Clara nippte an ihrer heißen Schokolade und sah Doris an. Diese erwiderte den Blick und fragte schließlich: „Bist du dir da auch wirklich sicher?“ Clara nickte, und stellte mit einem bekümmerten Ausdruck die Tasse ab.

Südliche Inseln

Gerade hatte sie ihrer Freundin Doris von ihren Befürchtungen bezüglich Gisela erzählt. „Ja, ziemlich sicher“, sagte sie. „Sie hat ja sogar unser heutiges Kaffee trinken abgesagt.“ Oh ja, das wusste auch Doris nur zu gut, wenn der wöchentliche Kaffeeklatsch der vier Freundinnen abgesagt wurde, dann was irgend etwas im Busch. „Sie ist so durchgedreht von dieser ganzen Altersheim-Diskussion, die denkt an nichts anderes mehr.“ Inzwischen nutzte nämlich die gemeinsame Freundin jede Gelegenheit, an den Treffen in „Haus Sonnenschein“ teilzuhaben. Sie hatte auch schon etliche neue Freunde gefunden. „Hm, was hast du eigentlich mit deiner Zukunft vor?“ fragte  Clara jetzt ihr Gegenüber gerade heraus. „Ich?“ Doris wirkte, als falle sie aus allen Wolken. Darüber hatte sie überhaupt noch nicht nachgedacht. Noch hatte sie ja ihre heile Welt; Günther, ihr „Göttergatte“, erfreute sich noch bester Gesundheit. Beide waren sie im Ruhestand und hatten ihr Auskommen. Zwar trug Günther noch einmal in der Woche das örtliche Wochenblatt aus, aber doch mehr, damit er in Schwung blieb, wie er sich öfter ausdrückte. Finanzielle Nöte hatten sie nun wahrlich nicht, dafür genug Arbeit mit Haus und Hof. Auch waren sie noch viel unterwegs, gingen zum „Schießen“ und auf die Bowling-Bahn. Die Kinder kamen zu Weihnachten und an Ostern, und auch das war doch völlig in Ordnung. Und außerdem, mit ihren 69 Jahren war sie auch das „Küken“ in dieser Freundinnenrunde. Die anderen hatten sie immer nur mitgenommen, weil sie Brigittes kleine Schwester war. Also, warum sollte sie sich denn nun schon irgendwelche Gedanken über ihr Leben im Alter machen.Ein scharfes Bremsgeräusch riss Doris aus ihren Gedanken. Draußen vor der Fensterscheibe war ein gelber Sportwagen abrupt zum Stehen gekommen. Da war sie ja, Brigitte, ihre „große Schwester“. Brigitte hatte diese Alterssorgen ganz bestimmt auch nicht. Zwar war sie alleinstehend, denn ihre „gute Partie“, wie die Freundinnen  den verstorbenen Lothar nannten, war ein sehr wohlhabender Bankmanager aus gutem Hause gewesen. Seither konnte sich Brigitte ein wahres Luxusleben leisten und hatte schon in jungen Jahren immer wieder beteuert, dass sie ihren Lebensabend in einer Finka auf Mallorca verbringen werde. Sonne, Strand und Meer, was will man mehr?Brigitte betrat das Café und bestellte sich einen Cappuccino. Ihr war nicht entgangen, dass Gisela nicht anwesend war und die beiden Damen am Tisch bekümmerte Gesichter machten. „Hey, was ist mit euch denn los?“ Schnell hatten Doris und Clara den Sachverhalt erklärt. Doch Brigitte fing nicht an zu lachen, wie die beiden Freundinnen vermutet hatten. Jetzt war es nämlich an Brigitte, nachdenklich drein zu schauen. „Ja, wisst ihr, das Problem mit Mallorca ist, ich weiß gar nicht, ob ich das noch möchte. Ich merke doch, dass ich nicht mehr die Jüngste bin“. Weiter erklärte Brigitte den anderen beiden Frauen, dass sie befürchte, dass im Alter der Kreislauf den Klimawechsel nicht so vertragen könne, und die ärztliche Versorgung sei doch bestimmt in Deutschland auch viel besser.Brigitte sah bei ihren Ausführungen so ernst aus, dass die Freundinnen richtig erschraken. „Ja, aber hast du eine Idee, wie wir es besser machen können?“ fragte Clara schließlich. „Tja, ich weiß auch nicht, aber da muss es doch noch andere Möglichkeiten geben. Ich habe gelesen von Senioren-Residenzen mit einem Roten-Kreuz-Stützpunkt oder von sogenannten Alters-WGs. Es muss doch irgendwas für uns dabei sein.“ Es war deutlich zu merken, dass sich Brigitte schon etwas mehr mit dem Thema beschäftigt hatte. „In Holland soll es dazu ein richtig gutes Projekt geben. Das könnten wir uns doch mal anschauen.“ Clara und Doris waren zwar wenig überzeugt, stimmten dem Vorschlag aber dennoch zu. „Gucken hat noch keinem geschadet“. Sie versprachen, doch gleichmal die Gelegenheit zu nutzen, um einen Abstecher in die Niederlande zu unternehmen. Allerdings wollte man sich zunächst im Internet ein bisschen schlau machen und auf besseres Wetter warten. Doch sich eine sogenannte Senioren-Residenz mit „Stützpunkt“ einmal anzusehen, das hatten sie sich gleich für die nächste Woche vorgenommen.

Angela Antrop