Premiere im Stadttheater Bielefeld

Medee_07 (2)Medea und die um sie rankende Antiksage stehen für das Gefühl Rache – ein Thema, das geschaffen ist für den Stoff einer tragischen Oper. Medea wird von Jason verlassen, der die Tochter des Königs Kreon heiraten will. Die Verlassene wird zu einer Ausgestoßenen in einer ihr fremden Gesellschaft. Als Jason auch noch die gemeinsamen Kinder von ihr fordert, schlägt ihre Liebe in Hass um.   Cherubinis hochdramatische Oper, die durch die psychologische Behandlung der Figuren schon auf das 19. Jahrhundert hinweist (er verwendet Erinnerungsmotive wie später Wagner), wurde von Brahms als Meisterwerk bewertet. Anfang des 20. Jahrhunderts geriet „Medea“ in Vergessenheit. Opernkundige verbinden die Cherubini-Medea mit Maria Callas, die in den 50er Jahren dieser Rolle eine prägende Gestalt gab und damit diese Oper wiederbelebte.

Die Bielefelder „Medea“ zeigt sich anders als vor 60 Jahren. Erinnerungen an Belcanto-Traditionen kommen hier nicht auf, eine zeitlose Erhöhung von dramatischen Gefühlen findet nicht statt. Die Geschichte spielt im 21. Jahrhundert in unserem gesellschaftlichen Alltag mit Eigenheim, chicem Auto, Nachbarschaft, Schule, digitaler Vernetzung und den darin agierenden ambivalenten Menschen. Die Gefühle sind trotzdem oder gerade deshalb ganz nah und kongruent mit der Musik. Die Solistinnen und Solisten und das Orchester schaffen eine beindruckende spannungsvolle Atmosphäre und zeigen die dramatischen Entwicklungen der Gefühlswelt der Hauptpersonen.

Die engagierte Arbeit Elisa Gogous (musikalische Leitung) setzt Akzente durch die Verstärkung der dunklen Register (3 Kontrabässe, 4 Celli) und die gute Verbindung zwischen Orchester und den Sängern und Sängerinnen Die Niederländerin Annemarie Kremer überzeugt beeindruckend in der musikalisch schwierigen Rolle der Medea. Das allein lohnt den Besuch dieser Inszenierung. Überzeugend agieren ebenso die übrigen Solisten und Solistinnen, voran Paul O’Neill (Jason) und Evgueniy Alexiev (Kreon). Dass der Chor als Nachbarschaft/Gesellschaft in der Entwicklung der Dramatik eine wichtige Rolle spielt, wird durch Gesang und Schauspiel überzeugend transportiert (Einstudierung Hanke Enke).

Im Original-Libretto treten die Kinder Medeas und Jasons lediglich in der 3. Szene auf, Florian Lutz (Inszenierung) gibt ihnen in Bielefeld einen größeren Stellenwert. Per Videobotschaft melden sich die beiden Kinder zu Wort, nicht mit eigenen Worten, sondern mit Zitaten aus soziologischen Werken unseres Jahrhunderts. Was zunächst aus Kindermund verblüfft, erweist sich im Folgenden als störend und oberflächlich und reißt das Publikum aus der Spannung völlig heraus. Die Erkenntnisse aus Gesellschaftswissenschaften bezüglich von Ohnmacht und Entfremdung des Individuums in der Gesellschaft sind gute Erklärungstheorien. Aber will ich eine Oper erleben, die ein Lehrstück mit Musik wird? Da haben Brecht und Weill schon ansprechendere Ideen gehabt. Wie wäre es mit der Erkenntnis, dass das Publikum ein Recht auf Kopftheater hat und aus Andeutungen des Regisseurs eigene Schlussfolgerungen ziehen kann? Die Bravo- und Buh-Rufe am Ende der Aufführung zeigen Zustimmung, lassen aber auch Fragen offen.
Karin Kleyer