Ein Biotop in OWL

Die Älteren unter uns haben sie vielleicht noch in Erinnerung: die Zeiten, da der Omnibusverkehr noch in den Kinderschuhen steckte und auch in Herford noch die gute alte Straßenbahn fuhr. Busse gab es zwar schon: eine feste Linie, der Postbus, bestand z. B. zwischen Herford-Bünde und Herford-Bielefeld, aber die Dörfer der Siedlungen Oetinghausen, Sundern, Westerenger, Enger und Spenge waren in erster Linie auf die Nutzung der Kleinbahn Vlotho-Wallenbrück angewiesen, die bereits im Jahre 1900 gegründet wurde, und die im Jahre 1966  aufgrund mangelnder Wirtschaftlichkeit endgültig ihren Betrieb  einstellen  musste. CIMG3024Was aber wurde aus dem Bereich der alten Kleinbahn-Trasse, was aus dem alten Schienennetz? So ist ein Teil der alten Gleise  noch erhalten und auch heute noch zu sehen, nämlich der ehemalige Zubringer der Firma  Streuber und Lohmann, besser unter dem Namen SULO bekannt. Zwar reichlich verwildert und heute selbstverständlich nicht mehr genutzt, sind sie doch Relikte aus alten Zeiten. Vor einigen Jahren standen hier noch etliche ausrangierte Bahnwaggons, die als Schreberlauben dienten und mit Blumen buntbestückt die sonst so trostlose Gegend schmückten, in der früher die Gastarbeiter der bekannten Eisen- und Emballagenfabrik ihr neues Zuhause fanden.CIMG3020Ja, dies ist alles, was an den ehemaligen Bahnverkehr erinnert, denn dort, wo ehemals die Kleinbahn zwischen Herford und  Enger verkehrte, existiert heute ein wunderschöner Wander- und Radweg,  der nicht nur die Anwohner der anliegenden Ortschaften zum Spaziergang und zum Staunen einlädt. Zum Staunen? Ja, und auch zum Lernen, denn unterwegs erklären einige Schautafeln die Entstehung, die ökologischen Maßnahmen und die Tier- und Pflanzenwelt des heutigen Natur- bzw.   Vogelschutzgebietes Füllenbruch, welches durch die Biologische Station Ravensberg im Kreis Herford e.V., Am Herrenhaus 27, Kirchlengern, betreut wird.CIMG3031So erfahren wir z. B. von der in den Dreißigern  erfolgten Begradigung des Düsedieksbach, der das gesamte Füllenbruch von West nach  Ost durchzieht und letztendlich in die Werre mündet. Durch die Begradigung hatte sich der Bach tief in den Talboden eingeschnitten und steile Ufer gebildet. 1998 wurden  Maßnahmen ergriffen, um die Ufer abzuflachen und die Bachsohle wieder anzuheben.  Schilf und andere Pflanzen eroberten schnell die Uferböschungen und bieten so vielen Vogelarten Nist- und  Versteckmöglichkeiten, wie z. B. dem Sumpfrohrsänger. Das Füllenbruch umfasst aber nicht nur das 3 km lange und ca. 1 km breite Tal des Düsedieksbaches, sondern eine Fläche von 138 ha wurde hier zum Naturschutzgebiet erklärt. Seit 1996 bietet das Wiesental unzähligen Pflanzen und Tieren einen Lebensraum, der es ihnen ermöglicht, sich heimisch zu fühlen und sich zu vermehren. Dieses ist umso wichtiger, da auch bedrohte Arten hier ihre Ruhe finden. So war die Anzahl  der auf der Roten Liste als „gefährdet“ eingestuften Kiebitze im Füllenbruch bereits auf 3 Brutpaare gesunken, hat sich in den letzten 20 Jahren aber wieder verdoppelt. Und auch  bedrohte Pflanzen finden  Schutz. CIMG3007  FüllenbruchEbenfalls an dem Wanderweg an der alten Bahntrasse, gegenüber der Firma 3-H-Lacke, befindet sich eine besonders artenreiche Feuchtwiese, eine Sumpfdotterblumen-Wassergreiskraut-Wiese. Dieser Wiesentyp steht ebenfalls auf der Roten Liste für gefährdete Pflanzengesellschaften in Nordrhein-Westfalen. Dabei sind gerade diese  Flächen im Frühling besonders schön anzusehen, wenn die zart-violetten Blüten der Kuckucks-Lichtnelke sich über dem Boden ausbreiten. Charakteristisch für Feuchtwiesengebiete, und daher nicht zu vergessen, sind die Kopfweiden, die an der Ziegelstraße, die das Fülleinbruch von Nord nach Süd durchquert, zahlreich zu finden sind.CIMG2983 Vogelschutz Schild Sie werden regelmäßig geschnitten und ihre Zweige sind beliebtes Flechtmaterial. Aber nicht nur Natur, sondern auch Geschichte hat das Füllenbruch zu bieten, denn ganz in der Nähe der Kopfweiden wurde in den dreißiger Jahren ein Urnengrab aus der vorrömischen Eisenzeit (700 bis Chr. Geburt) entdeckt. Schon damals verbrannte man seine Toten und bestattete sie in entsprechenden  Gefäßen. Hier befindet sich heute ein Bodendenkmal, bewachsen von einer Weißdornhecke und Weidengebüsch. Und auf gar keinen Fall möchte ich an dieser Stelle den Herforder Flugplatz vergessen. Dieser befand sich im Schilfgebiet der Ortschaft Sundern hinter dem heutigen Sportplatz. Bereits 1912 gründeten flugbegeisterte Herforder den „Herforder Verein für Luftschifffahrt“. Allerdings fielen die Flugleistungen dann doch sehr bescheiden aus, so dass die zahlreich erschienenen neugierigen Zuschauer meist enttäuscht wieder abzogen. Ach, da wäre noch so viel mehr zu erzählen, warum schauen Sie sich das Naturschutzgebiet nicht selber einmal an? CIMG3030Es hat außer frischer Luft wesentlich mehr zu bieten und ist von den Ortschaften Sundern und Oetinghausen, sowie der Herforder Talstraße und der Ziegelstraße bequem zu erreichen. Das Auto sollte allerdings am Rande warten und auch sonst sind einige Regeln zu beachten. So wird gebeten, Hunde an der Leine zu führen, auf den Wegen zu bleiben und das Gelände nicht zu verunreinigen, sondern den anfallenden Müll bitte wieder mit nach Hause zu nehmen. Doch dies alles ist wohl nur zu verständlich, wenn es darum geht, dieses vielseitige und beeindruckende Stück Natur zu schützen.
Die Biologische Station Ravensberg im Kreis Herford e.V. bietet mit Unterstützung der Stiftung der Sparkasse Herford zahlreiche Veranstaltungen an. So stehen Naturkundlich-historische Wanderungen ebenso auf dem Programm wie etwa der Bau eines kleinen Wildbienenhotels oder etwa kreatives Basteln mit Weiden. Auch Führungen und Exkursionen zu den unterschiedlichsten Themen für groß und klein sind sehr gefragt. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann sich unter info@bshf.de oder www.bshf.de die nötigen Informationen holen.

                                                                                                Angela Antrop