Elisabeth

„Das fängt ja gut an“, dachte Elisabeth als sie die Rücklichter der Stadtbahn im U-Bahn Tunnel verschwinden sah.  Jetzt kam sie auch noch zu spät ins Büro! Wieder so ein Montag nach einem öden Wochenende an dem nichts, aber auch rein gar nichts passiert war. So hatte sie sich die Freiheit ihres Singledaseins nicht vorgestellt!  Aber warum in Gottes Namen hatte sie es sich nicht verkneifen können  ausgerechnet die neuen Highheels zur Arbeit anzuziehen. War das etwa Trotz oder eine schleichende Methode zur Selbstzerstörung? Sie wusste es nicht genau, doch ihr taten jetzt schon die Füße weh, sie war über das Kopfsteinpflaster gestolpert und hatte so nur knapp ihre Bahn verpasst.  „Meine Beine sind immer noch schön“ bestätigte sie sich in Gedanken und beobachtete die Passanten auf dem Bahnsteig in der U-Bahnstation. Niemand nahm Notiz von ihr. Alle wirkten irgendwie müde, hektisch oder gelangweilt. Routine eben, wie immer an Montagen. Nachdem sie endlich im Büro angekommen war, musterten sie ihre Kolleginnen natürlich von Kopf bis Fuß, denn anders als sonst trug sie keine dunkle Hose mit Bluse, sondern einen kniekurzen Rock zu eben diesen schwarzen Pumps…10 cm hoch! Marianne warf ihr ein freundliches Lächeln zu, ihr Chef Dr. Wallmeier zog die Brauen hoch und der neue Azubi Jens pfiff anerkennend. „Ein bisschen spät heute, liebe Frau Schiller“, meinte der Chef. „Interessantes Wochenende gehabt?“ Elisabeth lief rot an, fühlte eine plötzliche Hitze in sich aufsteigen und beeilte sich an ihren Arbeitsplatz im Großraumbüro zu kommen. „Nein, nein, alles wie immer“, sagte sie schnell. „Habe nur die Bahn verpasst.“ Das Handy von Herrn Dr. Wallmeier läutete, rettete sie vor weiteren Sprüchen. Erleichtert sank sie auf ihren Drehstuhl und fuhr den Computer hoch. „Gerade noch mal gut gegangen“, dachte sie, denn sie wusste, wie sehr Dr. Wallmeier auf Pünktlichkeit achtete.Dieser Job bei der Versicherung war nicht ihr Traumberuf, aber er gab ihr doch ein gesichertes Einkommen und vor allem Unterhaltung. Heute war nicht viel los im Büro, nur Routinearbeiten. Und so saß sie nur da, hing ihren Gedanken nach und war froh, dass ihr Chef einen Außentermin hatte.
Elisabeths Leben war ruhig geworden seit auch ihre jüngste Tochter Susanne zum Studium ins entfernte Freiburg gezogen war. Und meistens vergaß Susanne ihre Mutter an den Wochenenden anzurufen. Immer war irgendetwas los in Susannes Leben, ob nun Arbeitstreffen mit Kommilitonen, Sportevents oder Goa -Parties.  Doch Elisabeth hatte gelernt, ihre beiden Kinder los zu lassen auf ihrem Weg ins Leben. Sie freute sich für ihre Tochter, die so viel freier und unbeschwerter leben als sie es selbst im gleichen Alter hatte tun können. Mit 25 Jahren war sie schon zweifache Mutter gewesen, hatte ihren Sohn David in den Kindergarten gebracht und sich anschließend um die dreijährige Susanne, Haushalt und Garten gekümmert. Ein ganz normales Leben halt…ein neues Reihenhaus im Süden von Paderborn, einen Ehemann in gesicherter Position bei der Bank und zwei wunderbare Kinder. So verlief ihr Leben in ruhigen Bahnen…20 Jahre lang. Bis der Tag kam, an dem ihr der sprichwörtliche Teppich unter den Füßen weggezogen wurde! Ihr Mann Hartmut eröffnete ihr nach dem gemeinsamen Abendbrot auf der Terrasse, dass er sie verlassen werde. Elisabeth hatte fast der Schlag getroffen, sie fühlte sich wie im falschen Film, konnte nicht glauben, was sie hörte. Nun begriff sie, dass er schon länger ein Verhältnis hatte, seine junge Kollegin Claudia ein Kind von ihm erwartete, und er wolle nochmal ganz neu durchstarten. Erst als sie Hartmuts Autotür hatte ins Schloss fallen hören, war ihr klar, dass alles, aber auch alles nun endgültig vorbei war.

Das war nun acht Jahre her. Sie seufzte tief, fühlte wieder diesen Kloß im Hals und drehte sich sinnend auf ihrem Schreibtischstuhl hin und her. Wie in den meisten solcher Fälle hatte sich Elisabeth weiter um ihre heranwachsenden Kinder gekümmert, Haus und Garten versorgt und sich ganz in ihrer inneren Welt vergraben. „Die sieben heulenden Jahre“ nannte Elisabeth diese Zeit, schmerzhaft, tränenreich, und verletzt wie ein angeschlagenes Tier. Als ihre Kinder ausgezogen waren kam der endgültige Zusammenbruch. Sie hatte einen schlimmen Autounfall gehabt, weil sie mit Tränen in den Augen nicht auf die regennasse Fahrbahn geachtet hatte und im Graben gelandet war.

