Mein Besuch bei dem Ethnologie-Professor und Westafrika-Experten Westfeld ließ mich wieder daran denken: Die Menschen haben Puppen. Lange Zeit war Professor Westfeld zu Forschungszwecken in einem Dorf in Benin (Westafrika) gewesen, hatte die Sprache der Einheimischen (Fon) gelernt und dort seinen Zwilling in Form einer Stoffpuppe bekommen. Ich war zur Feier des Einzugs in sein neues Haus eingeladen. Schon während des Begrüßungstrunks in dem neuen Wohnzimmer nahm ich die seltsame kleine Puppe wahr, die wie zufällig auf der Kommode lag.Drei afrikanische Masken hingen seitlich an einer Wand, doch sonst gab es keine afrikanischen Artefakte hier. Mich faszinierte ohnehin einzig diese Puppe, und ich besah sie mir genauer. Sie bestand aus dunklem Jutestoff – offenbar gefüllt mit Erde oder Lehm, einem markant ausgearbeiteten Kopf mit einem Gesicht hineingestickt, Arme und Beine angenäht. Berühren verboten! Auf meine Frage hin erklärte mir Herr Westfeld, das sei sein afrikanischer Zwilling. „Das bedeutet ja, der eine Zwilling lebt und der andere lebt nicht, ist aber der lebenden Person nachgebildet“, gab ich zurück.

Eine weitere Erklärung fand ich ebenso bemerkenswert: Wenn es der Zwillingspuppe nicht gut gehen würde, zum Beispiel das Material würde beschädigt, wäre auch die lebende Person betroffen. Das wiederum bedeutet ja, die lebende Person muss sehr auf ihre Zwillingspuppe achten, dass sie unbeschädigt bleibt. Deshalb darf jemand Fremdes die Puppe auch nicht berühren. Ob man dort in Benin evtl. noch eine zweite Puppe bekäme, wenn die erste sich auflöst, habe ich nicht weiter erfragt. Ich fand die Sache dann doch zu persönlich. So sieht also eine zur westafrikanischen oder auch haitianischen Voodooreligion zu Zauberzwecken gehörende Voodoopuppe aus. Sie wissen schon, in die man Nadeln piekt, wenn es dem Besitzer der Puppe schlecht gehen soll oder man einen Fluch über ihm ausgesprochen hat.

Pressefotos  Feierabend   12.01.2014 012

Puppen faszinieren

Ich gehe davon aus, dass ich nicht die Einzige bin, die sich von der Idee der Puppen faszinieren lässt. Es wird eher so sein, dass es eine sehr vielen Menschen wesentliche Gemeinsamkeit ist, die unterschiedlichsten Puppen für die verwegensten Zwecke zu bauen, einzusetzen, zu besitzen. Um zu experimentieren? Um einen Stellvertreter zu haben? Statt irgendwelcher Selbstversuche, kann man ja alles Mögliche mit seinem Alter Ego tun.
Aber woher kommt sie nur, die Idee, dass man seinen Zwilling oder sein Abbild als Puppe haben möchte? Jedenfalls kann man beobachten, dass die Menschen sich seit Urzeiten auf die unterschiedlichste Weise mit lebenden, statischen oder mechanischen Ebenbildern/Abbildern umgeben haben.

Bei uns bekommen schon Kinder, vornehmlich die kleinen Mädchen, Puppen in die Hand. Ich hatte natürlich auch eine Puppe, und zwar eine damals sehr kostspielige Schildkrötpuppe mit der ich mich als kleines Mädchen identifizierte. Meine etwas größere Mädchenpuppe hatte genau wie ich braunes Haar und braune Augen. Fraglos schenkte man damals, und tut es noch heute, den Mädchen Puppen, damit sie ihre Rolle als Hausfrau und Mutter erlernen. Jedenfalls war das damals einer der wesentlichen Anlässe. Und es gab bald kein Mädchen, das nicht wenigstens eine Puppe besaß. Puppen halfen gegen das Alleinsein, man konnte sie schick kleiden. Je nachdem ob sie schon richtige Haare hatten, konnte man sie auch kämmen. Man konnte mit ihnen gesellschaftliches Verhalten üben, wie z.B. einen Kaffeeklatsch halten.
Oder mag es sein, dass Puppen Kinderersatz für einsame Frauen sind? Da gäbe es dann die realistischen Kleinkinderpuppen.
Handpuppen und Marionetten übernehmen bestimmte Rollen der Menschen im Puppentheater. Hier werden die Puppen stellvertretend für die Menschen und ihre Heldengeschichten, Märchen, ihre Merkmale oder auch Probleme bzw. deren Lösungen eingesetzt. Als ich das allererste Kasperltheater im Kindergarten erlebte, hat mich das so beeindruckt, dass ich anschließend hinter die Kulisse geklettert bin und den Kasper gesucht habe. Ich wollte unbedingt wissen, wohin er nach dem Theater gegangen war. Schließlich hatte er eine Stimme und konnte sich bewegen. Also war er ein lebendiges Wesen.

