Hamburg Tor zur Welt?                              

Es ist nicht mehr ganz dunkel, als die ersten zaghaften Sonnenstrahlen den neuen Tag ankündigen, und ich nach 3 Stunden Fahrt durch Regen und Nacht aus Gerds Auto  klettere. Vom Regen, der uns von Bielefeld nach Hamburg begleitet hatte, waren nur noch die Pfützen übrig.                                                                         Gerd hatte nach längerem Anlauf einen freien Parkplatz in der Nähe des Fischmarkts erspäht. Jedoch ein junger, blondmähniger  Mann mit seinem alten Käfer war noch schnell in die Parklücke gefahren, die Gerd anvisiert hatte, was seine gute Laune an diesem Morgen nicht verderben konnte.  Wir waren angekommen an dem Platz, den Gerd mir mit diesen Worten geschildert hatte: „Den Fischmarkt in Hamburg musst Du gesehen haben!“ und auf meinen Einwand: „Fischmarkt?“ meinte er:“ Da gibt es nicht nur Fisch, sondern Südfrüchte, Obst, Blumen und Waren aus aller Welt. Wenn wir noch Zeit haben, dann können wir Hamburg, die Weltstadt an der Elbe und Alster, mit den noblen Häusern an der Elbchaussee, und nicht zu vergessen, die Speicherstadt, ansehen!“ Mit steifen Beinen gehe  ich hinter Gerd her zum Eingang des Fischmarkts und trete gleich zur Begrüßung in ein Wasserloch. Hinter Gerd reihe ich mich ein in ein Gewirr von Menschen, die gezogen wie an einer Schnur, nur eine Richtung kennen, nämlich vorwärts! Es muss hier irgendwo einen geheimnisvollen Punkt geben, wo diese Menschen hineilen.

Es riecht nach Teer und Meer, Fisch, Parfüm und  Schweiß. Von den Auslagen der Stände rechts und links nehme ich vor lauter Körpern nichts wahr. Da wird auf meine Hacke getreten, mein Schuh bleibt stehen, hinter mir, neben mir sind Leute, die mich schieben und vorbeigehen wollen. Gerd packt meinen Arm stützt mich und bückt sich nach meinem Schuh und drückt ihn mir in die Hand. Ich sehe eine Lücke zwischen den Ständen, humple dort hin und ziehe den Schuh auf meinen nassen, schmutzigen Fuß mit dem zerfetzten Strumpf. Inmitten einer Traube von Menschen stehe ich nun und sehe auf einem LKW unter der Plane, wie auf einer Bühne, einen kleinen dicken Mann mit Mikrofon, grüner Schürze, Strohhut und Holzschuhen stehen. Er hat schon drei große, blühende Pflanzen auf dem Arm, einen großen  Gummibaum in der anderen Hand und ruft: „Blumen aus Holland! Hier! Alles für nur 10,00 Mark! Keiner!? Da, ich pack noch einen Gummibaum drauf! Junger Mann! Bring das Deiner Mama mit, dann bist gut angesehen, und Muttertag ist ja auch bald!“ Der blondmähnige, junge Mann aus dem Käfer schält sich aus der Menge, zieht einen verknuffelten Schein aus der Hosentasche, nimmt an der Rampe die zwei Arme voll Blumen in Empfang und die Menge verschluckt ihn, nur die Blätter des mannshohen Gummibaumes zeigen an in welche Richtung er geht. Der Verkäufer greift wieder hinter sich und häuft neue Blumentöpfe auf seinen Arm. Gerd zieht mich am Ärmel, und weiter geht  es in dem Gewühl.    Es riecht nach Fisch, und ich höre, wie jemand  ruft: „Aale, Aale, Sprotten, Heilbutt! Alles frisch!“. Die Menschen vor mir bleiben stehen, es riecht verführerisch und ich merke, wie hungrig ich bin, aber dann wird es schon wieder eng. Ein großer Mann schiebt mich an die Seite und bahnt sich eine Gasse, zwei Frauen gehen dicht an ihn gedrängt zum Fischverkäufer. Ich drücke mich noch enger Gerd und hoffe, dass wir aus dieser Enge entkommen können.

Endlich wir sind aus dem Gedränge heraus, das Gewühl lichtet sich an dieser Ecke des Fischmarktes.Die Stände mit den Waren aus aller Herren Länder sind nicht so belagert, und ich kann in  aller Ruhe Perlen aus China, Bernstein aus Riga und Tücher aus Indien ansehen.  Eine große Afrikanerin mit einem bunten Gewand  sucht Kunden für ihre auf dem Tapeziertisch liegenden hölzernen Elefanten, Nashörner, bedruckte, baumwollene Kaftane und Glasperlenketten.   Schauen und staunen kann ich nicht lange, denn große Tropfen prasseln auf uns herab, von meinem Kopf laufen kleine Rinnsale in meinen Nacken, meine Haare kringeln sich vom Wasser, meine Füße tun mir weh, und ich denke nur noch an heißen Tee und einen Stuhl. Alle Waren der Welt, einschließlich Fisch können mich nicht mehr locken! Ich drehe mich zu Gerd um und sage:„ Sieh doch, dort drüben gibt es einen trocknen Platz. Eine Pause – wäre das nicht etwas für uns?“                                                                                                                                                        Monika Schäffer                                                           

23.8.2006