Berent-Koscierzyna Kaschubei – 2007

Die Fahrt geht  aus Danzig heraus in Richtung Schidlitz!  Zweimal bin ich diese Strecke gefahren und auch zu Fuß gegangen. Mit dem Bus im Winter, als ich von Mutters den Auftrag bekam, Ware für das Foto-Atelier zu holen. Filme und Papier, denn der Versand klappte  nicht mehr. Dann der unselige Fußmarsch -1946- von Schöneck nach Danzig -Oliva.  Angespannt schaue ich aus dem Fenster. Ich bin so gespannt, wie wird sie aussehen, die kleine Stadt? Der Oktober ist die richtige Jahreszeit, durch diese wunderschöne Landschaft der Kaschubei zu fahren. Noch nie habe ich so viele Misteln gesehen. Die Landschaft wechselte ständig: Hügel, Wälder und sogar ein großer See. Die Wälder zeigten sich im bunten Herbstkleid. Auch ohne Sonne war es ein schöner Anblick. Kurz hinter Danzig staunten wir  über riesige Baulandschaften. Hochhäuser in einer Vielzahl, wie wir sie noch nie gesehen hatten, kleine Dörfer, auch immer wieder kleine Eigenheime, viele davon nur halbfertig. Auf einem Schild  lese ich „Karthaus“. Von Berent bin ich mit dem Zug über Karthaus nach Danzig gefahren. Vorbei an vielen großen Seen.

Fahrt nach Berent

Nach Berent gibt es heute  keine Zugverbindung mehr, wir müssen mit dem Bus fahren. Bahnhof Danzg Wir haben uns in Danzig am Hauptbahnhof ausgiebig erkundigt. In Oliva habe ich am nächsten Tag, als wir uns nach der Haltestelle der S-Bahn erkundigt haben, erfahren, dass der Bahnhof in Berent jetzt ein Eisenbahnmuseum ist. Neben dem Hauptbahnhof in Danzig, ist auch gleich der Busbahnhof. Von dort fahren Busse in alle Richtungen der Kaschubei. Als wir auf unseren Bus warten, kommt ein Bus mit der Aufschrift – Schöneck- Die ganze Vergangenheit kommt geballt ins Blickfeld. Heute heißt Berent Koscierzyna. Kosciezyna wyskakiwac!!! (Alle rausspringen)! So hat der lustige kaschubische Schaffner bei der Ankunft im Bahnhof für uns gerufen.

Erinnerung unf Realität!!!!

Wenn der Bus doch langsamer fahren würde. Alles geht viel zu schnell!!! Ich erkenne den Sportplatz und das Sägewerk. Alles ist noch an seinem Platz. – Am Sägewerk in der Steinstraße  wohnte unsere „Omama“. Es steht noch. Ich glaube es nicht! Gegenüber der Nürnberger Hof. Auch den gibt es noch! Ich schaue über die Wiesen, dort erhebt sich ein Berg mit der Burg, das Landratsamt. Vorbei an der Stelle, wo einst unser Fotoatellier  stand. Sie ist leer!  Nichts von dem, was einst Mittelpunkt in unserem Leben war, ist noch vorhanden. Mein Bruder hat mir abgeraten, diese Reise zu machen. Es war mir egal, ich wollte Berent sehen! Nun endlich, nach 60 Jahren war ich bereit, es für mich zu tun. Es musste sein!  Nun weiter in die Danziger Straße, in der wir einst wohnten. Der Bus fährt nun auf den Platz,  wo früher der Wochenmarktund der Jahrmarkt war. Nun ist hier der Busbahnhof. Den Danziger Hof, das Hotel, gibt es auch nicht mehr. Wir steigen aus dem Bus.