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Lebende Puppen

Doch die Sache mit den Puppen geht ja weiter, und es sieht zunächst so aus, als wären sie eher für das weibliche Geschlecht gemacht. In den diversen Frauenberufen benutzt man Schaufensterpuppen, Schneiderpuppen, Künstlerpuppen oder Friseurpuppen. Immer dann, wenn man keine lebenden Modelle zur Verfügung hat oder es zu teuer wird, nimmt man den Ersatz in Form von Puppen. Richtig seltsam wird die Sache mit den Puppen, wenn lebende Models auf den Laufstegen quasi wie aufgereihte Puppen daher kommen. Stolzieren sie doch im so genannten Catwalk, d.h. alle im gleichen Schritt, einheitlich geschminkt, frisiert und konfiguiert. Sie tragen die diversen Modelle wie Schaufensterpuppen, so klapperdürr, wie Kleiderständer.Nana Entwicklung 003

Verkörpern sie ebenfalls Puppen, die Menschen hinter den Masken zum Beispiel beim Karneval in Süddeutschland, Basel in der Schweiz, Venedig in Italien oder wenn sie in Mali bei den Dogon mit ihren Masken ihre Genesis aufführen? Wenn sie Masken tragen, ändern die Menschen ihre Identität, denn sie schlüpfen ganz in die Rolle der dargestellten Masken und werden zu Figuren, die ganz bestimmte Handlungen vollführen. Das habe ich hautnah erlebt, als Prof. Surrey seines Zeichens Experte für die Cóte d’Ivoire (Elfenbeinküste), eines Tages im Boubou und mit einer afrikanischen Holzmaske vor dem Gesicht vor mir stand und mich ansprach. Eine völlig fremde und exotische Person war in mein Büro getreten – nur an der Sprache und Stimme konnte ich erkennen, wer er war.

Und – vielleicht ist das zu kühn nun auch noch zu behaupten, dass das klassische Ballett ein Bereich ist, wo die Tänzerinnen ein Puppentheater aufführen. Hier geht eine große Faszination von den immer gleichen Abfolgen der Bewegungen aus. Die Tänzerinnen bewegen sich in einer Weise – strecken Arme und Beine, drehen die Pirouetten so, wie es eigentlich nur Puppen können. Auch in den indischen Ragas, den Tempeltänzen, werden die religiösen Mythen und Geschichten tänzerisch dargestellt und muten eher wie Puppenspiele an, dargestellt mit lebenden Personen.

Die Menschen erfinden immer neue puppenähnliche Objekte. Der von Frankenstein erfundene Golem, der nach seiner Fertigstellung seinem Herrn nicht gehorchte, sondern sich selbständig machte, könnte ein Vorläufer der Roboter sein. Pinocchio ist eine Puppe, die sich ebenfalls verselbständigt hat. Das zeigt, dass vielen Menschen Phänomen von Ersatzmenschen nicht fremd ist.
Einige wissenschaftliche Bereiche führen den Bau der Puppen weiter, indem sie Roboter entwickeln, die menschliche Fähigkeiten erhalten sollen. Wobei jeder mit Robotern befasste Wissenschaftler die Idee weit von sich weisen würde. Aber ich bleibe mal dabei, Roboter sind durchaus Weiterentwicklungen von Puppen oder Zwillingen der Menschen. In diesem Zusammenhang wird auch immer wieder die Frage diskutiert, was wäre wenn sie alle menschlichen Fähigkeiten und Eigenschaften erworben haben? Werden sie sich ebenso wie der Golem verselbständigen? In neuerer Zeit setzt sich zum Beispiel der Film „I Robot“ auf unterhaltsame Weise mit dem Thema auseinander. Vielleicht läuft die ursprüngliche Puppenidee darauf hinaus, dass soziale Roboter als Ersatzmenschen unsere Bedürfnisse nach Nähe, Interaktion, Kommunikation, Hilfe in Notsituationen übernehmen sollen.
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Nun hätte ich vermutet, dass die Statuen und Figuren der Götter und Helden vom Altertum bis heute, die ja idealisierte Menschenbilder darstellen, auch zu den Puppen gehören. Aber nein – die werden gesondert unter einer anderen Kategorie von Menschendarstellungen betrachtet.
Bei den Ägyptern hat man Statuetten, also kleine Götterfigurinen dem Pharao mit ins Grab gegeben. In China wurde schon vor mehr als 2000 Jahren ein ganzes Heer von Kriegern als Abbilder der lebenden Armee in einem „Massengrab beerdigt“. Alle mit individuellen Gesichtern nachgebildet – um den ersten chinesischen Kaiser in seinem Grab zu beschützen.

Brigitte Lohan