Es hat lange gedauert, bis ich den Abschluss zu meiner Erzählung der Zeitgeschichte gefunden habe. Es ist EUROPA!

1947 habe ich es so erlebt: Grenzen, heimatlos, Todesschüsse, unerwünscht zu sein! Was für ein Geschenk dieses neue EUROPA ist! Mein Aufruf an die heutige Generation: Hütet es, bewahrt es, verspielt es nicht!

Zur Erinnerung: Ich war 15 Jahre jung und war 5 Monate von Danzig nach Bielefeld alleine unterwegs. Ich erzähle und schreibe wie es damals war: Im ersten Teil erzählte ich über den Transport von Stettin nach Bautzen. In Güterwagen fuhren wir die Oder-Neisse entlang bis Görlitz, dann nach Bautzen. Dort sollten wir in Baracken, die voller Flöhe waren, übernachten. Keiner wollte dort schlafen, und so lagerten wir in der ersten Nacht auf einer Wiese davor. Fledermäuse flogen über uns. Von hier an habe ich keine Erinnerungen mehr an Bautzen. Die endlosen Strapazen der vergangenen Monate, der Transport in Güterwagen mit all den Menschen, in Schmutz, Gestank, ohne Wasser und Essen…Bautzen. Ich erinnere mich nicht, was dann geschah, nur dass ich dann nach Wochen gehen konnte. Mit einem älteren Mädchen bekam ich ein Zimmer in Bautzen. Nun musste ich sehen, wie es weiter gehen konnte. Jemand gab mir etwas Geld, damit ich ein Telegramm nach Bielefeld schicken konnte. Ob sie es bekommen würden?? Ob sie mich finden würden?? Bautzen lag in der russischen und Bielefeld in der englischen Besatzungszone! Dann suchte ich den Bahnhof, denn ich hatte das Gefühl, ich musste an jenem Tag dort hin! Einfach sehen, ob irgendein Zug kommt. Unglaubliches geschah – ein Zug kam und er hielt! Ich stand da und schaute gespannt in die Gesichter der Menschen, die ausstiegen. „Mama, Mama!“ Rief ich laut. „Mama, du bist gekommen, um mich zu holen, ich habe gewusst, dass du mit diesem Zug kommst. Du bist da, ich bin da!“ Endlich das Wiedersehen!

Noch am selben Tag fuhren wir nach Brandenburg. Meine Mutter hatte auf der Fahrt nach Bautzen dort einen Teil unserer Verwandten aus Danzig aufgesucht. Meine Cousine Luzi lebte dort mit ihrem Mann Paul und den Kindern. Auch Luzis Eltern und zwei ihrer Schwestern, die aus Danzig 1945 über Dänemark hinzu gekommen waren, lebten bei ihr. Auf engstem Raum lebten sie dort, wie 100 Jahre in die Vergangenheit zurück versetzt. Als ich meine liebsten Verwandten aus Danzig, – aus meiner Kindheit – dort so wiedersah, war ich erschüttert. Paul, der Mann meiner Cousine Luzi, war bei der Eisenbahn – er musste uns helfen, über die Zonengrenze „Helmstedt-Marienborn“ in den Westen zu kommen. Wie es genau abgelaufen ist, weiß ich nicht. Jedenfalls fuhren wir mit dem Zug in Richtung Helmstedt-Marienborn – kurz vor dem Bahnhof hielt der Zug und Russen kontrollierten alles mit Schäferhunden. Wir sollten, kurz bevor die Kontrolle kam, aussteigen und uns verstecken. Ich weiß nur noch, dass es fürchterlich regnete, und wir irgendwo am Boden lagen. Die Hunde haben uns nicht gefunden!! Als sie fort waren, sind wir so schnell wie wir nur konnten in den Zug gestiegen, und so kamen wir ein ganzes Stück weiter. In Helmstedt-Marienborn sind wir dann kreuz und quer über die Schienen gelaufen. Es war Nacht, der Bahnhof lag schemenhaft vor uns. Der Warteraum war volle Menschen – Junge, Alte und Kinder. Ich traute meinen Augen nicht: Sie waren fröhlich – ich konnte nicht verstehen warum. Ich selbst war stumm und erschöpft. „Mama, warum lachen sie?“ Mama sagte, dass sie sich freuen, ich verstand nicht, warum sie sich freuen konnten!

Am nächsten Tag fuhren wir nach Bielefeld – nun war ich in West-Deutschland! Das Wiedersehen war erschütternd, da wir uns fast zwei Jahre nicht gesehen hatten. Niemand wusste, als ich mich von Danzig aus auf den Weg machte, wo ich war, ob ich noch lebte. Mein Bruder Heini kam 1948 aus Frankreich aus der Gefangenschaft und nun waren wir wieder eine Familie. Was für ein Wunder! Mein Bruder Raimund wanderte 1951 mit 22 Jahren nach Kanada aus, in Ottawa fand er einen Mentor und wurde Grafiker und Maler. Er gründete eine Familie, bekam zwei Töchterund starb 2004 in Montreal.

Uns nahm das „Neue Leben“ langsam wieder auf. Jeder musste sehen, was er zum Wiederaufbau und für unser Leben leisten konnte. Mutter ging mit Rucksack oder Bollerwagen über Land hamstern: ein paar Kartoffeln, Steckrüben, Kohl, mit etwas Glück ein Stück Speck und ein wenig Mehl. Vater hatte noch Amerikanische Zigaretten, die er für 8 RM das Stück verkaufte. Am Bahnhof klauten alle Kohlen! Das war damals unser Leben, aber das Wichtigste war – wir haben überlebt!!

Aus allen Richtungen Europas sind wir in Bielefeld gestrandet: Mutter und Raimund kam aus Russland aus dem Ural, Vater aus amerikanischer, Heini aus französischer Gefangenschaft zurück, und ich aus Polen!

Nun haben wir das vereinigte Europa – 70 Jahre ohne Krieg! Die nachfolgende Generation hat im Laufe der Zeit ihre eigenen Stempel aufgesetzt, aber die Welt ist zur Zeit in einem nicht besonders guten Zustand – sie scheint aus den Fugen zu geraten! Wie wird es mit Europa weiter gehen? Haltet es fest – ganz fest zusammen!

 

Kindchen bist einst gegangen aus deiner Heimat – dem Kaschubenland!

Helene Lück