Elisabeth war mit einer heftigen Gehirnerschütterung davon gekommen, war aber danach in eine tiefe Depression gefallen. Bis ihre Hausärztin ihr riet, zur Kur zu fahren.Die Wochen auf Amrum waren die schönsten ihres Lebens gewesen. Nicht sofort natürlich, aber ganz allmählich hatte sich mit Hilfe einer guten Therapeutin ihre Seele wieder dem Leben geöffnet.  Elisabeth hatte verstanden, wie wenig sie all die Jahre gelebt hatte. Sie war gesteuert worden, von Ehemann, Eltern, Kindern, Kirche….kurz – ihrer ganzen Umwelt. Alle hatten ihr Leben für völlig normal gehalten…sie selbst am meisten. Es war so gediegen gewesen, sicher, und überschaubar. Keine großen Höhepunkte, mal ein Abend im Theater oder auf dem jährlichen Schützenfest zu dem Hartmut sie immer mitgeschleppt hatte. „Außendienst“ und „Kontaktpflege“ hatte er es genannt, und es war selbstverständlich gewesen, dass sie ihn begleitete. Immerhin schenkte er ihr dann in jedem Jahr ein neues Kleid. Schließlich sollte sie präsentabel aussehen an seiner Seite.Auch ihr Eheleben verlief in „geordneten“ Bahnen.  Einmal wöchentlich, meistens sonntags, schlief Hartmut mit ihr. Es hatte ihr nichts ausgemacht, dass sie selten oder nie befriedigt war. Auch das hatte sie für normal gehalten, es ging ja schließlich allen so, die viele Jahre verheiratet waren. Ihre Mutter hatte gelacht, als sie sich einmal diesbezüglich über ihre Ehe ausgesprochen hatte. „Ach Kind“, hatte sie gesagt. „was willst du eigentlich? Du hast einen ordentlichen Mann, der gut für euch sorgt, zwei nette gesunde Kinder, ein schönes Haus und lebst sorgenfrei. Sex ist doch nicht alles.“ Und dann hatte ihre Mutter vom Krieg geredet, von der schweren Zeit der Nachkriegsjahre als ihr Vater in Gefangenschaft gewesen war. Dass es keine Pille gab und die Frauen ihre liebe Not mit unerwünschten Schwangerschaften hatten. Nie wieder hatte Elisabeth dieses Thema angesprochen, es war tabu.

Träumend saß Elisabeth heute vor ihrem Bildschirm. Amrum war ihr wie das Eldorado erschienen, jedenfalls in der letzten Woche ihrer Kur. Elisabeth hatte Klaus kennen gelernt, der sich nach einem Hörsturz dorthin begeben und gut erholt hatte. Klaus war ein gut aussehender gepflegter Mann Anfang 50, der sie zum Tanzen einlud. Ausgerechnet Tango! Seit ihrer Tanzstundenzeit hatte Elisabeth keinen Tango mehr getanzt. Und die Sonnenuntergänge am Strand, himmlisch romantisch, händchenhaltend hatte sie mit Klaus im Sand gesessen…seine Küsse konnte sie immer noch fühlen…und besonders seine Hände, die sie sanft streichelten. Zum ersten Mal seit Jahren hatte Elisabeth sich wieder als Frau gefühlt, begehrt, bewundert und geliebt.  Die wenigen Nächte mit Klaus, der sich heimlich in ihr Zimmer geschlichen hatte, waren so zärtlich gewesen, lustvoll, leidenschaftlich…die reine Wonne! Nach einem schmerzlichen Abschied hatten sie sich ewige Liebe geschworen! Die E-Mails von Klaus, wurden mit der Zeit immer weniger, kürzer, belangloser und blieben irgendwann ganz aus. Und auch das war vorüber…

Elisabeth verstand, dass sie ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen musste. In Abendkursen belegte sie Computer- Lehrgänge und schloss sich einem Gospelchor an.

Marianne

Elisabeth hatte Marianne wieder getroffen, die sie damals nur flüchtig kannte. Marianne arbeitete als Sachbearbeiterin bei der Versicherung, die ihren Unfallschaden reguliert hatte. Beide Frauen waren sich gleich sehr sympathisch gewesen, und als sie sich Monate später im Supermarkt rein zufällig über den Weg gelaufen waren, schlug Marianne vor, gemeinsam Kaffee trinken zu gehen. Seit dem trafen sie sich oft und waren Freundinnen geworden. Die lebhafte Marianne mit ihren rot gefärbten Locken behauptete zwar, dass es keine „Zufälle“ gäbe, aber sie war auch etwas „esoterisch angehaucht“. Von ihr hatte Elisabeth gelernt, Tarot Karten zu legen und immerhin war dadurch ihr Entschluss gereift, endlich aus dem ehelichen Haus auszuziehen und sich auf die eigenen Füße zu stellen.  Zähneknirschend hatte ihr Exmann zugestimmt, das Haus zu verkaufen und so war es Elisabeth möglich geworden, in eine nette kleine Eigentumswohnung am Rande Bielefelds umzuziehen. Vor allem weg aus den öden Paderborn – Süd!Von Marianne kam dann auch der Insidertipp, sich bei der Versicher-ung zu bewerben, da dort gerade eine Schwangerschaftsvertretung gesucht wurde. Elisabeth nutzte ihre Chance, immerhin war sie gelernte Bankkauffrau, die wie so viele andere Frauen dieser Zeit der Familie zuliebe ihren Beruf aufgegeben hatte. Die Abendkurse hatten wohl den Ausschlag gegeben, dass sie schließlich den Job bekam und so war sie nun schon seit mehr als einem Jahr finanziell unabhängig.

Für Elisabeth war Marianne- außer ihrer Kinder natürlich, zum wichtigsten Menschen geworden. Es war eine Frauenfreundschaft der besonderen Art. Marianne war eines der mitfühlendsten Wesen, die Elisabeth kannte… außer dem Dalai Lama und Mutter Theresa vielleicht. Aber die kannte sie ja nicht persönlich. Doch Mariannes Herzlichkeit war greifbar, zuverlässig, ohne dass sie je viel Aufheben darum machte.  Sie war jetzt 55 Jahre, etwas älter als Elisabeth, seit Jahren geschieden und eine überzeugte Single – Frau, die sich hin und wieder einen Liebhaber gönnte.  Ihre Tochter Marie war 30 Jahre und lebte in Paris. Äußerlich wirkte die Freundin mit den roten Locken oft etwas schrill, kleidete sich gerne bunt und ungewöhnlich, passte nicht so ganz in die konventionelle Umgebung des Versicher-ungsbüros. Doch Dr. Wallmeier ließ sie gewähren, weil er wusste, dass es Marianne war, die für den Arbeitsfrieden sorgte, ein gutes Gespür für Kunden und Kollegen hatte. Mit ihr in Streit zu geraten war fast unmöglich.

Ein paar lockere Sprüche konnte er sich zwar nicht ganz verkneifen, vor allem wenn Marianne ihren Chakra -Tee aufbrühte oder ihre Duftlampe auf der Fensterbank anzündete, aber im Großen und Ganzen kamen sie gut miteinander aus. Einige Kolleginnen tuschelten manchmal hinterrücks, dass Marianne ihren Chef vielleicht verhext hätte oder heimlich mit ihm Tantra praktizierte, doch Marianne lächelte nur still belustigt in sich hinein, wenn sie davon hörte.

