Herausragende Tosca-Aufführung – Soojin Moon und Sebastian Bauer feiern mit Puccinis „Tosca“ Triumph

Die Tosca-Premiere am 22.02.2014 im Stadttheater Bielefeld war schon etliche Tage vorher ausverkauft. Im Zuschauerraum spürte man am Premierenabend eine vibrierende Vorfreude auf die bevorstehende Aufführung. Tosca_01Obwohl „Tosca“ zu den meist gespielten Puccini-Opern gehört, stand sie in Bielefeld seit 20 Jahren nicht mehr auf dem Programm: ein besonderer Abend! Die Sängerin Floria Tosca (Soojin Moon, Sopran) und den Maler Mario Cavaradossi (Paul O`Neill, Tenor) verbinden die Kunst, die Liebe und auch die Freiheit als persönliche Herausforderung in einem korrupten politischen System, das durch den Polizeichef Scarpia (Evgueniy Alexiev, Bariton) und seine Schergen präsentiert wird. Hintergrund ist der Konflikt zwischen Frankreich und Russland/Österreich am Ende des 18. Jahrhundert, bei dem es auch um die Macht im Kirchenstaat ging. 1799 marschierte die napoleonische Armee in Rom ein. Es folgten Racheakte an Vertretern der ehemaligen Republik. In dieser politisch unruhigen Zeit  sind Ort und Handlung der Oper angesiedelt (17./18. Juni 1800 in Rom).       Die Oper trägt veristische Züge, ohne dahin zu avancieren. Da setzt Regisseur Sebastian Bauer an. Die Inszenierung überhöht zum einen die Historie, das Verhalten der Protagonisten könnte auch in Umbruchphasen des 21. Jahrhunderts stattfinden. Darüber hinaus, und das scheint wesentlich zu sein, wird nicht Verhalten dargestellt, sondern die jeweilige eigene innere Haltung. Bauer gelingt das in Zusammenarbeit mit Michael Graessner (Bühne) und Kathi Maurer (Kostüme). Das radikal reduzierte Ambiente lässt den Fokus auf die Personen werfen, die ihr Inneres durch symbolische Gesten und verlangsamte Bewegungen im Raum nach außen bringen. Jede Figur wird durch eine bestimmte Geste charakterisiert. So wischt sich Tosca beispielsweise die (zunächst noch nicht blutschmutzigen) Hände schon im 1. Akt an ihren Beinen ab, als Zeichen für Schuld oder auch Aufbruch. Die ZuschauerInnen werden gezwungen genau hinzuschauen und hinzuhören. Gerade das Weniger und das Verlangsamte intensiviert die Szene. Musik und Bühnengeschehen verdeutlichen jeweils eigenständig die Tragödie um Liebe, Eifersucht Triebhaftigkeit und Politik, die am Ende für alle drei Hauptprotagonisten tödlich endet.

Die Bielefelder Philharmoniker unter Alexander Kalajdzic brillierten dabei mit transparenter Spielweise, gleichzeitig packend, die Zuhörenden in den Bann schlagend. Sojin Moon als Tosca war an diesem Abend eine Offenbarung. Ausdrucksstark, präsent und unter die Haut gehend füllte sie die Rolle der Tosca in jedem Augenblick aus. Evgueniy Alexiev verkörperte die Gefahr, die  Vertreter einer diktatorischen Macht ausströmen, sehr glaubwürdig durch seinen vollen, differenzierenden Bariton und seine überzeugende szenische Präsenz. Als Cavaradossi überzeugte auch Paul O’Neill  mit seinem klaren, auch in den Höhen tonsicheren Tenor.

Am Ende scheitern Puccinis Protagonisten trotz ihrer Bemühungen, ihr Ziel zu erreichen. Stefan Bauer zitiert dazu in seinen ersten Gedankenskizzen zur geplanten Tosca-Aufführung Matthias Claudius: „Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder und wissen gar nicht viel; wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel.“

Eine Aufführung in einem Guss!

Karin Kleyer