frühjahr für die Zeit zwiwschen Anfang April und Mitte Juni, bevor sie auf ihre Felder konnten. Aber bald hatte fast jedes Haus im Dorf eine Mangnanerie. Und eines Tages wurde die Seidenraupenzucht sogar die Haupteinnahmequelle des Dorfes, weil die Kastanienernten ausblieben, da die Bäume von einer zerstörenden Krankheit befallen waren.

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Heute war also in dem großen Kellergewölbe unterhalb der Filature das Feuer angefacht worden, damit auf der ersten Etage das saubere Wasser auf 95 Grad erhitzt in Metallschalen gefüllt darauf wartete, dass die Mädchen nacheinander vorbei defilierten und die Kokons hineinfädelten. Genau nach 15 Minuten waren die in den Kokons herangewachsenen Puppen abgetötet und der Klebstoff, der den Kokons Festigkeit gegeben hatte, aufgelöst. Da nahmen die Mädchen die kleinen Besen aus Heidekraut und angelten die Kokons aus dem Wasser, warfen sie in saubere Schalen darüber, und begannen gleich damit, die Fixationsfäden abzuwickeln bis sie zum Beginn des durchgehenden unendlich zarten, kaum sichtbaren Fadens gelangten. Es erforderte mindesten sieben Kokons, um einen erkennbaren, gleichzeitig äußerst haltbaren Seidenfaden von bis zu 1500 Metern abzuwickeln. Beim Herausholen der Kokons aus dem heißen Wasser hatten sich die Mädchen ihre Finger verbrüht und Schmerzenstränen standen in ihren Augen. Als Marguerite nach 14 Stunden feinster, kontrollierter Arbeit nach hause kam, war sie totmüde, konnte kaum die Schale mit der Nachtsuppe festhalten und rieb vor dem Schlafengehen die verbrühten Hände mit Olivenöl ein, zog Baumwollhandschuhe darüber und versuchte trotz großer Schmerzen in der darauffolgenden Nacht zu schlafen, weinte sich in den Schlaf und hoffte, dass es ihr morgen besser gehen würde.

Die nächste Zeit war geprägt vom Spinnen und Haspeln der Seidenfäden mit den zarten Fingern der besonderen Seiden-Mädchen.  Schließlich wurden die aufgespulten Seidenfäden von dem klebrigen Leim befreit. Danach wog die gewonnene und gesponnene Seide 1/3 weniger. Aber das Resultat war weich und glänzend, Seide, die nach Saint Hippolyte du Fort und nach Lyon an die Seidenwebereien verkauft werden konnte. Die Spulen waren sorgfältig in Baumwolltücher eingewickelt und luftdicht in Holzkisten verpackt worden. Da kam aus Saint Hippolyte du Fort Julien mit seinem Pferdewagen angefahren, um die wertvolle Fracht abzuholen. Am Vormittag musste er seinen Rappen zum Dorfschmied für neue Hufeisen bringen, und vertrieb sich die Zeit auf dem Pont des Platanes. Abends würden hier die Musikanten aufspielen und dann könnte er sie treffen: Marguerite. Ihre graziöse Erscheinung hatte er vom anderen Ende der Straße  erkannt. Tatsächlich überquerte Marguerite die kleine Brücke und er grüßte sie. Sie nickte ihm zu, und da wusste er, dass er sie ansprechen durfte: “Marguerite, ich möchte dich so gern heute abend zum Tanz einladen, bevor ich zurückfahre.” Mit großen dunklen Augen sah sie ihn an und antwortete: “Ich werde heute Nachmittag am magischen Ort sein. Dann sage ich dir ob ich mit dir zum Tanz gehe.” “Und wo finde ich diesen magischen Ort?” “Bei der Quelle der Buèges vor Pégairolle.” Marguerite wanderte über Stock und Stein den verschlungenen Pfad am Fluss entlang zur Quelle der Buèges, dem magischen Ort für alle Verliebten. Hier trafen sie sich und schworen sich ewige Liebe. Ein einzigartiger Zauber ging von diesem Ort aus.

Aus einem großen Mooskissen, im Frühling übersät mit gelben Sternblumen, sprudelte reines, klares Quellwasser hervor, sammelte sich in einem Teich, auf dessen Grund es durch den Phosphatgehalt türkisfarben heraufglitzerte. Von hier aus schlängelte sich der kleine Fluss in Richtung Saint Jean, brachte Bachforellen, Stichlinge und kleine, grüne Wasserschlangen mit.

Eng umschlungen saßen die beiden Verliebten auf einem der Steinblöcke, die außen um die Quelle lagen und schauten auf den türkisfarbenen Grund des Teiches. Julien versprach seiner Liebsten ein seidenes Hochzeitskleid. Bevor er am nächsten Morgen mit der wertvollen Fracht nach Saint Hippolyte zurückfahren würde, hatte Marguerites Vater ihn noch zum Abendessen in sein Haus eingeladen. Er war einverstanden mit der Heirat, jedoch nicht bevor Marguerite 18 war. 

Da nahm Julien sich vor, von jeder Lieferung 10 Spulen  feinster Seide zu stehlen, um ein Hochzeitskleid weben zu lassen. Vier Jahre später, als Marguerite endlich 18 war, war das seidene Hochzeitskleid fertig - gelbgold mit zarten Fliedersträuschen bedruckt. Wie waren sie glücklich! Das ganze Dorf feierte mit ihnen. Bis auf einen: den Gendarmen. Der hatte anderes zu tun. Er musste den Seidendieb Julien am Ende des Tages festnehmen. Dem half es nichts zu beteuern, er sei auf der Fahrt nach Saint Hippolyte mehrmals überfallen worden und man habe die komplette Ladung gestohlen. “Woher”, wollte der Gendarm wissen: “Woher kann sich denn ein Mädchen wie Marguerite ein Brautkleid aus Seide leisten?” Immer wieder hatte Julien versucht, den Diebstahl abzustreiten. Doch nach einer Woche in der Arrestzelle bei Wasser und Brot hatte man ihn soweit, er gab den Diebstahl zu. Julien, der aus Liebe zum Dieb geworden war, wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, bis er endlich zu seiner jungen Frau nach Hause kam.  

Marguerites Mutter aber hatte das wertvolle seidene Hochzeitskleid schnell verschwinden lassen, es in eine reich verzierte Holztruhe gelegt und sorgfältig weggeschlossen. Seither hat es drei junge Bräute geschmückt und wartet aufgerollt und gut gelagert auf die nächste Hochzeit. Eine Tradition, die sich im Dorf seit dieser Zeit hält, die den Seidenmädchen die Hoffnung geben konnte, wie die Reichen und Schönen Seide zur Hochzeit zu tragen. Marguerites Schatz für 1.000 Jahre von unermesslichem Wert.”