In der Frühstückspause hatte Elisabeth endlich Gelegenheit mit ihrer Freundin über das vermasselte Wochenende und die High-heels zu reden.„Was ist los mit dir?“ fragte Marianne während sie mit einem wissenden Blick Frauen – Tee aufbrühte. „Du warst doch mit diesem tollen Typ aus dem Gospelchor verabredet.“ Sie sah Elisabeth fragend an und legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter als sie merkte, wie nah Elisabeth am Wasser gebaut hatte. „Toller Typ!!!?“ schniefte Elisabeth. „Das ist doch der letzte Idiot! Ich blöde Kuh kaufe mir extra neue Klamotten, neues Make up, war richtig aufgemischt….und dann diese Schuhe!“ „Setz dich erstmal hin und trink deinen Tee“ erwiderte die Freundin gelassen. „Was ist denn passiert?“ „Du weißt doch, dass er seit Wochen mit mir flirtet. Bei jeder Chorprobe verschlingt er mich geradezu mit den Augen. Hat mir gesagt, er würde mich gerne mal ganz privat kennen lernen. Dann hat er mir fünf Minuten vorher eine sms geschickt: „Sorry, bin wieder mit meiner Exfrau zusammen. Haben uns neu verliebt. Nimm es nicht tragisch! Küsschen Jörg“. Tränen kullerten über Elisabeths Gesicht während sie erzählte. „Autsch“ sagte Marianne. „Das tut weh! Aber lass dich bloß nicht unterkriegen von dem. Das ist mal wieder einer von der Sorte, die nicht weiß, was sie will. Auf den kannst du dankend verzichten“. „Das habe ich mir auch schon gedacht“ erwiderte Elisabeth. „Habe heute Nacht Tarot gelegt zu dem Thema. Turm und Tod…Einsturz und Ende!!! Und genauso fühlt es sich auch an“. „Die Karten lügen nicht…dein Unterbewusstsein hat dich gewarnt mal wieder vom Regen in die Traufe zu geraten“, erklärte Marianne ruhig. „Wenn du willst, komme ich heute Abend zu dir und wir entwickeln eine ganz neue Strategie zum Thema Männer. Ich habe da so eine Idee.“ „Danke dir, ich kann etwas Nähe heute wirklich gut gebrauchen. Ich koche uns etwas und dann quatschen wir richtig. Aber Männer? Glaub ich nicht mehr wirklich dran“, antwortete Elisabeth. „Mit 53 ist die Zeit der Illusionen vielleicht einfach nur vorbei, der Zenit ist deutlich überschritten“.

Sie versuchte, ihre Gefühle zu in den Griff zu bekommen, zu versachlichen, das enttäuschende Wochenende einfach nur so zu betrachten wie die Fälle auf ihrem Schreibtisch…ein ganz normaler Unfall eben, nicht mehr und nicht weniger. Sie ging in den Wasch-raum, puderte ihre Nase, richtete sich das Haar und sah im Spiegel das Bild einer entschlossen wirkenden Frau. Die Arbeit zog sich schleppend dahin bis zum Spätnachmittag. Doch Elisabeths Stimmung hellte sich langsam wieder auf.  Nach Büroschluss gingen beide Frauen in den nahe gelegenen Supermarkt und kauften Pasta, Salat, italienischen Rotwein und Schokolade.  „Seelen – Futter“ lachte Marianne als sie noch eine Schachtel Pralinen dazulegte. Dann fuhren sie mit Mariannes Auto zu Elisabeth, kochten gemeinsam, tranken den Wein und ließen sich gemütlich auf dem dunkelroten Ecksofa nieder.

Lady Blue Star

Die Highheels lagen quer im Flur und Elisabeth war gespannt auf Mariannes neuste Ideen. „Jetzt basteln wir an einem Profil für dich“, sagte Marianne liebevoll zu ihrer Freundin. „Was denn bitte für ein Profil?“ fragte diese. „Fürs online Dating natürlich“, entgegnete Marianne verschmitzt.  „Das spart Zeit und Mühe. Da kannst du dir in Puschen und Schlafanzug ungeschminkt die tollsten Kerle aussuchen!“ „Ob da was bei rauskommt?“ fragte Elisabeth skeptisch. „Frau wird sehen“, lachte die Freundin. „Außerdem hat jeder PC einen Abschaltknopf. Deckel zu – und schon ist Ruh!“

„Wie soll das denn gehen? So etwa wie: völlig genervte Mittfünfzigerin sucht Gleichgesinnten…. oder: „Alterndes Mädchen sucht Gegenstück?“ lachte jetzt auch Elisabeth. „Nur kein Sarkas-mus, bitte! Geh mal zum Aufhübschen ins Bad, dann mach ich erstmal ein tolles Foto von dir“, erklärte Marianne. „Inzwischen denke ich mir mal einen coolen Text aus!“ Elisabeth frisierte sich ihre kurzen blonden Haare, erneuerte ihr Make – up und trug einen hellroten Lippenstift auf. „Ein Hauch von Sinnlichkeit kann ja nicht schaden“, dachte sie, „eigentlich sehe ich noch ganz gut aus für mein Alter“. Einigermaßen zufrieden mit ihrem Anblick nahm sie gedankenverloren ihre Parfumflasche in die Hand und ging zurück ins Wohnzimmer. „Das kannst du dir sparen“ witzelte Marianne. Riechen können die Typen dort nichts!“ Mit der Digitalkamera bewaffnet dirigierte sie Elisabeth in die Sofaecke, zupfte noch etwas an deren Bluse herum und forderte die Freundin auf, sie strahlend anzulächeln. „Stell dir vor, ich sei dein Traumprinz. Lass deine Augen sprechen“, forderte Marianne sie auf und schoss ein paar Fotos, die Elisabeth direkt auf ihren Laptop hoch lud. „Also, jetzt kommt dein Text“, sagte sie. „Wer bist du, was suchst du?“. „Einen Mann“ erwiderte Elisabeth grinsend. „So viel ist klar“ meinte die Freundin. „Wie soll er denn sein? Alt oder jung…dick oder dünn…sportlich oder musisch?“ „Völlig egal“ antwortete Elisabeth. „Ehrlich und treu soll er sein. Verständnisvoll und zärtlich“.

