Paul Austers Lebensgeschichte in bewegenden Bildern umgesetzt.

eisblock 2

Eisblock

Rückblick in einen Eisblock

Christian Schlüter hat mit dieser Inszenierung einen Nerv getroffen, der den Zuschauer nicht nur erheitert, sondern auch tief berührt. Die Rückschau auf das facettenreiche Leben des Autors nimmt das Publikum mit auf eine Reise durch die Zeit und den Prozess der Alterung. Ein Thema, das jeden angeht, aber immer noch eines der größten Tabus in unserer Gesellschaft ist, wird in diesem Stück mit unbestechlicher Ehrlichkeit dargestellt, die sich auch im klaren Bühnenbild ausdrückt.

Paul Austers beschreibt seine Biografie aus der Sicht von Körperlichkeit; sein Kampf des Körpers mit der jeweiligen Zeit wird hier, stellvertretend für die inneren Stimmungen und Facetten des Autors, von fünf Schauspielern unterschiedlichen Alters und Geschlechts dargestellt. Offen und schonungslos, jedoch niemals klagend oder bedauernd, sondern immer mit einer leichten Prise Selbstironie.

Für den Zuschauer absolut nachvollziehbar sind die körperlichen Freuden und Leiden Paul Austers. Die Lust am Leben selbst…Erinnerungen, die keiner Chronologie folgen, sondern einfach auftauchen… an die Ängste der Kindheit, vom sexuellen Verlangen der Jugend und die Panikattacken im gereiftem Alter…vor allem aber an die große Liebe, die nicht enden will. Vom Genuss am Essen, Trinken und Rauchen, oder einfach nur nackt in einem warmen Bad zu liegen. Ein Körper, der in 21 Wohnungen gelebt hat, sich an banale und entscheidende Momente erinnert, immer wieder zusammenbricht, wenn er an Weggabelungen kommt, Tod und Trauer erlebt und trotz alledem lebendig bleibt.

Paul Auster sieht sich im Winter seines Lebens angekommen, was hier symbolisch durch einen Eisblock dargestellt wird, der im Laufe des Abends schmilzt und beim Auftauen eine alte Olympia Schreibmaschine zum Vorschein bringt. Blockaden im Denken oder Schreiben, die er im Alter erlebt, lösen sich durch das Reden über Erinnerungen wieder auf, die Sprache hält sein Leben in Fluss und zeigt seinen wahren Kern.

Absolut überzeugend sind die fünf Schauspieler in ihrer Darstellung der sprachlichen Leistung Paul Austers, ebenso die gelungenen Bühnenbilder von Jochen Schmitt. Eine erfrischende Inszenierung mit nachhaltiger Wirkung!

So sehenswert, dass ich das Stück nicht nur weiterempfehlen kann, sondern gerne noch mal wiederkomme.

Gabriele Richter

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