Es gibt nicht einen Gegenstand hier, der Ingelores Büro verschönert, keinen Blumenstrauß in der Vase, kein Kalenderblatt mit Blumenmotiv an der Pinwand. Kein Familienfoto. Nichts. Für solchen Krimskrams hat sie nichts übrig.

Montagmorgen um Halb Acht. Noch niemand da. Ingelore schließt ihr Büro auf – das Vorzimmer des Chefs – und macht die Tür gleich hinter sich zu. Noch im Mantel setzt sie sich auf ihren Schreibtischstuhl, holt eilig die Thermoskanne mit Kaffee aus ihrer Tasche, schraubt die Kappe ab, füllt den Kaffee hinein und dazu einen großen Schuss Korn aus dem Flachmann. Sie trinkt in einem Zug und murmelt anschließend:„Aaahh, das tut gut. Bevor sie wieder kommen, sich wie die Hyänen auf mich stürzen und den ganzen Tag lang alles von mir wollen und mir keine Ruhe lassen.“ Ingelore fühlt sich jetzt stark; kann dem neuen Arbeitstag in der Kommunalverwaltung entgegensehen. Eigentlich ist sie bereits seit vier Uhr auf den Beinen bzw. auf dem Fahrrad, denn dreimal die Woche fährt sie frühmorgens Tageszeitungen aus. Sie ist eine sportliche Frau die sich nichts schenkt und sich nie schminkt. Häufig zieht sie sich vor dem Dienst noch um, weil sie ins Schwitzen geraten ist durch die Arbeit vor der Arbeit. In der Verwaltung hat Ingelore eine Stelle als Schreibkraft des Amtsleiters inne, zudem ist sie zuständig für die weiteren Mitarbeiter im Amt. Eingehende Post verteilen, ausgehende Briefe eintüten, die üblichen Schreibarbeiten am PC erledigen, Reisevorbereitungen für den Chef, Organisation des Wahlteams im Falle einer anstehenden Kommunalwahl, Telefonate vermitteln. Und zu den sogenannten Stoßzeiten, eben dann wenn die Kommunalwahl in vollem Gange ist, da kommt sie während des Tages kaum zum durchatmen, ein ständiges Kommen und Gehen im Büro. Endlich ist Mittagspause! Die Kolleginnen und Kollegen verlassen die Abteilungsbüros, um zum Essen in die Kantine zu gehen. Ingelore nicht, sie bleibt da; schließt ab. Nun trinkt sie den Rest Korn aus ihrem Flachmann. Gleich so, ohne Kaffee; sonst übersteht sie den Nachmittag nicht. Pechblende

Ingelore beobachtet seit einiger Zeit Leberflecken auf ihrer Haut, an den Armen und Beinen, am Körper. Und es kommen täglich neue hinzu, auch schwarze unklar umrissene Flecken. Die Blusen und Hosen werden zu weit, sie hat bald nichts Passendes mehr im Kleiderschrank. Sie zeigt sich plötzlich rau und ruppig im Umgangston, zunehmend verschlossen und harsch, fährt die Kolleginnen unverblümt an, verliert die Contenance gegenüber allen und allem. Versucht sich zu wehren gegen die unbändige private Schuldenlast nach ihrer Scheidung und die übermäßige Arbeitslast.

Sonntag                                                                                                                                                           Ingelore wacht früh auf; so gegen vier Uhr, die Zeit, zu der sie alltags mit ihrer Schicht für das Zeitungsaustragen beginnt. Sie steht auf, bereitet einen schwarzen Kaffee und gibt einen ordentlichen Schuss Korn dazu. Nachlässig gekleidet in ihrem dunkelblauen Trainingsanzug und ohne Strümpfe, nur mit ihren gammeligen Turnschuhen an den Füßen, sitzt sie noch eine Weile am Tisch. Sie fährt sich mit den Fingern durch das kurze brünette Haar; wird nicht mehr in den Spiegel im Bad schauen. Entschlossen steht sie auf, greift nach ihrer Brieftasche, nimmt den Autoschlüssel von der Kommode im Flur, verlässt die kleine Wohnung und schließt ab. Der Tag dämmert gerade herauf, als sie in ihren klapprigen VW einsteigt und in Richtung Minden fährt. Nach dreißig Minuten stellt sie das Auto auf dem Parkplatz hinter dem Uferweg ab. Es sind vielleicht 20 Schritte bis an die Weser. Sie schaut sich um. Dort ist die große Brücke. Ingelore nimmt den beginnenden Tag, die Einsamkeit der Welt um diese frühe Stunde in sich auf. Von der Wahnsinns-morgenröte, die jetzt die Bäume, den Weg, die Brücke und den Fluss in rosarotes Licht taucht, darf sie sich auf keinen Fall betören lassen! Sie muss sich zusammen nehmen. Ingelore zögert jetzt nicht mehr, läuft kraftvoll an, sprintet die zehn Meter und springt  – weit hinein in den Fluss. Das Wasser schlägt grau und brutal über ihr zusammen. An dieser Stelle hat die Weser besonders viele Strudel und Strömungen. Das wusste Ingelore. Sie schwimmt noch eine Weile mit dem Fluss unter der Brücke hindurch, taucht auf und wieder unter und dann nicht wieder auf.

 

Brigitte Lohan