Ein Blick hinter die Kulissen des alten Bielefelder Rathauses

Das Alte Bielefelder Rathaus wurde im Stil der Weserrenaissance erbaut und ist seit seiner Fertigstellung 1904 nahezu unversehrt geblieben. 2004, zum 100. Geburtstag, konnten wir es vom Keller bis zum Dachboden kennen lernen.

Lediglich eine Bombe hat im II. Weltkrieg im Innenhof einen Übergang zwischen Theater und Rathaus getroffen; das war alles. Und in diesen Tagen (2012) hat ein Schweizer Historiker einen Vortrag über das Gebäude des alten Rathauses gehalten unter dem Aspekt, dass die Freimaurer sowohl das Gebäude des alten Rathauses wie auch das des nebenan stehenden Bielefelder Theaters stark mit bestimmt haben. Viele der bisher nicht zuordenbaren architektonischen Besonderheiten lassen eine solche Vermutung zu.

Vor dem Eingang zum Innenhof  – Torbogen  (Aufschrift: links Standesamt – rechts Sparkasse) wird uns erklärt, die Sparkasse sei bis 1967 hier noch Teil der Stadtverwaltung gewesen.

Durch den hinteren Seiteneingang betreten wir vom Innenhof her das Gebäude und erreichen über eine Treppe einen riesigen gewölbeartigen Raum, in dem drei überdimensionale Koksöfen stehen. 1904 waren die auf dem neuesten Stand der Technik. Die Koksbunker liegen seitlich zum Innenhof und wurden von den Fuhrwerken über den Zugang (durch den Torbogen „Standesamt/Sparkasse“) angefahren. Über eine Rutsche wurde der Koks durch eine dafür vorgesehene Kellerklappe in die Koksbunker befördert. Wir verlassen den Kesselraum in Richtung Luftschutzkeller. 1933 wurde der Innenhof unterhöhlt und der Luftschutzkeller ausgebaut. Luftschutzbunker wurden auf Anordnung deutschlandweit nach den gleichen Richtlinien von den örtlichen Baubehörden sorgfältig geplant und ausgeführt.Mit Hilfe einer Taschenlampe und einer Handleuchte bringen wir Licht in die Bunkeranlage. Wir finden drei niedrige, nebeneinander liegende Räume wo 146 Personen in jedem der Räume Schutz finden sollten. Am Ende der Räume befindet jeweils eine schmale Tür mit der Aufschrift „Abort“.Und es sind Schächte vorgesehen – Im Falle des Abrutschens von möglicherweise durch Bomben entstehenden Schutts, sowie sehr enge Fluchtschleusen für die Menschen – mit Steigeisen nach draußen.In diesen Gewölben kann man aufgrund der Enge und Dunkelheit Platzangst bekommen. Ich bin nicht sicher, ob ich jemals in einen solchen Luftschutzbunker gegangen wäre, während Bomben auf die Stadt geworfen wurden – ich bin ganz und gar nicht sicher! Ich erinnere mich an Berichte aus Büchern und Filmen, wo die Menschen von Klaustrophobie-Traumata aufgrund solcher Aufenthalte berichten.’Unserem Leiter dieser Besichtigungstour war es ein Bedürfnis zu erzählen, dass in einem der Bunkerräume in den 80ern eine Saxophon-Jazz-Veranstaltung stattgefunden hat. Deshalb standen hier an den Wänden Stühle aus den 70ern und man hatte den Schutt beiseite gefegt.Immer wieder wird uns der Standort in Bezug auf den über uns befindlichen Innenhof verdeutlicht: „Bis zu dieser Wand reicht das alte Rathaus …Und hier ist der Ausstiegsschacht, den ich Ihnen oben im Innenhof gezeigt habe.“ Beinahe unversehens, aber vor allem hoch erfreut, kommen wir auf die Parterre-Ebene des Rathauses: Ein ausgesprochen wohltuender, von Licht und Luft erfüllter Eingangsbereich mit Treppenhaus. Wir nehmen den Treppenaufgang nach oben. Schmiedeeiserne Verzierungen verschönern das Geländer. Bunte Bleiglasfenster lassen Licht hinein.Wir geraten auf die erste Etage. Hier erwartet uns eine Galerie großformatiger Ölbilder der bisherigen Bürgermeister seit 1945. Die Türeingänge sind üppig mit Sandstein-Relieffen umrahmt und geben dem Treppenhaus und Flur die Atmosphäre eines Schlosses.Über einen langen breiten hohen Korridor, wo der Boden kunstvoll mit Fliesen belegt ist und die Decke hoch und bogenförmig gebaut wurde (optimale bauliche Nutzung und geschickte wirkungsvolle Verlegung der Fliesen) – der Effekt ist kolossal großzügig. Unser Besichtigungsgang führt in den alten Sitzungssaal des Rates der Stadt und auch hier – großzügig alles – ein Riesentisch mit 67 Stühlen. An den Wänden noch die alte Bestuhlung (unbequeme Lederstühle mit Bielefelder Wappen in die Holzleisten der Rückenlehnenlehne eingeschnitzt), ein den Raum beherrschendes Gemälde an der Wand, wo Bielefelder Bürger versammelt sind, aufgereiht am Aufgang zur Bielefelder Sparrenburg in deren Mitte Kaiser Wilhelm II., König von Preußen zu Pferde steht. Alle sind sie gekommen, die Honoratioren  der Stadt – der Rat der Stadt – und unser Guide behauptet, man könne die Enkel heute noch in der Stadt antreffen. Oben auf der Sparrenburg stehen preußische Soldaten mit Helmen, Schilden und Hellebarden. Das Bild wurde drei Jahre nach der Einweihungsfeier des Rathauses (also 1907) von dem Maler Pape gemalt.Wir treten hinaus auf den Balkon des Rathauses. Hier haben schon Politiker aller Couleur, Gewerkschafter und auch die Arminia-Fußballspieler gestanden und entweder Reden gehalten oder sich feiern lassen.Es geht hinauf in die nächste Etage und in einen älteren Sitzungssaal. Der ist nicht ganz so pompös. Doch an den Wänden stehen die alten Stühle stellvertretend für die in Holz eingeschnitzten Orte der vor 1973 bestehenden Gemeinden – von Heepen, über Großdornberg bis hin zu Senne I und II. Dieser Sitzungssaal geht allerdings in Richtung muffig.Das Highlight unseres Rundgangs ist schließlich das unter Glas befindliche Modell der Stadt Bielefeld von 1650 – mit ausführlichen Erklärungen.