Wieder im Heimatort

Ich bin ganz benommen. Nach so vielen Jahren habe ich den Heimatboden unter meinen Füßen. Was für ein Gefühl! Wir sind unweit der Kirche, gehen hinein und setzen uns in die vorderste Bank. Nun bricht es aus mir heraus, ich kann mich nicht mehr bezwingen. Ich weine bitterlich, weiß nicht warum – bin ich so traurig, bin ich so glücklich? Marianne und Julie trösten mich. Nachdem ich mich wieder beruhigt habe, sehen wir uns die Kirche an. Neben dem Taufbecken steht ein kleiner Tisch mit einem Gästebuch darauf. Ich trage mich ein, schreibe in Polnisch,schreibe, dass ich glücklich und traurig zugleich bin, nach so vielen Jahren meine Heimat wiederzusehen.

Die Sprache meiner Kindheit

Ich schreibe es in Polnisch, als wenn ich mich in Deutsch schreibend verraten würde, wie mir zumute ist. Marianne steht neben mir. Später erzählt sie mir, dass sie sich gewundert hat, dass ich in Polnisch meine Gedanken in das Buch geschrieben habe. Sie hat sich sehr gewundert, dass ich es nach so vielen Jahren noch konnte. Was für ein Gefühl! Ich gehe wie im Traum. Dann suche ich das Pfarrhaus. Da habe ich spät, erst im Alter von acht Jahren, im Februar 1940 die Schulbank gedrückt. Die Häuser um den Marktplatz  sehen noch ganz gut aus. Da waren unser Zahnarzt, Bäcker, Fleischer, Kaufhaus, Papiergeschäft und Lebensmittelladen. Nun gehen wir zum Rathaus. Zu meiner Überraschung stelle ich fest, dass es jetzt ein Museum ist. In einem Teil des Hauses befindet sich auch ein Restaurant. Sieht nobel aus! Alles ist schön renoviert.

Im Museum

In der Mitte ist ein Büro. Wir gehen hinein. Dort sitzen eine junge Frau und ein junger Mann. Sie begrüßen uns. Sie freuen sich, so eine illustre Gesellschaft zu sehen! Nun muss ich Polnisch sprechen. Es macht mir doch Mühe. Der junge Mann versteht, was ich sage. Sie freuen sich über unser Interesse, geben uns Billets. Sie öffnen uns die Türen zu allen Räumen. Wir sollen uns alles in Ruhe ansehen. Im oberen Stockwerk ist eine Kaschubische Ausstellung – ein ganze Wohnung. Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus. Wie schön die Möbel sind. Die Schränke in Blau gestrichen und mit Blumenmotiven verziert, in Regalen stehen Geschirr und Krüge.

Eine unbekannte Region?

Auf einem Tisch liegen wunderschöne Stickereien. Berent liegt ja mitten in der Region der Kaschubei. Bin ich auch eine Kaschubin, bin ja  in Berent geboren! Die junge Frau bittet mich noch um meine Adresse und Telefonnummer. Sie gibt mir ein Buch der Besiedlung Berent-Koscierzzyna – in Polnisch geschrieben. Es hat mich doch Mühe gekostet, alles zu verstehen. Durch dieses Buch, Biographien von Menschen dieser Stadt, brachte mir die Zeit meiner Kindheit, meine eigene Biographie in polnischer Sprache so nahe.

Das Haus der Kindheit

Jetzt kommt der große Moment. Das Haus in der Danziger Straße Nr. 3 – Mein Gott! Dem Haus sieht man die Jahre an. Alt und grau siehst du aus!! Ich beschließe, hineinzugehen und Marianne und Julie folgen mir. Das Treppenhaus ist dunkel, die Treppen knarren bei jedem Schritt. Wie oft bin ich diese Treppen rauf und runter gerannt. Wir gehen bis zur oberen Etage. Hier oben haben wir gewohnt. Eine Frau kommt aus einer der Türen. Meine Güte, wie sehen die Türen aus!! Den Etagen-Eingang gibt es nicht mehr. Die Frau hat eine Wanne mit Wäsche unter ihrem Arm. Sie will auf den Boden. Vor der Tür hängt ein Schloss. Als wir hier wohnten, war der Boden nicht verschlossen!