„Das sind sie doch alle“ lachte Marianne. „Kein Mann schreibt, dass er unehrlich ist und Frauen betrügt. So wie: Don Juan sucht willige Sie! Oder Casanova sucht Beute! Elisabeth platzte fast vor Lachen. „Dann schreib mal: „ Gut erhaltene Secondhand Frau sucht neuwertigen Traumprinz“. „Das hört sich ja an wie bei eBay“ meinte Marianne skeptisch. „Du willst den Kerl doch nicht kaufen oder gekauft werden. Das braucht mehr Gefühl! Wie wär’s denn mit: New Moon als Nickname?“ „Neumond?“ fragte Elisabeth. „Klingt das nicht zu astrologisch?“ „Wegen des Neubeginns, dachte ich“, sagte Marianne. „Denn es sollte schon zu dir passen“. „Dann vielleicht „Blue Star“, überlegte Elisabeth. „Blue“ weil ich traurig bin und „Star“ wegen der Distanz“. „Hm, ok, klingt auch irgendwie geheimnisvoll, mystisch“, antwortete Marianne. „Passt schon ganz gut.“ Und damit ging ein neuer blauer Stern  in den unendlichen Weiten des world wide web auf.

Elisabeth wurde zu „Lady Blue Star“ im Dating Club Forum. Sie buchte ein Probe-Abo beim Anbieter, gab ihre Daten ein und beide Frauen verbrachten einen fröhlichen „blauen Montagabend“ ohne wirklich betrunken zu sein. Ein Tag, der so traurig begonnen hatte, nahm ein fröhliches Ende. Bereits am nächsten Morgen hatte Elisabeth die ersten Kontaktanfragen in ihrer Mailbox: „Sie haben eine neue Nachricht. Knuddelbär mag Sie!“ las Elisabeth und loggte sich ein. „Knuddelbär? Na ja, auch nicht so spannend“ dachte sie während sie auf das Foto blickte. Knuddelbär war ein Mann von 64 aus Dissen im Teutoburger Wald. Nachricht wie folgt: „Hallo schöne Frau. Ich glaube, Du bist die Richtige und ich möchte Dich gerne kennen  lernen. Habe ein schönes Haus mit Garten, meine Töchter sind beide verheiratet und meine Frau ist kürzlich verstorben.“ „Oh, je“, dachte Elisabeth und lächelte schwach. „Das ist ja fast noch schlimmer als Paderborn-Süd“.

Sie ging ins Bad, machte sich fertig fürs Büro und dachte an Marianne. „Was die dazu sagt, kann ich mir schon denken“. An diesem Dienstagmorgen regnete es und Elisabeth trug ihre gepflegte Jeans zu einem himmelblauen Kaschmir-Pulli. Die Highheels standen fragend im Schuhregal, aber Elisabeth sah sie nur skeptisch an. „Heute bestimmt nicht!“ und nahm ihre dunkelblauen Lederstiefelletten aus dem Regal. Marianne erwartete die Freundin schon. „Na, gibt’s was Neues?“ fragte sie.

„Kennst du vielleicht Knuddelbär?“ lachte Elisabeth.  „Nee, wer ist das denn?“ grinste Marianne. In der Frühstückspause öffnete sie die Dating-Club-Seite und zeigte Marianne Foto und Nachricht von ihrem ersten Kandidaten. „Um Himmels Willen“, sagte Marianne. „Der sucht doch Schneewittchen! Hinter den sieben Bergen im Teutoburger Wald kannst du dann Haus-und Gartenpflege betreiben.“ Doch zwei neue Nachrichten waren inzwischen eingegangen. Die erste war von „Spiderman“ an Lady Blue Star: „Hallo, mein Stern! Ich bin der Ulli und hab viel Zeit dich zu verwöhnen. Bin zurzeit arbeitslos und suche eine tolle Frau wie dich, die nackt mit mir kocht.“ „Noch so einer, der versorgt werden will“, sagte Marianne spöttisch.  „Der will nicht nur nackt kochen, sondern vor allem dein Geld.“ Elisabeth seufzte, „Mal sehen, was der nächste will“?

„Rainbow“ an „Blue Star“: „Schönen guten Morgen, süße Lady. Dein Foto und Profil haben mich sehr inspiriert. Würde gerne mehr von Dir wissen und wünsche Dir einen angenehmen Tag.“ „Na ja, das klingt ja ganz nett“, meinte Marianne, die sich über Elisabeths Schulter beugte. „Geh doch mal auf sein Profil“. Elisabeth öffnete „Rainbows“ Profil und sah ein Bild von einem adretten Mann in Jeans und Sporthemd mit dunklen Haaren und Brille, der sie jungenhaft angrinste. Er war 56 und lebte als Single in Gelsenkirchen…leider! Das war schon eine ziemliche Entfernung. „Dem würde ich trotzdem mal antworten“, meinte Marianne zu ihrer Freundin. „Scheint ja ganz nett zu sein“. „Versuch macht klug“, antwortete Elisabeth lächelnd und schloss die Seite, denn die Pause war vorüber.

Stunden später saß sie zuhause und antwortete „Rainbow“, der im wahren Leben Thomas hieß und Ingenieur war, wie sich bald herausstellte. Überhaupt verlief der erste Mail-Kontakt sehr vielversprechend, und sie verabredeten sich für ein erstes Telefonat am nächsten Abend. Gut gelaunt ging Elisabeth an diesem Abend ins Bett und freute sich schon, Thomas Stimme zu hören. Marianne hatte ihr Mut gemacht, „Entfernungen kann man überwinden, wenn die Gefühle stimmen“.

Um kurz vor acht Uhr brühte sich Elisabeth einen Tee auf und wartete gespannt auf das Klingeln ihres Telefons.  Ihr Herz klopfte ein wenig schneller als normal und ihre Hände wurden feucht. So aufgeregt war sie und riss beim ersten Ton den Hörer an sich. Es war ein gutes Gespräch. Fast zwei Stunden tauschten sie ihre Gedanken aus, lachten viel und kamen überein, sich zwei Wochen später in Bielefeld zu treffen. Elisabeth war glücklich.

