“Serendipity “ – bezeichnet das zufällige Finden von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich in der Folge als neue, überraschende, fruchtbare und beglückende Entdeckung erweist – so steht es im Kurzführer durch die Ausstellung

Niklas Luhmann –  Zettelkasten

Ulrich Rückriem –  Zeichnungen wie gebundene Figurationen

Jörg Sasse  –               Fotos mit Bezug zur Malerei

Herrn Professor Niklas Luhmann bin ich ein einziges Mal auf einem der endlosen Universitätsflure begegnet. Niklas Luhmann war der Professor, den mein Mann während seines Soziologie-Studiums gehört hat. Niklas Luhmann ist der wichtigste deutschsprachige Vertreter der soziologischen Systemtheorie und gehört zu den bedeutendsten Soziologen und Gesellschaftstheoretikern des 20. Jahrhunderts.

  • Er hat nach meiner Ansicht die Arbeit eines Computers von heute geleistet, indem er einen Zettelkasten für die Produktion seiner wissenschaftlichen Arbeit auf ca. 90.000 Zetteln angelegt hat. Aus meiner Sicht war er Vorreiter für die Systematisierungsarbeit, die ein PC heute leisten würde; alles handschriftlich und alles in müh- samer Rezeptions- und Gedankenarbeit. Daraus sind mehr als 600 Veröffentlichungen entstanden. Sein Zettelkasten-System ist einmalig und effizient, dass man nur staunen kann – über die Querverweisbarkeit und Flexibilität innerhalb des Systems (Programms). Ich bin fasziniert von einem Menschen, dem die Endlichkeit seines Lebens offenbar immer vor Augen stand und dem es lieber gewesen wäre, der Tag hätte statt 24 besser 30 Stunden gehabt. Ein Wissenschaftler, der immer und überall gearbeitet hat – unermüdlich seine Systemtheorie voranbringen wollte. Sollte er mal ins Stocken geraten mit seiner Arbeit für die Wissenschaft – dann würde er kurzerhand ein Buch oder mindestens einen Aufsatz veröffentlichen. Eigentlich hatte er sich ein Programm vorgenommen, das von einem Menschen allein kaum zu schaffen ist. Glück für ihn, dass er die Universität mitsamt ihrer Infrastruktur hinter sich hatte.Sich auf das Finden einzulassen bedeutet: man findet und findet und kommt zu völlig unerwarteten Kombinationen aller Art. Offenheit ist das Prinzip.

Das gilt auch für den zweiten Künstler des Findens: Ulrich Rückriem

  • Er betrachtet seine Zeichnungen als Fortsetzung der Bildhauerei mit den Möglichkeiten, die Graphit und Papier, Linien und Flächen ihm bieten. Mit Farben und Formen – den Grundfarben Blau Rot Gelb – sowie Schwarz und Weiß – gemischt und aufgetragen auf siebenlagigem halbtransparentem Papier, “ Papier wie es in der Architektur Verwendung findet” erzielt er reliefartige Ergebnisse. Er lässt die Markierungspunkte deutlich sichtbar und ich musste unwillkürlich an Tangram denken. Heraus kommen Gesichter und Figuren aus geometrischen Formen – Quadraten, Rechtecken und Dreiecken – ästhetisch angeordnet – wie zufällig – aber letztendlich ästhetisch. Er überlässt es sogar seinem Mitarbeiter, Farben und Formen zu gestalten – läßt ihn finden und ausformulieren. Ulrich Rückriem selbst hat das System gefunden.

Der dritte Künstler , Jörg Sasse

  • ein Fotograf, der mit gefundenen Fotos arbeitet – Fundstücken an Fotografien, die er auf seine Weise bearbeitet. Heraus kommen sogenannte Stilleben, Aufnahmen, die Ausschnitte aus bekannten Umgebungen, wie Häusern oder Straßen überdeutlich zeigen – die von ihm bearbeitet wurden – Orte, die er fotografiert hat – die durch seine Bildbearbeitung neue, reizvolle Aussagen zeigen. Er hat gefunden. Auch überdimensionale Fotos, die erst in ihrem Ausmaß – in ihrer Größe – zeigen was in ihnen steckt. Rahmen immer in Weiß, das die Bilder plastisch wirken lässt. Für mich steckt hinter dem Finden eine Idee – eine außergewöhnliche Idee, die man erstmal finden muss – aus der man dann ein System entwickeln kann – als Künstler und als Wissenschaftler.

Text:  Brigitte Lohan