Unser Guide hat die Legende sozusagen im Kopf und richtet den Strahl seiner Taschenlampe punktuell auf die Häuschen, Gebäude, Straßen, Bäche, die Stadtmauer, die Burg und das Kloster. Es ist alles da, was eine Stadt ausmacht, nur kein Fluss. Er erklärt ausgiebig die Wassersituation in Bielefeld und den Gemeinden der Umgebung und warum Milse, Brake, Jöllenbeck eingemeindet wurden. Auch wegen der Wasserversorgung und dem Angebot der Stadt, Wasserleitungen zu legen. Auf der nächsten Etage bekommen wir die lichtmäßig besonders günstig gelegenen ehemaligen Bauzeichnerräume zu sehen. Die preußischen Baupläne zum Bau des Rathauses stammen aus dem Jahre 1898 und haben einen geradezu künstlerischen Charakter, weil die Zeichnungen mit viel Liebe zum Detail erstellt wurden, bald jeder einzelne Mauerstein dargestellt ist. Das Gebäude wurde sehr großzügig sozusagen auf Zuwachs geplant.Und es existiert noch die Kantinenküche in voller Ausstattung aus den 50er Jahren. Hinauf auf den Dachboden. Das Gebälk wurde teilweise ergänzt mit Stahlkonstruktionen, eine Stahlwendeltreppe führt in ein Türmchen. Es gibt noch drei alte Fahnenstangenkurbeln; die Fahnen können bis zu sieben Metern herausgefahren werden. Wir treten hinaus auf einen kleinen Balkon – hoch oben im Dachgiebel des Gebäudes. Von der Straße und dem Platz vor dem Rathaus nicht erkennbar wird der Balkon lediglich von der Polizei als Beobachtungsposten zum Beispiel bei Demonstrationen genutzt.Hier oben hat sich noch ein einziges Taubenpaar gehalten; alle anderen Tauben hat man erfolgreich umgeleitet. Dennoch kann man fast nicht treten, soviel Taubendreck liegt noch hier.Nach eineinhalb Stunden sind wir wieder im Innenhof des alten Rathausgebäudes.  Wir befinden uns 114 m über Meereshöhe

                                                                                              Brigitte Lohan