„So ein netter Mann“, dachte sie. „Keine blöden Anmachsprüche, kein stumpfsinniges Gerede, einfach nur gut“. In dieser Nacht träumte Elisabeth einen wunderschönen Traum. Sie sah sich selbst tanzend auf einer Blumenwiese im Sonnenschein. Und als um 7 Uhr ihr Wecker jäh den Traum beendete, sprang sie beschwingt aus dem Bett. Der Regen hatte sich verzogen, nur ein paar kleine graue Wolken trieben am Himmel. Elisabeth öffnete ihren Kleiderschrank und wählte einen bunten, schwingenden Rock mit passender Bluse für den Tag, der eigentlich besser für eine Party gepasst hätte als fürs Büro. Aber dieses Outfit entsprach genau ihrer heiteren Frühlingsstimmung. Singend ging sie unter die Dusche. Dieser Tag fing gut an! Natürlich berichtete sie Marianne über das Telefonat in allen Einzelheiten. „Das ging ja schnell“, lachte diese und freute sich mit ihrer Freundin wie zwei Teenager.

Himmelblaue Träume

Fast täglich tauschten Elisabeth und  Thomas nun Emails aus, und sie hatte das Gefühl, ihn schon recht gut zu kennen. „Wie sensibel und sinnlich er doch ist“, dachte sie als sie seine neueste Nachricht las. „Meine wunderschöne Lady, ich kann es kaum erwarten, dich in meinen Armen zu halten, deinen Atem zu spüren und dich innig zu küssen. Habe mir heute ein Hotelzimmer gebucht und freue mich riesig auf unser erstes Wochenende.“ Wie in jedem Jahr fanden am letzten Aprilwochenende die „Nachtansichten“ statt.  Museen, Kirchen und Galerien waren bis spät in die Nacht geöffnet, die ganze Altstadt wurde mit bunten Laserstrahlen illuminiert, überall gab es Musik und Tanz in allen Richtungen. Thomas hatte sich ein kleines Waldhotel ausgesucht, in dem er die Nacht verbringen wollte, um ihr beim ersten Treffen nicht zu nahe zu kommen, ihr Freiraum zu lassen.  So hatte er jedenfalls geschrieben.  Elisabeth malte sich aus, wie sie mit ihm in dieses Waldhotel fuhr und sich bei einem romantischen Essen näher kommen würden. Sie träumte davon in seinen Armen zu liegen und Liebe zu machen.

Nach Büroschluss fuhr sie mit Marianne in die Innenstadt mit der Idee, sich schicke Dessous für die Nacht zu kaufen.  „Ich bin ziemlich aus der Übung“, flüsterte Elisabeth ihrer Freundin zu als sie den eleganten Laden in der Altstadt aufsuchten. „Das macht doch nichts“, lachte Marianne. „Das macht es noch prickelnder“.  Und so kicherten beide während die Freundinnen zwischen Strings und Strapsen, schwarzen Korsagen und Spitzen-BHs wählten. Eine gepflegte Verkäuferin im besten Alter kam diskret auf sie zu und bot ihre Beratung an. „Ich will ja nicht wie eine Nutte aussehen“, erklärte Elisabeth während sie einen knallrosa BH mit passendem String beiseite legte. „Sonst denkt er ja, ich sei im horizontalen Gewerbe unterwegs“.  Marianne und die Verkäuferin grinsten Elisabeth vielsagend an und Marianne stöberte durch die angebotene Reizwäsche. „Ein paar Pfunde habe ich schon zu viel auf den Rippen und mein Po ist auch nicht mehr der knackigste“ gab Elisabeth zu bedenken als die Verkäuferin ihr ein seidiges Wäscheset präsentierte. „Wir haben besonders viel Auswahl für reifere Damen und finden bestimmt etwas passendes“, erklärte die verkaufsorientierte Dame schnell  und begab sich in den hinteren Teil des Geschäfts zu den größeren Größen. Marianne hielt plötzlich ein hellblaues Wäscheset hoch, ein BH- Hemdchen aus zarter Spitze mit passendem Slip. „Wie gefällt dir das denn, Lady Blue Star“? fragte sie lächelnd. „Das passt zum Thema und kaschiert die Rundungen“. Elisabeth staunte wieder einmal, dass Marianne so treffsicher und schnell genau das Richtige gefunden hatte. Der Preis war auch angemessen und so verließen beide den Laden in bester Stimmung. Kosmetika standen als nächstes auf der Einkaufsliste, denn Elisabeths Fundus in diesen Dingen erschien Marianne etwas antiquiert. So erstand Elisabeth noch glitzernden Körperpuder, himmelblauen Lidschatten, neues Mascara und ein sinnlich riechendes Duschbad. Froh gelaunt ließen sich die Freundinnen in einem Bistro nieder, kommentierten die Outfits der Passanten und amüsierten sich prächtig. Später zu Hause standen sie vor Elisabeths Kleiderschrank und diskutierten über die alles entscheidende Frage: „Was ziehe ich an?“, es war ja noch nicht klar, wie und wo genau der erste Abend mit Thomas stattfinden sollte, wie das Wetter sein würde und überhaupt…. Zum Tanzen ein Rock…oder lieber ein Kleid, Jacke oder nicht… alles wichtig und durchaus eine Überlegung wert. Was war, wenn Thomas nicht Tanzen wollte? Egal, sie hatten diverse Ideen und Elisabeths Kleiderschrank war gut sortiert. Beide Frauen genossen diese mädchenhafte Aufregung, die Wochentage schienen nur so dahin zu fliegen. „Himmelblaue Träume im Frühling… fast schon ein wenig kitschig“ dachte Elisabeth während sie sich mit dem neuen Wäscheset vor dem Spiegel bewegte nachdem Marianne gegangen war. Wehmut überkam sie, als sie ihr Abbild betrachtete. Es war weniger das Alter, das sie fürchtete, denn für 53 sah sie noch ganz gut aus. Alles nicht mehr taufrisch, aber sehr gepflegt. Ihre Haut war weich und seidig, fühlte sich gut an. Da sie viel zu Fuß ging, weil ihr ein eigenes Auto zu teuer war, hatten sich ihre Beine sogar positiv verändert. Ihre Waden waren wohlgeformt und hatten mehr Muskeln als früher, selbst ihre Oberschenkel waren schlanker und straffer als in ihren 30ern. Darauf war sie sogar ein bisschen stolz, nur die Schwangerschaften hatten unwiderrufliche Spuren auf ihrem Bauch hinterlassen. Doch auch das sorgte sie nicht ernsthaft, seit ihr während der Therapie klar geworden war,  wie viel Kraft in ihrem Frausein steckte. Sie hatte Kinder getragen und genährt, gute Kinder, die sie von Herzen liebte. Anders als der Bierbauch vieler älterer Männer hatte ihr Bauchansatz eine sehr positive Ursache. Und in diesen zarten eleganten Dessous fand sie sich durchaus attraktiv. Dennoch fühlte sie eine seltsame Traurigkeit, die tief in ihr verborgen war. Sie setzte sich für einen Moment auf die Bettkante und atmete tief durch. „Was soll das?“ fragte sie sich. „Woher kommt diese Stimmung jetzt, ich sollte doch glücklich sein und mich auf mein Date freuen“.  Klaus fiel ihr ein, die Nächte auf Amrum…und all die Träume und Pläne, die sich nicht erfüllt hatten. Dann Jörg aus dem Gospelchor… erst hatte er sie angemacht, dann……… Wieder eine geplatzte Seifenblase… Elisabeth seufzte tief, spürte Tränen in sich aufsteigen als ihre Gedanken zurückgingen zu dem Tag, an dem Hartmut ausgezogen war. Blitzartig war diese Wendung ihres Lebens über sie gekommen. Scheinbar ohne Vorwarnung. War sie wirklich so blind gewesen?