Das „Gleiche“, ist nicht mehr „Dasselbe“!

Ich spreche ein paar Worte mit der Frau. Sie kann etwas Deutsch. Sie erzählt: Manchmal kommen  Menschen, die hier lebten. Meine letzte Erinnerung an den Dachboden ist: Mein Bruder Raimund und ich sehen im Februar 1945 vom Dachboden aus  in Richtung Danzig , wo der Himmel grell erleuchtet ist. Bomben fallen auf Danzig. Wir gehen wieder hinunter. Den Ausgang mit dem Windfang zum Hof will ich noch sehen. Ich öffne die Tür zum Hof. Alles ist in einem Grau. In dem Windfang haben wir als Kinder oft musiziert.  Als wir das Haus verlassen, fühle ich mich um Jahre gealtert. Wie Marianne und Julie, die mich auf der Fahrt begleitet haben, wohl zumute ist?

Spaziergang durch die Heimatstadt

Am Marktplatz gehen wir in ein kleines Bistro. Damals war hier das Lebensmittelgeschäft, wo ich nach etwas Essbarem gesucht habe Wir können uns nur knapp drei Stunden in Beren aufhalten,  setzen unseren Erkundungsgang fort.  Wir gehen durch die Senatoren-Straße. Gleich an der Ecke steht das Haus der ehemaligen “Freien Presse”. Das Haus sieht noch einigermaßen passabel aus. Wir kommen am Eingang zu unserem Hof vorbei. Von hier mussten Kohlen, Torf, Holz und Vaters Motorrad in den Schuppen gebracht werden. Dann an Opas Haus vorbei. Hier hat Opa, der Vater meines Vaters gewohnt, bevor er nach Schöneck gezogen ist. Hier hatt er eine Schuhwerkstatt.

Der alte Park

Weiter gehen wir nun zum Landratsamt. Die Straße am Berghang zur Burg gibt es so nicht mehr, auch die Rotdornbäume sind verschwunden!! Eine neue Straße wird hier gebaut. Endlich scheint die Sonne. Der Aufgang zur Burg, also zum Landratsamt, ist wie ein Park. Die Bäume leuchten in buntem Herbstlaub. Neben dem Treppenaufgang in einer Senke hat man sogar eine Freilichtbühne angelegt. Früher war hier ein Abhang, den wir Kinder gerne als Abkürzung zum Badesee gerannt sind; kreuz und quer über Wiesen und Felder. Die Burg befindet sich in einem noch recht guten Zustand.

Erinnerungen

Ich erzähle Marianne und Julie, wie wir als Kinder, eine Schulfreundin und ich Schneebälle vom Zinnenturm geworfen haben. Jetzt, da die Sonne ein wenig scheint, fühle ich mich gleich besser und bin nicht mehr so traurig. Das Geburtshaus meiner Mutter, das unweit der Burg steht, sieht noch wie früher aus. Es hält sich gut. Hier haben die “Ansliks” gewohnt. Den Kindern der kleinen Omama, der Anna von Chajewski, war ein langes Leben vergönnt. Fast alle wurden mehr als 90 Jahre alt!!  Wir gehen nun zum letzten Ort, wo einst das Foto-Atelier meines Vaters stand. Dort erinnert nichts mehr daran, nur noch Gras und Leere. Wir müssen gehen!

Am Kapellenweg steht noch wie einst,

Die Jesus-Statue an gleicher Stelle.

Nur hat sie jetzt einen Sockel.

Man soll sie nicht wieder stürzen!

Damit sie, die Vergangenheit in

Der Erinnerung kann halten.

Für jetzt uns Alten und die

kommenden Generationen.

Die heute in Berent-Koscierzyna wohnen.

 

                                                           Helene Lück