Im Nachhinein hatte sie überlegt, wie sich die Dinge entwickelt hatten. Hartmut, der immer so sehr auf sein Äußeres bedacht war, adrett & agil seine Karriereleiter emporstieg. Immer häufiger Überstunden und Außentermine vorschob, speziell Freitagabend. Aber er hatte immer eine passende Erklärung für sie gehabt. Und sie hatte ihm geglaubt, hatte nicht weiter nachgefragt, denn alles schien ja in Ordnung zu sein. Ein Doppelleben ihres Gatten hätte sie nicht mal in ihren entferntesten Fantasien vermutet. Natürlich hatte er immer gern geflirtet, aber sie hatte geglaubt, das hätte seinem Sinn fürs Geschäftliche entsprochen……… immer der Strahlemann, Bankmanager auf dem Weg nach oben! Ihr wurde heute noch ganz schlecht bei dem Gedanken, dass er sonntags- nach dem Sex mit Claudia, seine eheliche Pflichtübung mit ihr durchgezogen hatte.

„Was für eine dumme Kuh ich doch war“ schalt sie sich im Stillen. „Vergiss es“ hatte Marianne so oft zu ihr gesagt, wenn sie diese Stimmung an Elisabeth spürte. „Lass endlich los, vergib dir und sieh nach vorn“. Und doch war diese Narbe in ihrer Seele nicht gänzlich verheilt, tat manchmal immer noch weh.

Jetzt saß sie hier in zarter Spitze vor dem Spiegel und wischte sich heimlich eine Träne aus dem Gesicht. „Das Leben geht weiter“, dachte Elisabeth. „Ob es besser wird“?  Sie zog die Reizwäsche aus und schlüpfte in ihre bequeme Jeans und Rollkragenpulli, schlang sich die Arme um die Taille und ging in die Küche um einen starken Kaffee zu trinken. „Den brauche ich jetzt“ dachte sie. „In zwei Tagen kommt Thomas und dann sehen wir mal, was das Leben noch zu bieten hat. Endlich mal wieder Sex… das wird mir gut  tun“! Lächelnd stand sie auf, stellte das Radio an und erledigte die angefallene Hausarbeit. „Mit Musik geht alles besser“ sagte sie sich und versuchte den italienischen Text von Romina Power mitzusingen, obwohl sie nur wenige Brocken italienisch sprach. Die hatte sie auf ihrer Hochzeitsreise in Venedig aufgeschnappt. „Nein, nicht schon wieder“, schalt sie sich als sie an diese romantischen ersten Wochen ihrer Ehe dachte, die sie unwillkürlich an den stumpfen Schmerz erinnerten.  Sie wechselte den Sender und es klang Tanzmusik der 60er Jahre durch ihre Wohnung. Beschwingt räumte sie das Geschirr in den Schrank und holte ihr Bügelbrett hervor, um sich mit der angefallenen Bügelwäsche zu beschäftigen.

Das Telefon klingelte, es war Susanne, die aus Freiburg anrief. „Hallo Mama, wie geht es dir“?  hörte Elisabeth ihre Tochter fragen. „Alles ok“?  „Klar, meine Kleine, alles bestens. War mit Marianne in der Stadt zum Shoppen“, antwortete Elisabeth ruhig. „Hast du dir was Schönes gekauft“, wollte Susanne wissen. Elisabeth zögerte einen Moment lang, denn was sie gekauft hatte, ging ihre Tochter nun wirklich nichts an. „Ach so dies und das“, sagte sie schnell. „Neues Make up war mal wieder dran“. „Prima, Mama, mach dich mal wieder richtig hübsch… es ist doch Frühling“, lachte Susanne ins Telefon. „Schön, dass es dir gut geht. Wollte dir nur sagen, dass ich am Wochenende nicht kommen kann. Marcel hat mich zu einem Segelturn eingeladen“. Erschrocken stellte Elisabeth fest, dass sie den Besuch ihrer Tochter längst vergessen hatte. „Macht nichts, Kleine“, sage sie stattdessen.  „Vielleicht gehe ich mit Marianne aus. Viel Spaß für dich!“ „OK. Dann bis bald, muss jetzt los zum Sport“, erwiderte die Tochter und hörte nicht mehr wie Elisabeth „Tschüss“ sagte.

Doch diesmal war Elisabeth erleichtert. Sie wollte ihre Tochter weder belügen noch ihr erzählen, was sie wirklich vorhatte. Denn erstens wusste sie noch nicht, wie die Sache mit Thomas tatsächlich lief, zweitens befürchtete sie, dass Susanne ihre Skepsis schüren könnte. Und gerade das konnte Elisabeth im Moment so gar nicht gebrauchen. Sie wollte sich freuen, ihre Freiheit genießen, etwas Schönes erleben… und vor allem keine dummen Fragen ihrer Tochter beantworten, die ohnehin ihr eigenes Leben lebte. In der Mailbox wartete eine Nachricht von Thomas, der ihr schrieb, dass er sich am Samstagnachmittag mit ihr treffen wollte. Abends sollte es dann in die Stadt gehen, ein romantisches Dinner zu zweit und anschließend wollte er sie zum Tanzen ausführen. Elisabeth war hocherfreut, alles lief ganz nach Wunsch.

Thomas

An diesem letzten Samstag im April zeigte sich der Frühling von seiner schönsten Seite. Die Sonne schien direkt in Elisabeths Schlafzimmerfenster, forderte sie geradezu auf, aus dem Bett zu springen… hinein in den verheißungsvollen neuen Tag.  Elisabeth lächelte schon beim Aufstehen und versuchte sich an den Traum der letzten Nacht zu erinnern, doch alles was ihr einfiel waren rudimentäre Bruchstücke von hohen, alten Tannen, die um ein altes Haus herumstanden, dessen Bruchsteinmauern etliche Lücken hatten.  Sie dachte nicht weiter darüber nach, konnte nichts damit anfangen, denn sie war viel zu aufgeregt… endlich würde sie Thomas treffen und höchstwahrscheinlich eine heiße Nacht mit ihm erleben!

Statt in Ruhe zu frühstücken wie sie es normalerweise an Samstagen tat, entschied sich Elisabeth für ein ausgiebiges Bad. Ihre Beine mussten noch enthaart werden, die Nägel brauchten einen neuen Anstrich und sie wollte sich von Kopf bis Fuß schön und gepflegt fühlen… sich endlich wieder mal als attraktive Frau fühlen!  Sie drehte erst das Wasser an, dann die Kaffeemaschine, um sich es sich mit Kaffee in der Badewanne gemütlich zu machen.  Sie gab eine duftende, goldschimmernde Essenz ins Wasser, die mit „Lebens-freude“ deklariert war, stellte die Kaffeetasse neben die Wanne und stellte das Radio an. Die Sängerin Adele tönte voll durch den kleinen Raum, unterstrich Elisabeths erwartungsvolle Stimmung, während diese ihr hellblaues Wäsche – Set auf die Ablage legte, sich ihres Pyjamas entledigte und in die Wanne stieg. Wohlig räkelte sie sich im warmen Wasser, trank einen Schluck Kaffee, sang mit Adele um die Wette und war einfach glücklich. Kein ganz großes Glück, eher ein Gefühl völliger Unbeschwertheit, die freudige Erwartung auf das Glück, auf das sie heute hoffen durfte. Die Farbe des Tages war blau… himmelblau, meeresblau, mitternachtsblau. „Wie die blaue Blume Sehnsucht“, dachte Elisabeth während sie den dunkelblauen Seidenrock anzog und das meeresblaue Shirt dazu. Sie hatte noch viel Zeit bis zum Treffen mit Thomas, es war immer noch Vormittag. Sie putzte ihre blauen Pumps aus glattem Leder und dachte an die Highheels, die immer noch lauernd im Schuhregal lungerten. „Lieber nicht“, dachte sie. „Mit schmerzenden Füßen den ganzen Tag auf den Beinen zu sein ist auch kein Vergnügen“.  Denn es sollte ja ein langer Tag werden, vor allem aber eine lange Nacht!

Ein paar Stunden später saß „Lady Blue Star“ in der Stadtbahn und fuhr dem Glück entgegen. So fühlte es sich jedenfalls an. Elisabeth hätte platzen können vor Aufregung, kribbelig war sie wie ein kleines Mädchen vor dem Schulausflug.  Innerlich triumphierend beobachtete sie die Fahrgäste in ihrer Nähe, besonders die Frauen ihrer Altersgruppe, die mit ihren Einkaufstaschen und voll beladenen Shoppern auf Rädern nicht gerade glücklich wirkten. Zwei rundliche türkische Frauen mit langen Mänteln und Kopftüchern saßen ihr völlig ungeschminkt gegenüber und unterhielten sich. Ihre Gesichter wirkten müde und verbraucht. In Elisabeth wuchs das Gefühl von Freiheit, das sie zunehmend genoss. Sie fühlte sich jung und schön, elegant und attraktiv… mit einem Prickeln im Bauch. Und mit diesem Prickeln stieg sie aus und ging leichtfüßig die Straße entlang der Kunsthalle entgegen, wo sie Thomas treffen würde. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie 5 Minuten zu früh war. Sie machte einen kleinen Umweg, um nicht wartend herum zu stehen, denn das empfand sie nicht wirklich als ladylike. Er sollte auf sie warten, nicht umgekehrt. Doch als sie um die nächste Ecke bog, noch in aufregenden Gedanken versunken, wäre sie beinahe mit einem Mann zusammengestoßen, der sie erstaunt ansah.

„Das muss meine Lady „Blue Star“ sein“, rief er aus und hielt ihr eine rote Rose entgegen, mustert sie mit einem Blick und lächelte sie an. Elisabeth fühlte ihren Herzschlag stolpern, Adrenalin schoss durch ihren Körper, spürte sich erröten… eine Sekunde lang. „Du bist dann wohl der „Rainbowman“, Thomas…?“ erwiderte sie lächelnd, hatte sich wieder im Griff. „Wow, was für ein toller Mann“, dachte sie als sie die Rose nahm. Für einen Moment waren beide etwas verlegen, sprachlos von der plötzlichen Realität, in der sie gelandet waren.  Elisabeth, die in Kommunikation geübt war, fing sich als erste. „Hattest Du eine gute Fahrt“? fragte sie ihn aufmunternd. „Klar“, lächelte Thomas. „Bin fast geflogen…zu so einer schönen Frau“.  Er nahm ihre Hand und küsste sie leicht auf den Handrücken. „Oh, ein Gentleman der alten Schule“, dachte Elisabeth erfreut. Das war neu…ganz neu für sie! „Wollen wir etwas trinken gehen“, fragte Thomas sie grinsend. „Oder was möchtest Du tun“? Elisabeth strahlte in an, immer noch ein bisschen verlegen. „Einen Kaffee vielleicht, gleich hier im Bistro?“, schlug sie vor. „Gerne“, antwortet er und griff nach ihrer Hand. Sie gingen die wenigen Meter zum Café an der Kunsthalle und Thomas hielt ihr galant die Tür auf.  Er wies auf einen Tisch in der Ecke am Fenster mit Blick auf die Grünanlage. „Wollen wir uns hierhin setzen“`? fragte er sie. Ein romantischer Ort für ein erstes Date, stilvoll, aber nicht protzig und Elisabeth fühlte sich immer besser und sicherer. Thomas saß ihr gegenüber und blickte sie direkt an. Ein offener, ehrlicher Blick, der Elisabeth sehr gefiel.  Sie erwiderte sein Lächeln und für einen Moment war Stille zwischen ihnen.

Die gegenseitige Sympathie war fast schon greifbar. „Deine Augen strahlen so wunderschön“, sagte Thomas. „Ich bin so froh, dich life zu sehen“. Elisabeth schluckte, konnte sich nicht daran erinnern, wann sie zuletzt so umworben worden war.  „Ja, ich bin auch froh, dass wir uns real sehen können“, sagte sie leise.  „Das ist etwas anderes als online und am Telefon“. „Bist du jetzt enttäuscht? Oder entspreche ich deinen Erwartungen“? fragte er sie langsam, fühlte ein leichtes Zögern bei Elisabeth. „Keineswegs“, erwiderte diese. „Ganz im Gegenteil, du übertriffst meine Erwartungen“. Mehr wollte sie ihm noch nicht verraten, denn sie spürte einen Anflug von Angst in sich aufsteigen. Eine kleine, unbestimmte Angst, weil sie wusste, dieser Mann konnte ihr gefährlich werden. Akute Liebesgefahr! Denn so sehr sie sich auch wünschte, zu lieben und geliebt zu werden, so empfand sie doch auch diese deutliche Angst. Dieser Mann, mit seinen dunkelbraunen Augen, dichtem dunklem Haar, das ihm jungenhaft in die Stirn viel, sportlich, gepflegt, groß, charmant und offensichtlich intelligent…hatte alles, wirklich alles, was ihren Traumprinzen ausmachte. Sich in ihn zu verlieben, das wusste Elisabeth bereits nach den ersten Minuten, vielleicht schon auf den ersten Blick, war gefährlich!  100% emotionale Absturzgefahr… aber auch zu schön, um es nicht zu wagen.

Und so gab sie sich ungezwungen, plauderte angeregt mit ihrem Gegenüber, keine brisanten Themen, nur über Alltägliches, einfach so zu warm werden. Thomas schien es ähnlich zu gehen, er gefiel sich in der Rolle des Gentlemans, bestellte noch zwei Cappuccino und zwei Stück Torte, die sie beide genüsslich verspeisten. Das Gespräch wurde intensiver, sie unterhielten sich über ihre Scheidungen, die erwachsenen Kinder und persönliche Lebenserfahrungen. Thomas hatte einen erwachsenen Sohn, der im Ausland lebte und den er nur selten sah.

Nach drei Stunden in diesem Café bezahlte Thomas schließlich, beide brauchten eine Pause vom langen Reden. Erstmal war alles gesagt. Sie wollte Gelassenheit demonstrieren, nicht mit der Tür ins Haus fallen, keinesfalls ihre aufgewühlten Gefühle zeigen… ihre kleine Angst war immer noch da und wuchs mit jedem Schritt an seiner Seite.  Thomas zog einen Zettel aus der Tasche, auf dem er das Kulturprogramm des Tages ausgedruckt hatte, denn er war sehr kunstinteressiert.  Er wollte mit Elisabeth einige Galerien besichtigen, durch die Altstadt schlendern und dann mit ihr Essen gehen. Moderne Kunst war nicht gerade Elisabeths Spezialgebiet, hörte ihm aber aufmerksam zu und beobachtete neugierig, was er hier und da fotografierte.  Nachdem sie weitere drei Stunden durch diverse Galerien gewandert waren, die Thomas teils interessiert, teils gelangweilt betrachtet hatte, ließen sie sich in einem keinen, Restaurant in der Altstadt nieder. Sie wählten ein Menü für zwei Personen, erlesenen Rotwein und genossen das stilvolle Ambiente im abendlichen Kerzenschein. Elisabeth spürte wieder dieses Kribbeln im Bauch, der Abend war gekommen und die Nacht nicht mehr fern. Die Stimmung wurde zunehmend romantischer. Nach dem Essen gingen beide durch die bunt erleuchtete Altstadt, bewunderten das mit bunten Farben und wechselnden Mustern angestrahlte Rathaus und die vielen anderen historischen Gebäude. Es war recht voll geworden, Menschen drängten sich durch die Straßen und Gassen…staunendes „Ah!“ und „Oh!“ hörte man aus allen Richtungen. Wunderschön präsentierte sich Elisabeths Wahlheimat in dieser besonderen Nacht. Verschiedene Musikgruppen waren zu hören, die unterschiedlichsten Klänge und Rhythmen mischten sich mit den Farben und Mustern dieser Nacht. Das Gedränge auf den Plätzen machte Elisabeth heute nichts aus, sie konnte mit Thomas in der Menge versinken und auch er schien diese Nacht zu genießen.   „Ich habe nicht gewusst, dass Bielefeld so schön ist. In Gelsenkirchen ist alles grau“, sagte er freundlich zu ihr. „Ich bin ehrlich überrascht“.

Elisabeth war auch überrascht, weniger von Licht und Musik, als mehr von sich selbst und diesem Moment, in dem sie mit Thomas in der Menge stand, und sie plötzlich ein Gefühl tiefer innerer Gewissheit überkam. Egal was mit Thomas und ihr werden würde, sie wusste, dass diese Stadt die ihre war. Hier hatte sie die Gewissheit von Heimat, sie war genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Nie zuvor war ihr das so klar gewesen wie in diesem Moment. Diese Klarheit faszinierte Elisabeth und wusste, das war das eigentliche Geschenk dieser Nacht.

Sie blickte über die leuchtenden Muster der Häuser hinauf zum Mond am dunklen Nachthimmel und war tief in ihrer Seele einfach nur glücklich in diesem Augenblick der Zeit. Thomas lud sie ein mit ihr Tanzen zu gehen, irgendwo gab es eine House – Party, wo auch draußen getanzt wurde. Wenige Straßen weiter hörten sie laute Musik, sahen junge und ältere Leute, die in einem bunt beleuchteten Biergarten vor einer Kneipe tanzten.  Thomas hielt Elisabeths Hand und lächelte ihr aufmunternd zu.

Gabriele Richter